Livestreaming in Corona-Zeiten Warum die Musik jetzt bei Twitch spielt

Die Plattform Twitch ist vor allem bei Fans von Videospiel-Livestreams populär. In der Coronakrise entdecken sie nun auch Kulturschaffende anderer Bereiche für sich.
Twitch-Stand auf einer Gamesmesse: Früher war das Angebot fast nur für Spielefans relevant

Twitch-Stand auf einer Gamesmesse: Früher war das Angebot fast nur für Spielefans relevant

Foto: Michael Nelson/ DPA

Die Möglichkeiten, sich in den eigenen vier Wänden unterhalten zu lassen, sind dank digitaler Angebote prinzipiell unendlich. Wer sein Yoga-Soll erfüllt, alle Heimwerkerprojekte abgeschlossen und sich kreativ ausgetobt hat, der kann sogar noch anderen Menschen bei kreativen Tätigkeiten zusehen. Das geht beispielsweise über Twitch, die Amazon-Tochter mit dem Schwerpunkt Videospielstreaming.

Seit dem Start des Portals 2012 wächst es Jahr für Jahr. 2019 verbrachte laut Jahresbericht der Statistikseite StreamLabs das Publikum in aller Welt zehn Milliarden Stunden vor Twitch, um Streamern wie Shroud oder HandOfBlood beim Spielen von Titeln wie "Fortnite" oder "League of Legends" zuzusehen. Das entspricht einer Steigerung von knapp zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Neue Kanäle für altbewährte Inhalte

Trotz dieser riesigen Basis von Zuschauerinnen und Zuschauern beschränkte sich das Angebot von Twitch lange weitgehend aufs Spielestreaming. In diesen Tagen jedoch wandelt sich die Plattform quasi im Schnelldurchlauf. In der Coronakrise wird Twitch zunehmend von Berufsgruppen entdeckt, die ihre Fans normalerweise nicht nur über den Bildschirm, sondern vor allem in Musikklubs, Stadthallen oder Stadien erreichen.

"Da immer mehr große Veranstaltungen aufgrund von Covid-19 abgesagt werden, haben wir Anfragen von einigen Organisationen bezüglich Streaming erhalten", bestätigt Twitch auf SPIEGEL-Nachfrage. Derzeit arbeite man "wo immer möglich mit Personen und Organisationen zusammen, um ihre Events zum Leben zu erwecken und unseren Teil beizutragen".

Die Live-Funktionen von Social-Media-Apps wie Facebook und Instagram werden zwar schon länger von Musikerinnen und Musikern oder Autorinnen und Autoren genutzt. Geld lässt sich mit diesen Streams aber nur auf Umwegen verdienen. Bei Twitch, wo sich zum Beispiel Kanal-Monatsabos gegen Geld abschließen lassen , ist das anders, zudem erreichen Inhalte nicht nur die eigenen Follower.

Seit Kurzem auf Twitch aktiv ist etwa Saša Stanišić. Der Autor, der 2019 für "Herkunft" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, hatte seine Fans nach der besten Plattform für eine Benefizlesung zugunsten der Organisationen Seebrücke und Medico International gefragt. So war er auf der Plattform gelandet. Sein jüngster Twitch-Stream wurde nun über 6000-mal aufgerufen, dabei kamen Spenden in Höhe von 17.000 Euro zusammen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Andere Autorinnen und Autoren stampfen direkt eigene Formate aus dem Boden. Zu ihnen zählt Jasmin Schreiber, die auf dem Kanal lavievagabonde  Benefizlesungen unter dem Titel "Literatur im Pyjama" streamt. Zusammen mit anderen Kulturschaffenden betreibt Schreiber auch den Twitter-Account Streamkultur , der deutschsprachige Livestreams aus dem Kulturbereich sammelt und kuratiert. Das Angebot wird dankend angenommen: Der Account existiert seit März und hat bereits über 5000 Follower.

Deutschland zeigt Aufholbedarf beim Streaming

Dass Twitch wegen der Coronakrise im Aufwind ist, belegen auch Nutzerzahlen zum deutschsprachigen Teil der Plattform. Laut der Statistikseite Twitchtracker  erreichte die durchschnittliche Zahl an gleichzeitigen Zuschauern vor dem Ausbruch der Pandemie nur am Wochenende die 100.000er-Marke, ansonsten bewegte sie sich zwischen 60.000 und 70.000. Seit Mitte März sind nun jeden Tag Werte zwischen 100.000 und 130.000 die Regel.

Literatur-Streams sind dabei noch immer eine Nische, anders aber sieht es in den Bereichen Musik und Sport aus, die beide besonders unter den Folgen des Virus leiden. Aber auch sie satteln verstärkt aufs Streaming um. Auch Twitch selbst hat diesen Trend aufgegriffen und unter den Titeln "Twitch Music" und "Twitch Sports" Anleitungen zur Einrichtung eigener Kanäle ins Netz gestellt.

Fangesänge jetzt auch digital

Das Grundgerüst dafür besitzt der Streaming-Dienst schon länger. Die Kategorie "Music & Performing Arts" findet sich regelmäßig in den Top 20 der gestreamten Inhalte, auch die E-Sport-Teams bekannter Sportvereine streamen ihre Partien schon lange. Nun allerdings müssen sich die Mutterunternehmen etwas Neues einfallen lassen, um ausfallende Saisonspiele und das fehlende Stadionfeeling auch nur ansatzweise zu kompensieren.

Die DFL setzt jetzt auf die "Bundesliga Home Challenge", ein Onlineturnier, bei dem Fußballprofis der Klubs in der Simulation "Fifa 20" gegeneinander antreten. Am Samstag spielte Schalke 04 gegen den FC St. Pauli, der von "Fifa"-Videomacher Simon "GamerBrother" Schildgen moderierte Stream wurde 450.000 Mal aufgerufen. 4500 Menschen waren live dabei. Im Kontext des Milliardengeschäfts Fußball wirken diese Zahlen mickrig. Allerdings ist das Konzept "Bundesliga Home Challenge" auch neu, die Sehgewohnheiten müssen sich erst einspielen.

Wohnzimmerkonzerte im Festivalformat

Anders ist das im Bereich Musik, wo Konzertvideos etwa auf YouTube schon lange zu den beliebteren Inhalten gehören. Und auch auf Twitch hat Musik ihren Platz, das liegt zum Beispiel an Künstlerinnen und Künstlern wie der seit September 2012 aktiven Sintica , der über 100.000 Personen folgen. Ein 24-Stunden-Livestream der deutschen DJane kam am Wochenende auf insgesamt knapp 90.000 Aufrufe. Klubs wären für so ein Interesse zu klein.

Die Musikerin und Autorin Amanda Palmer trat bei einem Charity-Stream der Veranstaltungsplattform Bandsintown auf

Die Musikerin und Autorin Amanda Palmer trat bei einem Charity-Stream der Veranstaltungsplattform Bandsintown auf

Foto: Kahn & Selesnick/ Big Hassle Publicity

Es geht sogar auch noch einige Nummern größer: Die Seite Bandsintown  dient normalerweise als virtueller Veranstaltungskalender; Bands aller Größenordnungen und Genres können dort ihre Konzerttermine einspeisen. Seit dem 17. März gibt es auch einen dazugehörigen Twitch-Kanal .

Dort fand am Donnerstag und Freitag vergangener Woche ein Mini-Musikfestival statt, mit dem Spenden für von der Coronakrise betroffene Musikerinnen und Musiker gesammelt wurden. Aufgetreten sind dabei unter anderem Musikerin und Autorin Amanda Palmer sowie die DJane Vivie-Ann Bakos alias Blond:ish - so kamen 270.000 Streamaufrufe zusammen. Ein 36-Stunden-Marathon des schwedischen Künstlerkollektivs Ingrid weist derweil sogar knapp über zwei Millionen Aufrufe auf.

All das zeigt: Twitch hat Wachstumspotenzial weit über das Gaming hinaus - erst recht dann, wenn der Trend hin zu digitalen Veranstaltungen die Coronakrise überdauern sollte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.