Binge-Eating im Livestream Twitch will mit Fress-Trend Geld verdienen

Erst drei Pizzen, dann noch frittierte Hühnchen: In Korea verdienen Internetstars Geld damit, vor der Kamera viel zu essen. Mok-Bang nennt sich der Trend, von dem auch Twitch profitieren will.

Es dauert keine vier Minuten, dann hat der schmächtige Südkoreaner alle zehn Burger verdrückt. Mit großen Bissen verschlingt BJ Banzz das Fast Food, die Kamera läuft mit und zeichnet die Fressorgie auf. Jeden Tag lädt BJ Banzz einen neuen Clip ins Netz, in denen er sieben Kuchen in sich reinschaufelt oder zehn riesige Nudelteller verdrückt. Er ist ein Star des sogenannten Mok-Bang. Einem Trend, bei dem es nicht darum geht, einfach nur vor der Kamera zu essen. Es geht darum, möglichst viel in sich hineinzuschaufeln.

Tausende Zuschauer sehen täglich solche Mok-Bang-Videos, die vor allem in Korea populär sind und meist auf der Videoplattform Afreeca TV ausgestrahlt werden. Doch auch bei YouTube ist der Trend sehr beliebt. Rund 900.000 Zuschauer haben den Kanal des Broadcast-Jockeys (BJ) Banzz abonniert und schauen ihm zu, wie er sein Essen verschlingt.

Das Videoportal Twitch hat das Potenzial der Fressclips erkannt und will Binge-Eating in den Westen holen. Neben Videospielen, Kreativ-Clips und Kochshows soll der Kanal "Social Eating " nun die Nutzer in den USA und Europa dazu animieren, vor laufender Kamera zu essen. Bei "Reddit" gehen die Kommentatoren davon aus, dass Twitch mit dem neuen Kanal in erster Linie sein neues Spendensystem ankurbeln will.

Mit sogenannten Cheers, also Anfeuerungen, können Nutzer an ihre Lieblings-Twitcher Geld spenden. Twitch nennt die Währung Bits. Damit sollen die Kanalbetreiber motiviert und für ihre Arbeit entlohnt werden. 100 Bits kosten 1,40 Dollar, wer gleich 25.000 Bits kaufen möchte, der bezahlt 308 Dollar. Doch es wandert nicht der ganze Spendenbetrag auf das Konto des Kanalbetreibers. Twitch behält einen gewissen Anteil ein. Je kleiner der Betrag, desto größer der Anteil, den sich Twitch abzwackt: Beim kleinsten Betrag von 100 Bits gehen 29 Prozent (40 Cent) an das Onlineunternehmen, beim Maximalbetrag von 25.000 Bits verdient Twitch noch etwa 19 Prozent (58 Dollar).

Mok-Bang-Filmer verdienen bis zu 1000 Dollar pro Clip

Ein Nutzer bei "Reddit" wirft Twitch vor, nur am Geld der Zuschauer interessiert zu sein und sich dabei selbst zu widersprechen. Er weist darauf hin, dass es bisher verboten sei, während des Livestreams zu essen. Er sei sicher, dass Twitch bald ganz neue Regeln in den Nutzungsbedingungen für die Social-Eating-Kategorie veröffentlichen werde, aber die Mitarbeiter seien "noch ganz verwirrt wegen der vielen Dollar, die sie sich von den Spenden des neuen Cheers-Systems abzwacken", heißt es in den Kommentaren .

Bei Afreeca TV gibt es solch ein Spendensystem schon länger. Mit sogenannten Balloons können sich die Zuschauer erkenntlich zeigen und Centbeträge an die Ess-Promis überweisen. Mit diesen Spenden leben die erfolgreichen Mok-Bang-Filmer nicht schlecht: Der Schüler BJ Patoo etwa verdient laut der britischen Zeitung "Daily Mail " mehr als 1000 Dollar pro Abend damit, dass er sich dabei filmt, wie er Party-Portionen in sich hineinschaufelt.

Auch die zierliche Profi-Esserin BJ Fitness Fairy verdient nach eigenen Angaben bis zu 4000 Dollar in der Woche. Im Interview mit dem australischen Rundfunksender "SBS " erzählt sie, dass sie an einem Tag durchaus auch mal drei große Pizzen und drei frittierte Hühnchen isst. Jeden Tag macht sie etwa fünf Stunden lang Sport, isst neben dem großen Live-Essen aber nur Früchte und mixt sich Protein-Shakes. Auch BJ Banzz trainiert nach eigenen Angaben jeden Tag und hält so seinen Körper in Form.

Auf Twitch laufen nur Knabber-Clips

Dennoch haben die Videos einen fahlen Beigeschmack. Denn maßlose Fressorgien sind ungesund, so viel ist klar. Und die Stars bei Afreeca TV treten als zweifelhafte Vorbilder auf, wenn sie die Essensorgien vor einem großen Publikum zelebrieren. Die koreanische Onlineplattform hat bereits angekündigt, die Mok-Bang-Filmer zu mäßigen, wenn sie es übertreiben sollten. Auch Gesundheitstests und psychologische Gutachten sind laut "SBS" eine Option für den Sender.

Davon ist das Team bei Twitch noch weit entfernt. Denn die Idee mit dem Essenskanal läuft bisher noch nicht wirklich rund. Dort laufen bisher lediglich harmlose Knabber-Clips: In einem Video kaut eine Nutzerin auf einem ungekochten Spaghetti herum, ein anderer Twitch-User schiebt sich immer wieder etwas Popcorn in den Mund, während er auf seinen Bildschirm starrt. Die meisten Nutzer zocken weiter Videospiele, wie sie es bei Twitch immer gemacht haben, und frühstücken dabei eine Kleinigkeit oder stellen ihr Abendessen neben sich auf den Schreibtisch. Lediglich rund zehn Livevideos gibt es durchschnittlich auf dem Essenskanal zu sehen, von Mok-Bang-Videos fehlt bisher jede Spur.

Ob sich der Fresstrend auch in Deutschland durchsetzt, ist fraglich. Denn im Gegensatz zu Korea ist es hierzulande völlig in Ordnung, alleine sein Abendessen einzunehmen. In Korea hingegen ist der Mok-Bang-Trend daraus entstanden, dass es gesellschaftlich verpönt ist, alleine zu speisen. Dort gilt eine Mahlzeit als soziales Erlebnis, das man mit anderen teilen sollte - auch wenn es Gäste sind, die lediglich per Livestream zugeschaltet sind.


Zusammengefasst: Das Binge-Eating vor der Kamera ist ein Trend in Korea. Das Videoportal Twitch will das Mok-Bang auch nach Europa und in die USA bringen und davon finanziell profitieren. In Korea verdienen einige Broadcast-Jockeys mit ihren Auftritten viel Geld. Bisher laufen die Videos auf Twitch aber mit eher mäßigem Erfolg an.

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