Trend-Suchmaschine Zeitgeist-Haschen leicht gemacht

Die Suchmaschine Google veröffentlicht Listen mit Suchanfragen, die bei den Surfern innerhalb von kurzer Zeit große Popularität erlangt haben oder die besonders unpopulär werden. So glaubt man, den Zeitgeist des Webs abbilden zu können. Haben die Google-Leute Recht, dann hat etwa Britney Spears nichts mehr zu lachen.

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Britney Spears: Nicht mehr im Trend, jedenfalls wenn es nach den Google-Nutzern geht
AP

Britney Spears: Nicht mehr im Trend, jedenfalls wenn es nach den Google-Nutzern geht

Mit dem Zeitgeist ist es schon so eine Sache. Die meisten verachten ihn scheinbar, lassen ihn links liegen. "Der Wind des Zeitgeistes weht heute da und morgen da", wetterte zum Beispiel Helmut Kohl in seiner Sturm-und-Drang-Zeit Ende der siebziger Jahre, "und wer sich danach richtet, der wird vom Winde verweht." Und auch der Philosoph Sören Kierkegaard hielt nicht viel vom Hetzen nach dem Trend. Wer sich mit dem Zeitgeist vermähle, werde "bald Witwer sein", beklagte er.

Doch nicht nur die Guido Westerwelles dieser Welt interessieren sich insgeheim doch für den Puls der Zeit. Trendsucher, Meinungsforscher, eine ganze Industrie macht sich tagtäglich mit verschiedenen Mitteln auf die Suche nach dem flatterhaften Massengeschmack. Einen Art neuen Indikator für Trends im Web bietet nun die Suchmaschine Google an. Sie veröffentlicht seit Februar eine so genannte Zeitgeist-Liste. Das ist eine Aufstellung von Suchbegriffen, die bei den Surfern innerhalb kurzer Zeit extrem an Popularität gewonnen oder verloren haben. Diese Liste ist interessant, weil sie ein Stück weit den aktuellen Geschmack der Internetnutzer wiederspiegelt.

Nicht wirklich ein Trend: Zu Ostern werden Osterkarten gesucht

"In den vergangenen drei Jahren ist uns klar geworden, dass wir Zeuge einiger sehr interessanter Trends werden", erklärt Firmensprecher David Krane die Idee hinter der Liste. Doch ein Blick auf die Listen zeigt, dass einem die vermeintlichen Trends nicht sofort ins Auge springen. Sehr oft stehen die Einträge in den Top-Ten-Aufstellungen im direkten Zusammenhang zu jahreszeitlichen Ereignissen oder zur aktuellen Nachrichtenlage. So scheint es nicht besonders viel mit Trends zu tun zu haben, dass im Frühjahr verstärkt nach virtuellen Osterkarten gesucht wird, oder dass verstorbene Show-Größen wie Jack Lemmon kurze Zeit nach ihrem Ableben noch einmal verstärkt ins öffentliche Bewusstsein zurückkehren. Auch dass zur Tour de France verstärkt nach Informationen über dieses Radrennen gesucht wird ist genauso verständlich wie untrendy.

Fegte Spears aus den Top-Fünf: Französische Show-Gewinnerin Loana
AFP

Fegte Spears aus den Top-Fünf: Französische Show-Gewinnerin Loana

Lassen sich aus den Google-Informationen also doch keine Rückschlüsse auf Veränderungen im kollektiven Web-Geschmack ziehen? Möglicherweise doch, etwa beim Thema Napster. War die Musiktauschbörse noch im Februar unter den Top-Ten der zuwachsstärksten Suchwörter zu finden, verschwand sie im Zuge ihres stetigen Bedeutungsverlustes schon im nächsten Monat aus der Hit-Liste. Mittlerweile ist dort stattdessen der Konkurrent Audiogalaxy zu finden.

A Star is born - vielleicht jedenfalls

Auch auf die Frage, wer in Zukunft das Zeug zum Star hat, geben die Google-Auswertungen aufschlussreiche Hinweise. So ist auf der jüngsten Gewinner-Liste die österreichische Tennisspielerin Barbara Schett zu finden, die es zwar in Wimbledon nur bis in die dritte Runde schaffte, aber in Abwesenheit der Russin Anna Kurnikowa als optisches Aushängeschild der Veranstaltung firmieren durfte. Ebenfalls unter den ersten Zehn landete die zumindest hier zu Lande völlig unbekannte britische Squash-Spielerin Vicky Botwright. Sie besticht, ähnlich wie Schett, durch ein vergleichsweise ansprechendes Äußeres.

Bei den Top-Fünf-Anfragen nach Prominenten hatte im Mai überraschend die Gewinnerin von "Loft Story", der französischen Variante von Big Brother, die Nase vorn. Relativ wahrscheinlich, dass auch bei der blonden Go-go-Tänzerin Loana das silikon-lastige Äußere im Mittelpunkt der Surfer-Begehrlichkeiten stand.

Apropos Silikon: Aus den Statistiken wird ein weiterer Trend erkennbar. Demnach sinkt der Stern von Britney Spears rasant. Lag sie noch in den Monaten Februar bis April unangefochten an der Spitze der Prominenten-Liste, tauchte sie im Mai noch nicht einmal unter den Top-Fünf auf. Und dort schaffte es immerhin sogar US-Präsidententochter Jenna Bush, die nicht wegen ihrer Optik sondern wegen ihrer Alkohol-Skandälchen berühmt wurde.

Um künftig noch näher am Puls der Zeit zu sein, will Google übrigens seine Zeitgeist-Liste, die auch im Original das deutsche Wort zum Titel hat, ab jetzt wöchentlich aktualisieren. Also gibt es endlich auch für den Durchschnittsbürger "zeitnahe" Hilfe zum Trend-Spotting. Denn irgendwo interessiert es selbst die abgebrühtesten Ignoranten des Zeitgeistes doch. Oder, um mit Marcel Reich-Ranicki zu sprechen: "Es ist anstrengend, auf der Höhe zu sein. Aber im Trend sein hält ja auch gelenkig, wenn man das zeitgeistige Gehampel nicht zu ernst nimmt."



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