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18. Januar 2005, 11:10 Uhr

Überwachung

Chatten unter Aufsicht

Von Michael Voregger

Das Chatten halten viele für die anonymste Form der Internet-Kommunikation: Unter selbst gewählten Alias-Namen wählt man sich ein, wo immer man gerade auch ist. Das stört vor allem die amerikanischen Geheimdienste - und deshalb sollen Chaträume jetzt lückenlos überwacht werden.

Lauschangriff: Die zunehmende Überwachung aller Kommunikation liegt weltweit im Trend
DPA

Lauschangriff: Die zunehmende Überwachung aller Kommunikation liegt weltweit im Trend

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat die amerikanische Regierung viel Geld für Forschungen ausgegeben, die eine bessere Überwachung der elektronischen Kommunikationswege des Internet zum Ziel hatten. Nutznießer des Geldsegens waren auch Wissenschaftler des Renselaer Polytechnic Institute (RPI) in New York, die an Methoden forschen, die Kommunikation in Chaträumen besser belauschen zu können. Die Fördermittel kommen von der US-amerikanischen National Science Foundation (NSF) und stammen aus dem Programm "Approaches to Combat Terrorism (ACT)", an dem auch die amerikanischen Geheimdienste beteiligt sind.

Entdeckt wurde die Zusammenarbeit von der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation Electronic Privacy Information Center: "EPIC hat Details eines Memorandums zwischen der CIA und der NSF zur gemeinsamen Finanzierung in Bereichen der Mathematik und der Physik entdeckt", erklärt die Organisation auf ihrer Website. "Dabei geht es auch um die Erforschung der Überwachung von Chatrooms auf terroristische Aktivitäten. Das Gemeinschaftsprojekt trägt den Titel: Approaches to Combat Terrorism: Opportunities for Basic Research".

Chats: Unübersehbare Labyrinthe

Chats gehören für Fahnder zu den größten Problemzonen des Internet. Vor allem der nicht WWW-basierte Internet Relay Chat (IRC), ein Netzwerk aus vernetzten Servern, in dass sich die Benutzer mit einer Software einwählen und in verschiedenen Channels kommunizieren können, ist den Überwachern ein Graus. Die Vielzahl der Channels und Chaträume macht es fast unmöglich, die gesamte Kommunikation zu kontrollieren. Bisher sind Polizei und Geheimdienste hier auf konkrete Hinweise angewiesen, wenn sie hier erfolgreiche Ermittlungen durchführen wollen.

Negative Schlagzeilen machen die IRC-Chats immer wieder dann, wenn sich über die Plaudergruppen Pädophile an Minderjährige heranmachen. Ob dagegen terroristische Gruppen die Chaträume überhaupt zum Austausch und zur Vorbereitung von Anschlägen nutzen, ist unter Experten mehr als umstritten. Nur über die Begründung der Terrorabwehr aber gelingt es, eine flächendeckende Überwachung der Plauderecken zu rechtfertigen.

Laut Projektbeschreibung wollen die Forscher am RPI ein System entwickeln, das automatisch Profile von Internet-Chattern, Chat-Gruppen und ganzer Chatrooms erstellt. Mit Algorithmen, Graphentheorie und Annahmen über soziale Netzwerke möchte man die Kommunikation automatisch beobachten und auswerten.

So sollen die Teilnehmer enttarnt werden, die das alltägliche Geplauder nutzen, um über bestimmte Codes heimlich zu kommunizieren. Mit den daraus entstehenden Mustern wollen die Forscher die einzelnen Personen über ihre Äußerungen identifizieren und auch beim Wechsel in andere Chats weiter verfolgen können. Die Auswertung erfolgt nach mathematischen Kriterien und kann mit bestimmten Schlüsselbegriffen weiter verfeinert werden.

Chat: Privatgespräch oder öffentliche Kommunikation?

Die Ermittler bewegen sich dabei in einem Meer von Daten, denn allein in den USA besuchen über 28 Millionen Menschen die virtuellen Treffpunkte im Netz. Bisher haben die amerikanischen Behörden nur vereinzelt und gezielt Ermittlungen gegen Pädophile im Chat durchgeführt, was keine Verletzung der Bürgerrechte und der Privatsphäre darstellt. Die systematische und massenhafte Durchleuchtung millionenfacher Gespräche stellt da allerdings eine andere Qualität dar.

Unter Datenschützern ist es dabei durchaus umstritten, inwieweit eine Kontrolle gegen geltende Rechte verstößt. "Das ist eine komplizierte Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Welche Rechtsbeziehung wird hier eingegangen, wenn man einen Chat betritt? Es gibt im Internet mehrere Bereiche, die ohne eine vertragliche Beziehung auskommen. Der Transport von Daten geschieht zum Beispiel ohne Vertrag", sagt Uwe Jürgens von der Behörde des Landesbeauftragten für den Datenschutz Schleswig Holstein. "Nach welchem nationalen Recht läuft das überhaupt ab? Die Frage für den Anwender ist die, auf wen er sich da überhaupt einlässt. Das wird zum Beispiel deutlich, wenn Anwender beim amerikanischen Anbieter AOL chatten. Man kommt da schnell aus dem deutschen und auch aus dem europäischen Rechtsraum heraus".

Auch in Deutschland wird überwacht

Die Beobachtung von Chaträumen findet allerdings auch in Deutschland statt. Seit einigen Jahren bieten verschiedene Firmen eine Art Webmonitoring als Dienstleistung an, mit denen Konzerne Online-Piraten und Raubkopierern auf die Spur kommen wollen. Das wichtigste Werkzeug der neugierigen Ermittler sind kleine Programme, die sich als "Spider" auf die Suche nach Schlüsselbegriffen machen.

Von vielen Netzaktivisten werden diese Dienste als unliebsame Schnüffler betrachtet, aber die Anbieter Verisign, P4M oder Mediatime halten sich nach eigenen Angaben an den Datenschutz. Der Spider "Gridpatrol" wurde von der britischen Firma Envisional aus Cambridge entwickelt und soll 95 Prozent des Netzes durchsuchen können. Dabei werden nicht nur Webseiten, sondern auch Newsgroups, Chatkanäle oder FTP-Server auf Beweismaterial kontrolliert. Mit Fuzzy Logic, Wahrscheinlichkeitstheorie und Bayesian Belief Networks soll es möglich sein, Milliarden von Webseiten automatisch zu scannen.

Die Kooperation von Wissenschaft und Geheimdiensten macht die Zeiten für den Datenschutz nicht leichter. Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass die Aktivitäten von den USA ausgehen, denn die virtuelle Welt kennt keine nationalen Grenzen. Hoffnung macht Datenschützern und Web-Lobbyisten dagegen, dass selbst die finanzkräftigsten und am besten ausgestatteten Überwacher an der Größe der Aufgabe zu scheitern scheinen.

In dieser Woche entzauberte eine Nachricht die Mär von "Carnivore", dem gefürchteten Web-Überwachungssystem des FBI. Nach vier Jahren gab die US-Bundespolizei ihr selbst entwickeltes System auf. Die Software habe so schlecht funktioniert, dass sie in den Jahren 2002 und 2003 nicht ein einziges Mal eingesetzt worden sei. Seitdem lag Carnivore angeblich auf Eis: Das FBI, behauptet die Behörde, verlasse sich nun auf kommerzielle Software.

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