Tropico Ich möcht' so gern Diktator sein

Die Anzeige am Schwarzen Brett der Despotenschule klang viel versprechend: "Nachwuchsdiktator gesucht, keine Berufserfahrung notwendig, leistungsgerechte Bezahlung (Schwarzgeld), nette Untertanen, sonniger Arbeitsplatz." Doch dann begann der harte Alltag.
Von Alexander Stirn
Der ultimative Diktator: Lou Bega bringt Tropico zum Tanzen

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Strandschönheit: Erst der Tourismus lässt Tropico richtig aufblühen

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Alles für den Herrscher: Viva el Presidente

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Das Geld auf dem Schweizer Bankkonto floss nur äußerst spärlich, die heiße Karibiksonne machte die Landwirtschaft zunichte, und das Volk erwies sich als überhaupt nicht anspruchslos. Nicht nur, dass die nervigen Untertanen ständig nach Nahrung verlangten, irgendwann kam auch noch dieses komische Fremdwort auf: Demokratie.

Tja, das Leben als karibischer Inselherrscher ist nicht einfach. Was es dabei alles zu beachten gibt, zeigt die jetzt vom Spielehersteller PopTop Software auf den Markt gebrachte Aufbausimulation "Tropico". Als Gebieter über ein idyllisches Eiland gilt es, die unterentwickelte Bananenrepublik namens Tropico (hat hier jemand Kuba gesagt?) zu Wohlstand und Zufriedenheit zu führen oder das eigene Bankkonto möglichst prall zu füllen. Die Optik ist gefällig, die Umsetzung glänzt mit frischen Ideen und frechem Humor.

Schon vor Spielbeginn ist die erste Entscheidung notwendig: Der künftige Präsident muss wählen zwischen einer Amtszeit aus der Retorte - in Form von acht (meist höllisch schweren) Szenarien - und einer von eigener Hand entworfenen Insel. Egal ob Größe, Vegetation oder Bodenschätze, ob politische Stabilität oder Spieldauer, am Anfang dürfen Nachwuchsherrscher wenigstens einmal Gott spielen.

Auch der Spielcharakter ist frei wählbar. Von Altstars wie Che Guevara oder Fidel Castro über fast vergessen Diktatoren à la Antonio Salazar bis hin zu in der internationalen Regentenszene völlig unbeschriebenen Blättern: So darf Lou Bega, in den Augen der Spiele-Entwickler ein "unternehmerisch orientierter, schmieriger Schürzenjäger", den Mambo nach Tropico bringen.

Wer es noch individueller will, legt die Charaktereigenschaften seiner Figur selbst fest. Die Optionen reichen vom Werdegang (Rum-Tycoon bis Generalissimio), über die Stärken (arbeitsam bis unbestechlich) bis hin zur Machterlangung (Wahl als Reaktionär oder Einsetzung durch den KGB).

Doch so hart es klingt, ein echter Diktator muss auch Schwächen haben. Die Wahl zwischen hässlichem Äußeren, Flatulenz oder schlecht sitzendem Toupet fällt dabei wahrlich nicht leicht. Logisch, dass in guter Simulantentradition die einzelnen Charakterzüge Einfluss auf den späteren Spielverlauf und den Erfolg bei verschiedenen Interessengruppen haben.

Nach dem Papierkram beginnt der Regentenalltag, der in der Regel - ein wiederkehrendes Manko der Aufbaustrategiespiele - zunächst sehr eintönig verläuft: Farmen bauen, Baufirmen etablieren, Löhne aushandeln, Häuser in die unberührte Landschaft stellen.

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Doch kaum ist das erste Wohnhaus gebaut, fordern die Bürger schon Entertainment und medizinische Versorgung. Die Kapitalisten wollen Industriebtriebe und Tourismus, die Militärs mehr Soldaten, den Religiösen kann schwerlich eine Kirche verweigert werden. Alle Hände voll zu tun - und das bei einer leeren Staatskasse und notorisch überarbeiteten Bauarbeitern.
 

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Eine weitere Frage stellt sich alsbald: Wohin soll der Weg führen: Militärdiktatur oder freies Land? Westlich orientierte Touristenhochburg oder Dependance Russlands? Egal wie die Wahl ausfällt, die sich rasch vermehrenden Bewohner fangen alsbald an zu murren, und auch die Chefs der verschiedenen Interessengruppen stellen unentwegt neue Forderungen.

Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, werden aus braven Bürgern Rebellen, muckt das Militär auf und gehen die Arbeiter auf die Straße. Fallen dann die ersten Schüsse, ist es meist zu spät. Schlachten toben in den Straßen, die Menschen bleiben hungernd ihren Arbeitsplätzen fern, die Staatskasse leert sich zunehmend. Letztlich liegt der Regentenpalast in Trümmern, und "El Presidente" flieht in einer Nussschale aufs offene Meer - am besten natürlich mit einem dicken Geldkoffer.

Das Risiko eines blutigen Endes lässt sich allerdings minimieren. An Auswertungs- und Kontrollmöglichkeiten mangelt es in "Tropico" nicht. Im Gegenteil. Alljährlich gibt es einen umfangreichen Bericht, in dem besonders die Zufriedenheit, die wirtschaftliche Entwicklung und die Beurteilung durch die verschiedenen innen- und außenpolitischen Lager wichtig sind.

Auch zwischendurch lassen sich alle möglichen und unmöglichen Parameter abfragen. Wer es noch genauer wissen will, kann den Bewohner sogar ins Gehirn blicken. Dort finden sich dann bahnbrechende Gedanken wie "Ich wünschte mir, wir hätten ein Bob-Team", "Wenn ich groß bin, werde ich mal Diktator" oder "Schaut mir nicht dauernd in den Kopf".

Die Grafik, der die Verwandtschaft mit dem PopTop-Klassiker "Railroad Tycoon 2" deutlich anzusehen ist, kommt gefällig, wenn auch nicht überragend daher. Häuser und Menschen sind zwar nett gestaltet, bringen einen 500- Megahertz-Celeron-Prozessor aber schnell an seine Grenzen. Noch schöner wäre es, wenn an den Gebäuden ein gewisser Baufortschritt zu erkennen wäre.

Größtes Manko der komplexen Wirtschaftssimulation, bei der selbst ein virtueller Papstbesuch nicht fehlt, ist allerdings ihre restriktive Geldpolitik. Einmal in die Miesen geraten, gibt es fast keine Möglichkeit, wieder aus dem finanziellen Schlamassel zu kommen. Kredite, und seien es nur kurzfristige, suchen Nachwuchsdiktatoren vergebens.

Nicht zuletzt aus diesem Grund bleibt Tropico ein Spiel für eingefleischte Aufbaufans. Wer seinen spielerischen Lebensinhalt darin sieht, Bürger glücklich zu machen und die eigene Wiederwahl zu sichern, ist mit der erfrischenden Simulation gut bedient. Andere könnten am insularen Stress schnell verzweifeln.

Doch auch wenn es mit der Karriere im Karibikreich mal wieder nicht geklappt hat, auf Tropico gibt es keine Verlierer. "Presidente, ihre Pläne waren magnifico", säuselt der speichelleckende Kofferträger im Ruderboot - und macht umgehend den Schuldigen aus: "Leider hat das Volk nicht begriffen, was es an Ihnen hat."

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