Soziale Netzwerke Lügen wird belohnt

Falschmeldungen verbreiten sich auf Twitter schneller, häufiger und weiter als wahre Meldungen. Forscher haben das anhand von 4,5 Millionen Tweets nachgewiesen.
Die Twitter-App

Die Twitter-App

Foto: Matt Rourke/ dpa

Als der Polizist Sean Collier am 18. April 2013 in der Folge des Anschlags auf den Boston Marathon auf dem Campus des Massachusetts Institute of Technology erschossen wurde, hatte Soroush Vosough am dortigen "Laboratory for Social Machines" gerade seine Doktorarbeit begonnen. "Eigentlich wollte ich etwas über Semantik machen", sagt der Computerlinguist, also Maschinen die Bedeutung menschlicher Sprache beibringen. Doch dann holte ihn das echte Leben ein. "Nach dem Anschlag brach hier ein schreckliches Chaos aus", erinnert er sich, "wir fanden Twitter sehr hilfreich, um in Echtzeit herauszufinden, was gerade geschieht."

Doch dann stellte sich heraus, wie häufig Twitter falsch lag.

Das akademische Ergebnis dessen, was Vosoughi die vergangenen Jahre bewegt hat, ist im aktuellen Journal "Science " nachzulesen: Zusammen mit Kollegen hat er untersucht, wie sich Falschmeldungen und Gerüchte über Twitter verbreiten. "Erschreckend schnell und viel weiter und tiefer als Wahres", sagt er. Die MIT-Forscher haben mehr als 4,5 Millionen Tweets der vergangenen zwölf Jahre ausgewertet. Es ist die größte Studie zu diesem Thema und auch die einzige, die nicht nur die Verbreitung einzelner weniger Nachrichten über Social Media betrachtet, sondern rund 126.000 verschiedene Nachrichten aus sieben Themenbereichen von Politik über Wissenschaft bis zu Terrorismus und Naturkatastrophen.

"Eine andere Qualität" als in der analogen Welt

Doch was ist wahr und was ist falsch? Hier haben sich Vosoughi und seine Kollegen mit Informationen von sechs Fact-Checking-Organisationen beholfen. Zudem programmierte Vosoughi einen Algorithmus, der Posts auf Twitter identifiziert, die sich mit der gleichen Nachricht beschäftigen. In diesem riesigen Datensatz aus Posts zu wahren und falschen Meldungen fiel den Forschern vor allem ein zentrales Muster auf, erklärt Sinan Aral, einer der führenden Social-Media-Experten am MIT: "Falschmeldungen sind neuartiger als wahre Nachrichten; Nutzer scheinen also neuartige Informationen lieber zu teilen."

Das klingt aufs Erste wenig überraschend: Diesen Mechanismus kennt man aus dem analogen Leben. Zeigt die Studie also lediglich das entsprechende Verhalten im Analogen nun im Digitalen? Aral sagt: "Wir können die Offline- und die Onlinewelt nicht wissenschaftlich korrekt vergleichen, aber es ist offensichtlich, dass sich Falschnachrichten online in einem unglaublichen Tempo verbreiten - es ist eine andere Qualität."

Falschnachrichten verbreiten sich der Studie zufolge mit einer um 70 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit als andere. Läge der Wert bei 100 Prozent, würde ein Durchschnittsnutzer Falschmeldungen doppelt so häufig teilen wie wahre Meldungen. 70 Prozent ist also deutlich. "Das hat spürbare und dramatische Konsequenzen für unsere Gesellschaft", warnt Aral. So habe beispielsweise ein Tweet über einen vermeintlichen Anschlag auf Barack Obama zu dessen Amtszeit die Börse derart verunsichert, dass Verluste in Höhe von 130 Milliarden Dollar entstanden. Und alles nur, weil Menschen so gerne Überraschendes teilen?

Menschen teilen lieber schlechte Nachrichten als gute

Dazu kommt der Belohnungsmechanismus der sozialen Medien: "Wer viele überraschende Neuigkeiten verbreitet, dessen sozialer Status steigt", sagt Aral. Für viele Nutzer sei es gar nicht wichtig, ob sie die Wahrheit verbreiten, ergänzt Vasaoghi: "Sie sagen: Wahr oder falsch, ist mir egal. Es ist ein guter Post."

Wieder andere verbreiten Falschmeldungen mit System, beispielsweise, um jemandem gezielt zu schaden oder eigenen Interessen zu dienen. Das könnte erklären, wieso Falschmeldungen aus dem Themenbereich Politik die höchste Verbreitung fanden, im Vergleich zu anderen Kategorien wie Naturkatastrophen.

Bots haben die Forscher aus ihrer Analyse weitgehend ausgeschlossen. Der Effekt ist also allein auf menschliches Handeln zurückzuführen - sei es, um jemandem zu schaden, oder aus dem Bedürfnis heraus, Neuartiges zu verbreiten. "Zu diesem Bedürfnis gibt es aus den Kommunikationswissenschaften viele Untersuchungen", sagt Deb Roy, Direktor des MIT-Lab for Social Machines: "Menschen teilen auch im analogen Leben lieber schlechte als gute Nachrichten und lieber Neues als Bekanntes."

Die Motivation der Nutzer ließe sich allerdings mit den vorliegenden Daten nicht klären, sagt Vasoughi. Umso wichtiger sei es, mehr darüber herauszubekommen, ergänzt Aral: "Wenn es um mögliche Interventionen geht, müssen wir wissen, wieso Nutzer Falschmeldungen posten." Sollte es aus Unwissenheit geschehen, könnte Medienbildung helfen. Zudem gibt es technische Abhilfe: Vosoughi hat einen Algorithmus geschrieben, der Falschmeldungen mit 70-prozentiger Genauigkeit erkennt. "Man kann damit Meldungen beispielsweise über einen Terroranschlag in Echtzeit überprüfen - noch bevor Faktenchecker die Zeit haben, das zu tun."

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Falschnachrichten sind auch ein Geschäftsmodell

Und man könnte damit das Belohnungssystem "reparieren", sagt Aral: "Solange die Verbreitung von Falschnachrichten belohnt wird, solange werden sie verbreitet." Neben sozialem Status bringt viel Interaktion schließlich auch Geld in Form von Klicks auf Anzeigen finanzierte Angebote. "Das zeigt ja auch das Beispiel aus Mazedonien, wo Menschen organisiert Falschnachrichten verbreiteten, weil das lukrativer war als die Wahrheit. Sie hatten überhaupt kein politisches Interesse."

Die Algorithmen der sozialen Netzwerke könnten Falschnachrichten gewissermaßen bestrafen, indem sie diese niedriger in die Nachrichtenströme der Nutzern einsortieren. Aber haben die Unternehmen Interesse daran? Interaktion ist schließlich auch deren Währung. "Die Social-Media-Unternehmen wissen genau, dass es eine kurzsichtige Sichtweise ist", sagt Aral.

Twitter hat die aktuelle Studie mitfinanziert. Hat der Konzern die Ergebnisse kommentiert? Ist er offen dafür, Falschmeldungen in irgendeiner Form zu bestrafen? "Das darf ich nicht sagen", sagt Aral, "aber glauben Sie mir, Twitter und Facebook sehen das Problem; sie wollen als seriöse Plattformen gelten." Das zeigt sich auch am Hilferuf von Twitter-Chef Jack Dorsey, der in der vergangenen Woche öffentlich um Nutzerideen bat, wie Falschmeldungen eingedämmt werden können.

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