Twitter Botmeister Kazemi und seine Kunstmaschinen

Millionen von Bots häufen auf Twitter ständig neue Datenberge an. Darius Kazemi hat Dutzende solcher Tweet-Maschinen programmiert. Aber statt Spam verschicken seine Bots Kunstwerke.
Botmeister Darius Kazemi: Kunstwerk-Generator auf Twitter

Botmeister Darius Kazemi: Kunstwerk-Generator auf Twitter

Foto: Darius Kazemi

Darius Kazemi  ist der Botmeister. Er bastelt kleine Programme, die automatisch im Internet auf die Jagd gehen. Ihre verdaute Beute - Texte, Bilder und GIFs, neu kombiniert oder verfremdet - spucken seine Bots auf Twitter oder Tumblr wieder aus. Dutzende autonome Kunstmaschinen hat Kazemi schon auf das Web losgelassen.

Zum Beispiel Miraculous Pics , ein Bot, der zufällige Bilder mit einer irreführenden Beschreibung kombiniert. Die kleinen Texte holt sich der Bot von einem der Twitter-Accounts, die laufend historische oder sonstwie bemerkenswerte Bilder ins Netz spülen. Die Zufallsbilder dazu stammen aus Googles Bildersuche.

Oder For my real friends , der immer neue Kombinationen der Francis Bacon zugeschriebenen, in Filmen und Liedern gewürdigten Zeile "Champagne for My Real Friends, Real Pain for My Sham Friends" reimt. Kazemi lässt seinen Bot dafür auf Wordnik  zugreifen, eine Datenbank mit Definitionen von Wörtern. Mit Hilfe von Computerlinguistik entstehen dann die poetischen Tweets von selbst.

Eigentlich arbeitet Darius Kazemi als Entwickler, schreibt Anwendungen in Java Script. Die Bots sind sein Hobby. Einige entstehen in weniger als einer Stunde, so wie Miraculous Pics. Ein ganzes Wochenende ging hingegen für den Random Shopper  drauf, den zufälligen Einkäufer. Kazemi bestimmt ein Budget, der Bot kauft willkürlich etwas aus dem Amazon-Sortiment. Dazu musste er erst lernen, wie man einen virtuellen Browser fernsteuert: "Das hat ein bisschen gedauert", sagt Kazemi.

Die Bot-Spielereien sammelt er auf seiner Seite, Tiny Subversions . Allein 34 Twitter-Bots  sind darunter. Einige haben nicht einmal hundert Follower. Mehr als 3500 Fans hat hingegen Two Headlines . Der wundersame Bot strickt sich aus den Überschriften zweier News-Meldungen eine neue, was absurd und manchmal herzlich komisch ist.

Die meisten Bots, die Twitter ohne menschliches Zutun befüllen, sind weitaus weniger kreativ: Programme vermelden neue Artikel auf Nachrichtenseiten, die Glockenschläge des Big Ben in London oder Erdbeben. Fast jeder zehnte Twitter-Account wird automatisch bestückt, schätzt Twitter - bei rund 271 Millionen aktiven Nutzern Ende Juni waren demnach rund 23 Millionen Bots im Einsatz.

Von all seinen Bots ist Two Headlines  Kazemis Favorit: "Wenn ich zurückblicke, ist der dauerhaft am lustigsten." Seinen ersten Bot hat er vor zwei Jahren freigelassen. Metaphor-a-Minute!  bastelt wirre Metaphern zusammen: grammatikalisch korrekt, semantisch eine Katastrophe. Einen neuen Tweet gibt es allerdings nur alle zwei Minuten, weil die Twitter-Schnittstelle für automatische Programme nicht mehr erlaubt.

Kazemis Bots sind mehr als nur Spielerei, sie sind ein Kommentar zum Zeitgeschehen. Als Antwort auf den Captcha-Wahnsinn, die Zahlen- und Buchstabenrätsel, mit denen Nutzer ihr Menschsein beweisen sollen, lässt sich Reverse OCR  lesen: Der Bot sucht sich zufällig ein Wort heraus und kritzelt dann so lange Striche auf eine Fläche, bis eine Software zur Texterkennung das Wort zu erkennen meint.

Als Antwort auf den Kunstbegriff New Aesthetics, der das Erscheinen digitaler Artefakte in der physischen Welt beschreibt, hat Kazemi Brand New Aesthetics  erschaffen: automatische GIFs, aus Bildersuchen zu zufällig ausgewählten Begriffen.

Nicht nur Botmeister Kazemi sucht mit seinen Maschinen nach Schönheit in kalten Datenbergen. Tully Hansen verzeichnet mehr als 600 Twitter-Automaten  in seiner Liste. Die Bots flirten, erinnern an alle jemals geschriebenen Bücher, merken sich anonyme Änderungen der Wikipedia, posten aus Wörterbüchern mit dem Wort "Arsch" davor - und so weiter. "Ich liebe The Acrostic Hunter ", sagt Kazemi. Der Bot der Digitalkünstlerin Thrice, die mehr als zwei Dutzend Twitter-Bots  programmiert hat, liest zufällig ausgewählte Tweets und erfindet neue Abkürzungen.

Die Twitter-Bots entwickeln sich zu einer eigenen Digitalkunst-Sparte, so wie Glitch-Art , Supercut-Videos oder Bilder-Meme. Die kreativen Bots mischen Twitter, einem der größten Zeitverschwender unserer Zeit, glückliche Zufälle und Absurdität bei, freut sich der "New Yorker"  - und sie erinnern an die Maschinenlesbarkeit, die ständige Überwachung im Web.

Jede Minute schaffen diese Bots neue Datenmengen, zwischen Nonsense und Kunst. Längst hat der Strom der Twitter-Kunst so große Ausmaße angenommen, dass selbst Botmeister den Überblick verlieren. Auch dafür hat Kazemi einen Bot zum Leben erweckt: Best of Darius' Bots  findet die Tweets seiner Bot-Armee, die von anderen Twitter-Nutzern favorisiert oder retweetet wurden. Diejenigen automatisch erstellen Zeichenketten also, die jemand anerkennt. Und sei es nur ein weiterer Bot.

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