Studie zu Twitter So lassen sich Online-Gerüchte stoppen

Ein toter Flüchtling in Berlin, ein gekidnapptes Flugzeug: Verbreitet sich ein Gerücht online, ist es kaum wieder einzufangen. Eine Strategie aber bremst Falschmeldungen doch noch aus, sagen Forscher.
Einer gegen viele: Mann auf der Kunstmesse Art Cologne vor "Schrei" von Herlinde Koelbl

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Foto: Oliver Berg/ dpa

Durchsuchungen in einem muslimischen Wohnviertel? Ein entführtes Flugzeug? Solche Nachrichten können sich in sozialen Netzwerken wie Twitter wie ein Lauffeuer verbreiten. Schnell muss es gehen, ob die Information überhaupt stimmt, geht dabei oft unter. So kommen auch Gerüchte, Verschwörungstheorien und Falschmeldungen in Umlauf. Ist eine unwahre Tatsache erst von genügend Nutzern gestreut, verselbstständigt sich die Geschichte oft - die Unwahrheit ist nicht mehr einzufangen in den zahllosen Winkeln des Netzes.

Wissenschaftler der University of Washington in Seattle skizzieren in einem Forschungsbericht über Twitter  nun aber einfache Mechanismen, wie Online-Gerüchte wieder unschädlich gemacht werden konnten. Die simple Lösung: Wenn offizielle Accounts rechtzeitig in der Online-Gerüchteküche mitmischen und eindeutige Dementis verbreiten, kann sich die Diskussion versachlichen und die wahre Information durchsetzen.

Eine einzelne Stimme kann also durchaus Gehör finden gegenüber vielen, schreiben die Autoren. "Unsere Studie zeigt, dass Nachrichten von offiziellen Kommunikatoren das Grundrauschen der Masse übertönen können. Tatsächlich machen sich viele Nutzer dann die Informationen von offizieller Seite zu eigen."

Gerüchte halten sich online hartnäckig

Die Forscher haben das anhand von zwei Twitter-Diskussionen zu den eingangs erwähnten Beispielen nachvollzogen: In einem Fall ging es um das Gerücht, ein Flugzeug der Airline WestJet sei auf dem Weg nach Mexiko gekidnappt worden. Der zweite Fall handelte von der falschen Meldung, dass die australische Polizei im Zusammenhang mit der Geiselnahme von Sydney 2014 das hauptsächlich von Muslimen bewohnte Viertel Lakemba durchsuche.

Weitere Beispiele von Online-Gerüchten über einen toten Flüchtling in Berlin, falsche Vergewaltigungsvorwürfe gegen Flüchtlinge oder andere Märchen zum emotional aufgeladenen Flüchtlingsthema ließen sich in Deutschland aktuell zuhauf finden.

Die Forscher aus den USA analysierten im Fall der vermeintlichen Flugzeugentführung und der vermeintlichen Hausdurchsuchungen die Twitter-Diskussionen, die sich unmittelbar nach den ersten Falschmeldungen zu den Fällen entsponnen hatten. Beide Fälle wurden zunächst von Twitter-Nutzern für wahr gehalten und als Tatsachen kolportiert, zeigen die Analysen der Tweets. Dementi-Tweets von einzelnen Nutzern drangen nicht durch, legen die Daten der Forscher dagegen nahe.

Lieber Informationen aus dubioser Quelle als gar keine

Die Diskussion drehte sich erst, nachdem Accounts, die mit einer offiziellen Stelle in Verbindung gebracht werden konnten, sich einschalteten. Plötzlich schoss die Zahl der Dementi-Tweets innerhalb der Diskussion derart in die Höhe, dass innerhalb von Stunden Tweets mit falschen Bestätigungen der Ereignisse ganz erstickt worden seien, beschreiben die Wissenschaftler.

Im Fall des Flugzeugs war es die Fluggesellschaft selbst, die sich eingeschaltet hatte. In Australien dementierte die Polizei und sprach von einer Falschmeldung. Irgendwann setzte sich auf Twitter hier die Vernunft durch, kann man sagen.

"Die Menschen haben oft lieber fehlerbehaftete, unvollständige Informationen statt gar keine Informationen", schreiben die Autoren der Studie als Erklärung, wie Gerüchte überhaupt entstehen könnten. Ihre Ergebnisse zeigten, wie wichtig es sei, dass sich Unternehmen und offizielle Stellen eine Social Media-Strategie zurechtlegen würden, sollten sie einmal selbst in eine Situation kommen, in der online Gerüchte über sie verbreitet würden. Statt lange auf ein offiziell abgestimmtes Statement der Chefs zu warten, sei es wichtig, sofort in die Diskussion einzusteigen und die Lage klarzustellen, so die Wissenschaftler.


Zusammengefasst: Forscher haben auf Twitter die Dynamik von Diskussionen über Falschmeldungen und Gerüchte analysiert. Ihr Ergebnis: Einzelne Stimmen können durchaus die Masse übertönen und die Diskutanten wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. In den untersuchten Fällen waren es offizielle Accounts von Behörden oder Firmen, die sich schnell eingeschaltet hatten und ausreichend Glaubwürdigkeit besaßen, um die Situation richtigzustellen.