Twitter-Alternativen Zwitscher-Küken aus aller Welt

Alles außer Twitter - weltweit eifern dem populären Mikrobloggingdienst Konkurrenten nach. Mit höchst unterschiedlichem Erfolg: Während manche Seite binnen kurzer Zeit Millionen Registrierungen sammelte, endeten andere schon als Auktionsware auf dem Marktplatz von Ebay.
Von Timo Kotowski

Wer sucht, der googlet. Wer online telefoniert, skypet. Und wer Mikrobekenntnisse in 140 Zeichen presst, der twittert. So einfach ist das in der schier unendlichen Vielfalt des Internet - zumindest für einen Großteil der Nutzer. Sie verschmähen die Alternativen zu den Platzhirschen des Web.

Nun mag es schwierig sein, für unterschiedlichste Nutzeranfragen einen leistungsfähigen Suchalgorithmus zu programmieren, der immer passende Treffer ermittelt. Einfacher ist es dagegen, eine Zwitscher-Plattform zu schaffen. Wohl deshalb gibt es auch eine Vielzahl von Twitter-Klonen, die in Funktion und Seitenaufbau der prominenten Seite für Kurzgeschnatter und Mikrogerüchte ähneln.

Dort darf man einen Jaiku loslassen, texteln, quaksen oder auch mal wamsen. Nicht nur wegen der Fülle an Angeboten aus Deutschland, Nordamerika oder China muss aber jede Auflistung unvollständig bleiben. Viele der Piepser-Seiten stehen eindeutig im Schatten von Twitter. Nicht weil sie weniger Funktionen bieten, sondern weil die dort aufgeschriebene Vielstimmigkeit wegen fehlender Nutzerscharen verhalten bleibt.

Twitter

Auf einigen der Konkurrenzseiten kommt vom oft beschworenen Twitter-Hype noch weniger an - andere schlagen sich wacker. Und zu den vielen mehr oder weniger erfolgreichen Twitter-Alternativen aus aller Welt gibt es einige Webanekdoten zu erzählen.

Googles Flop

Wenn etwas im Netz erfolgversprechend scheint, dann will Google nicht fehlen. Im Oktober 2007 kaufte der Konzern aus Mountain View die finnische Seite Jaiku . Wie viel die Suchmaschinisten für den Zusatzdienst in ihrem Imperium zahlten, ist nicht bekannt. Jedenfalls war der Kauf eine Fehlinvestition. Die Popularität von Twitter konnte Jaiku nie erreichen - obwohl die Seite der finnischen Handy-Euphorie Rechnung trug und stark auf mobile Nutzung setzte.

Auf den Misserfolg folgte der Liebesentzug. Mittlerweile hat Google die Weiterentwicklung von Jaiku eingestellt, ein paar Mitarbeiter des Konzerns dürfen sich noch auf freiwilliger Basis um den Dienst kümmern. Nutzer, die trotz allem nicht die Finger von Jaiku lassen wollen, dürfen nun selbst am Code der Software basteln. Den hat Google nämlich im März als Open Source auf der Entwicklerplattform Google Code zur Verfügung gestellt. "So, Entwickler, die Zukunft von Jaiku liegt in euren Händen", hieß es dazu im Jaiku-Blog.

Die alternative Alternative

Jedem sein eigenes Mikro-Blogging-Portal - das ermöglicht die freie Software Laconica, mit der jeder, der es kann, sich einen Twitter-Konkurrenten zusammenzimmern darf. Und wem das Wissen dazu fehlt, kann sich bei einer Plattform auf Laconica-Basis einloggen.

Als populärstes freies Mikroblogging-Netzwerk gilt derzeit die kanadische Seite Identi.ca , die im vergangenen Sommer von Control Yourself in Montreal gestartet wurde. War Identi.ca zum Auftakt ein Dienst, der lediglich die Basisfunktionen von Twitter beherrschte, haben Nutzer inzwischen an dem Programm weitergeschrieben und Identi.ca um weitere Funktionen ergänzt.

Besonderer Ausdruck der Freiheit, die Mikroblogging-Seiten auf Laconica-Basis lassen, ist, dass man sich zum Eintritt in diese Netzwerke nicht gesondert registrieren muss. Wer eine so genannte OpenID besitzt (als solche lassen sich auch Benutzernamen von kooperierenden Seiten wie Yahoo, MySpace, AOL oder Google nutzen), kann die Dienste einfach mit dieser Kennung nutzen. Und weil alles so frei ist, gibt es bereits weitere wachsende Mikroblogging-Dienste, die mit der offenen Laconica-Software arbeiten - darunter das deutsche Bleeper.

Übertrumpft haben die freien Seiten den Platzhirschen Twitter bislang nicht - auch wenn Identi.ca-Betreiber Control Yourself am 1. April dieses Jahres verkündete, Twitter gekauft zu haben. Die Nachricht war ein Aprilscherz.

Punkt-d-e aus China

Englisch und Japanisch - damit ist die Sprachauswahl bei Twitter zu Ende. Eine Version mit Schriftzeichen für Nutzer aus China gibt es nicht. Die weichen deshalb auf zahlreiche Kopien des US-Originals aus wie Fanfou , Zuosa , SBTalk  oder Taotao , das derzeit als Marktführer gilt. Einigen der Seiten ist schon auf den ersten Blick anzusehen, dass es sich um plumpe Plagiate handelt. Den Gestaltern von komoo.cn  war es sogar zu aufwändig, Farben im Layout zu wechseln oder die Hintergrundgrafik auszutauschen.

Auf Orange als dominierenden Farbton setzt hingegen die Plattform Jiwai. Eigenwillig erscheint auch, dass die Seitenadresse auf ".de" endet, obwohl alles, was dort zu lesen ist, auf chinesisch ist. Dennoch ist Jiwai keine Exil-Plattform für plauderfreudige Chinesen. Registriert ist die Domain auf Zhuohuan Li aus Peking. Und der Zusatz "de" soll - so eine für Nicht-Chinesen schwer verständliche Erklärung - in etwa für einen bedeutungslosen Zusatz stehen, den aber fast jeder umgangssprachlich nutzt.

Auch sonst berücksichtigt Jiwai regionale Vorlieben - etwa durch die Verknüpfung mit Instant Messengern. Und wer seine Beiträge nicht nur in Orange, sondern auch bei Twitter sehen möchte, kann eine Verbindung nutzen, so dass alle Mikro-Einträge auf beiden Plattformen erscheinen. Allerdings: Aus Deutschland lässt sich Jiwai - trotz des ".de" in der Adresse -nicht sicher anwählen, erst der Weg über eine Anonymisierungs-Seite, die die heimische IP-Adresse verschleiert, sichert den Weg zu Jiwai.

Doch bislang sind die Chinesen nicht zu großen Mikrobloggern geworden. Die jüngste Flüster-Plattform Digu  und ihr Gründer Dr. Song Li setzen daher auf den Entertainment-Faktor. Um viele Nutzer dorthin zu ziehen, lassen die Verantwortlichen eine Reihe nationaler Celebrities Einträge schreiben - oder andere in deren Namen, wer weiß das schon. Jedenfalls sind Popstar Luo Zhong Xu, die Band SuperVC und rund 60 weitere Promis dabei.

Der indische Twitter

567678 - eine wichtige Nummer für viele junge Inder. Es ist die Kurzwahl von SMS GupShup  (SMS Geplauder) - ein Dienst, den das US-Blog Techcrunch schon als "India's Twitter" feiert. Der vom Computer-Experten Beerud Sheth gestartete Service bezeichnet sich selbst als größte und am schnellsten wachsende mobile Community-Plattform weltweit - mit nach eigenen Angaben mehr als 20 Millionen Nutzern, die sich Monat für Monat 400 Millionen Botschaften schicken - und zwar vornehmlich per SMS.

Über 567678 wird das Mikrobloggen nahezu komplett aufs Handy verlegt. Ist der mobile Teil der Plattform bei Twitter eine Ergänzung, steht sie bei SMS GupShup im Mittelpunkt - und der Webdienst ist das Extra. Das hat seinen Grund: Viele Inder haben nicht immer direkten Internetzugang, SMS-Botschaften bleiben für sie der einzige Weg, um an sozialen Netzwerken teilzuhaben.

Mit dem Befehl "Create" wird eine Gruppe angelegt, mit "Invite" Mitglieder eingeladen, denen dann mit dem Befehl "Post" per Gruppen-SMS Botschaften geschickt werden. Wem dann wegen des SMS-Dauerfeuers das ständige Klingeln oder Vibrieren des Handys zu viel wird, kann mit "DND" für "Do not disturb" (Bitte nicht stören) SMS GupShup und seine Freunde zum Schweigen bringen.

Pieps-Plattform im Auktionshaus

Und in Deutschland? An Twitter-Abbilden und -Konkurrenten mangelt es auch hierzulande nicht. Den meisten fehlt jedoch der Erfolg - und erst recht die Einnahmen. Deshalb haben mehrere Anbieter ihre Seiten schon wieder aus dem Netz genommen, andere haben sie weiter verkauft.

Nicht erst der hochaktive Blogschreiber Robert Basic stellte die eigene Internetseite bei Ebay zur Aktion, um sich von der Seite zu trennen und nebenbei eine stattliche Einnahme zu erzielen. Die Versteigerung des Weblogs erzielte bei Ebay einen Preis von 46.902 Euro. Früher als Basic warfen die Gründer von Dukudu ihre Mikroblogging-Plattform auf den Ebay-Markt, erzielten im Juni 2007 einen ähnlich hohen Preis.

43.208 Euro für einen wenig bekannten Dienst - auch das Vorbild Twitter war damals in Deutschland ein Nischenphänomen. Die Gründer um Christian Reher waren damit Dukudu und einige Sorgen los. "Private Gründe" und einer finanzieller Engpass hatten sie dazu gebracht, sich schon zum Ende der gut einen Monat langen Beta-Test-Phase von dem Dienst zu trennen.

Dem Käufer hingegen bescherte die Seite kein langes Glück. Mittlerweile ist Dukudu abgeschaltet. Der Webseitenbetreiber Allesklar.com - unter anderem mit dem Portal Meinestadt.de im Netz präsent - wollte mit Dukudu seine Web 2.0-Strategie ausbauen, überarbeitete das Angebot zunächst komplett, sah dann aber nicht das erhoffte Potenzial. Wer heute dukudu.de in seinen Browser eingibt, wird auf die Meinestadt-Startseite weitergeleitet.

Nicht gemausert, aber umgetauft

Weitere deutsche Twitter-Konkurrenten zeichneten sich vor allem durch schräge Wortneuschöpfungen aus. Dass das Verfassen von Mikro-Botschaften bei Texteln auch texteln hieß, mutet glatt langweilig an. Deutsche Nutzer durften auch mal wamsen - so hieß das Pendant zum Twittern tatsächlich bei Wamadu - der Name war eine Kurzform von "Was machst du".

Wamadu, über das es zum Start im Frühjahr 2007 im Netz hieß, seine Urheber hätten es binnen einer Woche aufgestellt, ist verschwunden. Wer heute danach sucht, wird automatisch zu Bleeper.de  weiter geschickt - einem Spätkommer unter den deutschen Mikrobloggingdiensten, der erst im August 2008 an den Start ging.

Texteln teilte das Schicksal von Dukudu, kam bei Ebay unter den Hammer. Obwohl die Auktion nur gut zwei Wochen später endete, zeigte ihr Ergebnis einen dramatischen Preisverfall für Mikroblogging-Dienste. 11.161 Euro - gut ein Viertel des Dukudu-Preises - zahlte eine Agentur aus Aachen. Die neue Eigentümerin strich kurz nach dem Kauf den Namen aus dem Angebot und nannte den Dienst fortan Niimo . Unter diesem Namen besteht er noch heute. Doch viel zu sagen haben die Betreiber über ihre Seite nicht. Der Eintrag zur Umtaufaktion im August 2007 ist bis heute der einzige im Niimo-Blog.

Auch wenn einige Namen verschwunden sind: Noch immer gibt es zu gefühlt jedem Buchstaben des Alphabets deutsche Mikrobloggingseiten - zum Beispiel Frazr, Plappadu, Quaksen,...

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