TV im Web Wenn schon Trash, dann aber richtig

Wer sich als deutscher TV-Freund das volle digitale Angebot gönnt, kommt in den Genuss von bis zu 104 TV-Sendern, die sich inhaltlich manchmal sogar unterscheiden. Aber zeigen die auch "Ultraman" oder "Der schweigende Planet"? Bestimmt nicht: Wer echte Film- und TV-Perlen sucht, findet sie eher im Web.


So was gibt's sonst nur auf Kabel 1: Preiswert produzierte Klassiker, die Spaß machen

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In ihrem Song "Nobody Home" vom legendären Konzeptalbum "The Wall" (1979) besangen die alten Bombasto-Rocker von Pink Floyd ihre Vision von der totalen sozialen Vereinsamung, schleichenden Verdummung, vom inneren Absterben. Sie beschreiben diesen Tiefpunkt mit dem Satz "I got thirteen channels of shit on the TV to choose from" - "Ich habe dreizehn Fernsehkanäle voller Mist zur Auswahl".

Eine Art Hymne für den Samstagabend also, mit dem Unterschied, dass wir alle die 13 durch eine 30 ersetzen müssten: Viel weniger TV-Programme empfängt kaum noch jemand in deutschen Landen.

Das ist eine Menge Auswahl - und eine Menge Mist.

Von nachmittäglichen Talkshows über sich inflationär vervielfältigende maue Comedy-Programm-Imitationen bis hin zum ZDF-Supergau "50 Jahre Rock" - dem absoluten Tiefpunkt der deutschen TV-Geschichte und wahrscheinlich deshalb erst einmal wiederholt - gibt es eine Menge Müll, der uns die Lust am Trash verleiden könnte.

Im Ernst: Trash kann ja auch Spaß machen. Weit weniger peinlich, als Thomas Gottschalk beim Zertrampeln der Pop-Geschichte zuzusehen, ist es doch, dem guten alten Gummidrachen Godzilla beim Einstampfen Tokios zuzuschauen. Immer mehr vor allem junge Internet-Nutzer haben das längst begriffen und kehren der guten alten "Glotze" den Rücken.

Einer aktuellen Studie zufolge ist bereits für 38 Prozent aller männlichen Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren das Internet das Freizeitmedium Nummer Eins. Breitbandige Internetverbindungen machen auch im Web bewegtes Entertainment möglich - da ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die etablierten Schnarchsender einer zunehmend internationalen Konkurrenz stellen müssen.

Die ersten Web-Wettbewerber senden längst.

"Webranger Nostalgia Broadcasting" gehört dazu. Webranger bietet fünf "TV-Kanäle". Als Streaming-Schnittstelle dient der bekannte Winamp-Player, der in den letzten Monaten mächtig aufgebohrt wurde. Es lohnt sich auch der Blick ins Auswahlmenü "Internet TV", denn dort schießt die Zahl der "Sender" ins Kraut: Eine echte, oft bizarre Alternative zum "normalen" Fernsehen.

Die Zukunft: Web- statt TV-Sender?

Doch zurück zu "Nostalgia". Das Angebot "verschenkt" seine Angebote als Appetizer auf den kommerziellen Teil: Dort warten derzeit 250 on-demand-Filme auf den Download im Abo. So kann man sich das vorstellen: Nischenangebote als Download-"Videotheken" im Internet statt Pay-TV-Abo. Zukunftsmusik, aber warum nicht?

Bis dahin dürfen die Bandbreiten noch ein wenig weiter wachsen und der Homeserver darf Internet und Fernseher verbinden - ein Killerrezept gegen die samstägliche TV-Langeweile.

In dieser Woche läuft bei "Nostalgia" zum Beispiel "First Spaceship to Venus", die 1962 notdürftig englisch synchronisierte Fassung eines Science-Fiction-Films aus der DDR: Dort hieß das Ding 1959 "Der schweigende Planet".

Das ist ein Superheld: Der deutlich zu groß geratene Ultraman nimmt es mit Gummidrachen von Hochhaus-Größe auf

Das ist ein Superheld: Der deutlich zu groß geratene Ultraman nimmt es mit Gummidrachen von Hochhaus-Größe auf

Ein Kunstwerk allererster Güte: In einer weit entfernten Zukunft (1985) liebt sich die Menschheit und lebt harmonisch im Sozialismus. Gemeinsam startet eine internationale Crew, in der sich alle mögen und respektieren, zur Venus. Dort ist endlich ein bisschen Krise angesagt, zwei sterben sogar, indem sie sich für das Kollektiv opfern. Am Ende kehren die anderen zurück und überbringen der Menschheit die Friedensbotschaft, die sie dadurch begriffen haben, und alle haben sich noch lieber als vorher. Wahnsinn.

Solche Schenkelklopfer bekommt man viel zu selten zu sehen, bei "Nostalgia" dafür en Masse. In schneller Abfolge läuft die Venus, gefolgt von der legendären Bonanza-Folge "Der letzte Wikinger", "The Stranger" mit Orson Welles hält dagegen, während auf den anderen Kanälen Kleinodien wie "Flash Gordon", "The three Stooges" oder "Beyond Justice" mit Rutger Hauer flimmern.

Dazu gibt es das "Theater", das im Augenblick Folgen des japanischen Superheld-bekämpft-Gummimonster-Epos "Ultraman" zum Besten gibt: So was bekommt man selbst in den düstersten Stunden des deutschen Fernsehens leider kaum mehr zu sehen.

Was zeigt, wie man mit dem Trash umgehen sollte: Wichtig ist es, die Grenze der Peinlichkeit souverän und deutlich zu unterbieten, dann wird die Sache wieder lustig. Also, liebes ZDF: für den zweiten Teil von "50 Jahre Rock" bitte den Gottschalk in einen silbernen Schlafanzug mit Helm und Gesichtsmaske stecken - und schon klappt die Sache!

Frank Patalong



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