Überwachungssoftware Russischer Präsident will Beamte per PC überwachen

Seinen Kritikern gilt Dmitrij Medwedew als Technokrat, und mitunter versteht man gut, warum: Einem russischen Zeitungsbericht zufolge will der russische Präsident künftig per Kontroll-Software überwachen, ob seine Top-Beamten und Minister ihre Aufträge auch termingerecht ausführen.

Medwedew (links): Der bekennende Tech-Fan gilt Kritikern als Technokrat
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Medwedew (links): Der bekennende Tech-Fan gilt Kritikern als Technokrat


Moskau - Der russische Präsident Dmitrij Medwedew ist unzufrieden. Zu langsam werden seine Reformpläne umgesetzt, zu schwerfällig wird die längst überfällige Modernisierung des Landes vorangetrieben. Schuld an der Misere sollen vor allem die leitenden Beamten in Moskaus Zentralregierung. Über deren Behäbigkeit und Faulheit soll sich der Präsident kürzlich sogar per Twitter beklagt haben. Doch mit dem Schneckentempo soll es nun vorbei sein. Einem Bericht der russischen Tageszeitung " Kommersant" zufolge kündigte Medwedew am Freitag eine strengere Kontrolle der Beamten an - per Überwachungs-Software.

Im Rahmen einer Videokonferenz mit seinen Spitzenbeamten ließ sich Medwedew das neue System vorführen. Quasi in Echtzeit soll er mit Hilfe der neuen Software nachvollziehen können, ob und wie seine Anweisungen von den jeweiligen Regierungsmitgliedern umgesetzt werden.

Im Wirtschaftsleben nennt man so etwas ein Workflow-Management-System: In vielen Produktionsprozessen ist es Business as usual, dass Produktionsschritte dokumentiert und zurückgemeldet werden. Oft sind Arbeitsschritte mit genauen Parametern und zeitlichen Vorgaben verbunden. So entstehen lückenlose Protokolle über den Arbeitsfortschritt sowie die Performance einzelnder Instanzen im Arbeitsprozess - und man sieht vor allem sehr genau, wo es hakt im Getriebe. Ähnliches auf einfachem Niveau beabsichtigt nun offenbar auch das Controlling des Kreml-Chefs.

Leistungskontrolle: Wer treibt Dinge voran, wer sitzt sie aus?

Konstantin Tschujtschenko, Leiter des Kontrollressorts im Kreml, erklärte, mit der Software könne der Präsident sich jederzeit anzeigen lassen, welches Regierungsmitglied für die Ausführung eines Projekts verantwortlich sei. Zudem könne er sich damit per Mausklick anzeigen lassen, ob und wenn ja um wie viele Tage sich die Umsetzung eines Vorhabens verzögere.

Mit der Vorführung vor versammelter Regierungsmannschaft habe der Präsident seinen Beamten klarmachen wollen, dass er sie Tag und Nacht im Auge hat und darüber wacht, ob seine Anweisungen pflichtgemäß ausgeführt werden, mutmaßt der "Kommersant". Tschujtschenko erklärte, der Präsident werde künftig alles über die Versäumnisse und Verfehlungen in Ministerien und Dienststellen erfahren.

Medwedew stellte klar, dass er damit beginnen werde, mit dem neuen System zu arbeiten, sobald es auf seinem Computer installiert ist. Die Entwicklung der Software gehe direkt darauf zurück, dass Medwedew sich bei zwei vorangegangenen Treffen empört darüber geäußert hatte, dass seine Anweisungen nicht umgesetzt worden seien. Die plakative Demonstration der Kontroll-Software habe wohl auch dazu gedient, die Regierungsbeamten "zu überzeugen und einzuschüchtern", schreibt der "Kommersant".

Dass Dmitrij Medwedew ein Hightech-Fan ist, zeigt sich schon seit einiger Zeit - seine Gegner und Kritiker sehen den Mann als Technokraten. Vor Studenten am Dalian Institute of Foreign Languages (DIIN) sagte er Ende September, Politiker müssten sich intensiv mit Technologien wie dem Internet beschäftigen und dürften keine Angst vor neuen Entwicklungen haben. Beamte, die nicht mit dem Internet umgehen könnten, hätten keine Zukunft.

Er selbst informiere sich morgens nicht aus Zeitungen, sondern via Web über aktuelle Geschehnisse, sagte er bei einem Besuch in Washington. Im Rahmen einer mehrtätigen USA-Reise machte er auch einen ausführlichen Abstecher ins Silicon Valley. Dort ließ er sich unter anderem von Apple-Chef Steve Jobs das damals neue iPhone 4 erklären. Im Juni verschickte er seine erste Twitter-Kurznachricht und betreibt auf kreml.ru ein Videoblog.

mak



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