Trittbrett Paranoia (Kein) "Antrax"-Wurm geht um

Es gibt Dinge, auf die ist einfach Verlass: Jedes Unglück findet einen Trittbrettfahrer in Form eines phantasielosen Virenschreibers, der im Kielwasser der Katastrophe nach Ruhm sucht. So wie im Fall des Milzbrand-Wurms.


Milzbrand-Bakterien: Eine tatsächlich tödliche Gefahr
REUTERS

Milzbrand-Bakterien: Eine tatsächlich tödliche Gefahr

"Service" gilt heute als Merkmal eines guten Journalismus. Im Falle des "Antrax"-Virus, der seit Mittwoch früh bekannt ist, grenzte das aber schon fast an Realsatire. Trotzdem:

Wenn Sie eine Mail erhalten, die folgende Botschaft enthält, bitte öffnen Sie diese nicht und lassen Sie sie im Papierkorb verschwinden:

    Betreff: Antrax Info
    Text: si no sabes que es el antrax o cuales son sus efectos aqui te mando una foto para que veas los efectos que tiene. Nota:la foto esta un poco fuerte.
    Dateianhang: antraxinfo.vbs

Nun sage niemand, so was öffne man sowieso nicht. Ähnlich platt und durchschaubar kommt auch das "Sircam"-Virus ("Hi! How are you?") daher - und wütet doch seit Wochen. "Antrax" versucht zumindest, sich die Angst vor dem Milzbrand zu Nutze zu machen. Dass dieser Versuch wohl kaum von Erfolg gekrönt werden dürfte, hat jedoch nicht nur sprachliche Gründe.

In diesem einen Fall ist eine Entwarnung eher angesagt als eine Warnung vor dem Wurm: Wer auch immer eine Virenschutz-Software installiert hat, dürfte vor "Antrax", auch bekannt unter VBS.VBSWG.AF, weitgehend sicher sein. Der Hauptgrund: "Antrax" ist ein erstens schlecht programmierter Wurm mit eingebauter Ladehemmung, zweitens ein Wiedergänger, ein Zombie. Bereits im März 2001 machte das Virus seinen ersten erfolglosen Versuch - neu ist an dem Ding nur der "Spitzname".

Mit solchen Aktionen versuchen Virenautoren, Öffentlichkeit zu erreichen. Die Web-Welt ist voller verwirrter Guzman-Nachahmer, die wie der in solchen Kreisen mittlerweile berühmte Autor des "I Love You"-Virus um jeden Preis einmal weltweit Schlagzeilen machen wollen. Das gelingt schon, quod erat demonstrandum, indem man ganz hirnlos ein längst bekanntes, entschärftes und von Haus aus eher harmloses Virus mit einem neuen Namen versieht und auf die Reise schickt. Wenn die reale Welt verrückt genug ist, um lauter spätpubertierende Witzbolde hervorzubringen, die Milzbrand-Briefumschläge verschicken, warum sollte das in Cyberia anders sein?

Unter dem Strich sind Würmer wie "Antrax" also PC-Viren, die den "Artensprung" schaffen und sich vor allem in manchen Köpfen festsetzen. Symantec meldet das neue Virus pflichtschuldigst und versucht, es in sein Raster des Gefährdungspotenzials einzupassen - offenkundig mit einiger Mühe. Denn sowohl das Vorkommen als auch die Verteilungsgeschwindigkeit und die verursachten Schäden sind "gering". Die Eindämmung und Vernichtung des Virus werden als "leicht" bezeichnet. Über tatsächlich verursachte Schäden ist bisher absolut nichts bekannt.

Frank Patalong



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