NSA-Spähprogramm Ein Verdächtiger, Millionen Menschen im Visier

Die NSA kann die Überwachung des Umfelds von Verdächtigen massiv ausweiten - selbst auf Bekannte von Bekannten von Bekannten einer Zielperson. Für jeden Verdächtigen können Daten mehrerer Millionen Menschen analysiert werden, sagte NSA-Vizechef Inglis vor US-Abgeordneten.
NSA-Vizechef Inglis: Umfassende Ermittlungen im Umfeld von Verdächtigen

NSA-Vizechef Inglis: Umfassende Ermittlungen im Umfeld von Verdächtigen

Foto: JIM WATSON/ AFP

Washington - Bei einer Anhörung im Rechtsausschuss des Repräsentantenhauses kam eher zufällig ans Tageslicht, dass im Rahmen der Prism-Überwachung des US-Geheimdienstes NSA eine ungeheure Anzahl von Menschen ins Visier konkreter Ermittelungen geraten kann.

Der stellvertretende NSA-Direktor Chris Inglis sprach vor den Abgeordneten über Umfang und Art der Ausforschung des Umfelds von Terrorverdächtigen . Die Überwachung konzentriere sich nicht nur auf verdächtige Personen selbst, sondern auch auf deren Kommunikationspartner. Die NSA-Analysten würden dabei bis zu drei Schritte weit gehen, sagte Inglis laut einem Bericht des "The Atlantic Wire" .

Drei Schritte, das heißt: Die Freunde der Freunde der Freunde eines Verdächtigen können durchleuchtet werden. Und dabei geht es nicht um Freunde im eigentlichen Sinne - bei der Auswertung werden alle Kommunikationspartner einbezogen. Im ersten Schritt jemand, der der NSA verdächtig erscheint und seine Datenspuren zu Kontaktpartnern im Netz. Im zweiten Schritt wird dieselbe Methode auf die Kontakte dieser Gesprächspartner angewandt, ein dritter Schritt nimmt wiederum deren Kontaktpartner in den Blick.

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Bislang war immer nur die Rede davon, dass die NSA-Mitarbeiter zwei Schritte weit gehen. Welche ungeheuren Datenmengen dabei zustande kommen können, vermag sich jeder vorzustellen, der das am Beispiel eines Facebook-Profils durchrechnet. Wenn der durchschnittliche Nutzer 150 Kontakte pflegt, summieren sich deren Kontakte bereits auf 22.500 Personen. Beim dritten Schritt kommen 3.375.000 weitere Überwachungsziele hinzu, von denen jedes eine Vielzahl von Gesprächen, E-Mails oder Chats mit seinen Freunden ausgetauscht hat.

Damit wird deutlich, dass die NSA nicht nur bei der allgemeinen Erfassung von Kommunikationsdaten Millionen Menschen erfasst, sondern auch, wenn sie bei konkreten Ermittlungen genauer hinsieht. 2011 hatte die Universität von Mailand in einer Studie festgestellt, dass im Internet die durchschnittliche Distanz zwischen zwei beliebigen Surfern 4,74 Schritte beträgt . Damit wurde der ursprünglich 1967 vorgestellte Wert von sechs Schritten in der analogen Welt deutlich unterboten.

Harsche Kritik

Während diese Angaben die Ausschussangehörigen zunächst nicht sonderlich beeindruckt zu haben schienen, war die Resonanz im Internet deutlich. Der Polit-Blogger Jon Henke  twitterte etwa mit Galgenhumor, wer seine Kontaktlisten nicht mit der Regierung teilen wolle, solle am besten keine Menschen kennen.

Ein Schlaglicht auf die bei den Geheimdiensten verbreitete Haltung warf die Antwort von Robert Litt, Rechtsberater des Direktors der nationalen Nachrichtendienste. Ob die Regierung wirklich geglaubt hätte, diese gewaltige Sammlung von Telefondaten vor dem amerikanischen Volk geheim halten zu können, wollte der Ausschussvorsitzende Bob Goodlatte von Litt wissen. Daraufhin erklärte der Jurist: "Nun, wir haben es versucht."

meu
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