Sascha Lobo

Uefa verbietet Regenbogenbeleuchtung Mächtiger als jedes Marketing-Gelaber

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Der europäische Fußballverband hat es geschafft, die eigenen Worte vollständig abzulösen vom eigenen Handeln. Aber mit seiner Bigotterie wird er am Ende mehr für LGBTIQ+ getan haben als mit seinem Marketing-Gelaber.
Keine Regenbogenfarben, weil die Uefa es verbietet: Allianz-Arena in München

Keine Regenbogenfarben, weil die Uefa es verbietet: Allianz-Arena in München

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Federico Gambarini / dpa

Der europäische Fußballverband Uefa bringt das psychologische Wunder zustande, dass man von ihm nichts erwartet und trotzdem enttäuscht wird. Er hat verboten, das Münchner Stadion, in dem am heutigen Abend Deutschland gegen Ungarn spielt, in den Farben des Regenbogens zu beleuchten, wie der Oberbürgermeister es gemäß der Forderung des Stadtrats beantragt hatte. Die bunte Flagge steht für die LGBTIQ+-Bewegung (Lesbian Gay Bi Transgender Intersexual Queer und dem Plus für weitere Geschlechtsidentitäten und sexuelle Ausrichtungen). Weil Ungarn eine rechtsradikale, despotische LGBTIQ+-feindliche Regierung hat, die dementsprechend LGBTIQ+-feindliche Gesetze erlässt.

Natürlich ist die Uefa in erster Linie kein Fußballverband, sondern eine anachronistische, antidemokratische Zumutung. In den sozialen Medien hieß es deshalb nach Bekanntwerden der Entscheidung fast wörtlich, dass die Uefa schmoren solle im Geifer, der aus Gebissen toller Hunde träuft , mit Affenpisse vermischt, mit Stacheln, einem Igel ausgerissen, im Regenfass, drin schon die Würmer schwimmen, krepierte Ratten und der grüne Schleim von Pilzen, die des Nachts wie Feuer glimmen, in Pferderotz und heißem Leim.

Das ist natürlich sehr ungerecht, und zwar der substanziell argumentierenden Uefa-Kritik gegenüber, denn es handelt sich um eine lästerzüngige Schmähkritik, wo doch eigentlich eine sachliche, fundierte Kritik wirkungsmächtiger wäre: Die Uefa ist der Zerrspiegel, in dem sich die korrupteste, werteaverseste Version eines globalisierten Kapitalismus spiegelt. Und das sage ich als überzeugter Anhänger sowohl der sozialen Marktwirtschaft wie auch der vernetzten Globalisierung.

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Die Perversion beginnt damit, dass der Münchner Stadtrat eine Aktivität in seiner eigenen Stadt bei der Uefa überhaupt beantragen musste. Dahinter verbirgt sich ein umfassendes Vertragswerk für die Durchführung einer Fußball-Europameisterschaft. Faktisch bedeutet das, dass für den Zeitraum einer Fußballmeisterschaft eine Stadt einen Teil ihrer demokratischen Hoheit abgibt an die Uefa, an einen seiner Schwesterverbände oder den Weltverband Fifa. Für solche temporären Herrschaften werden von den ausrichtenden Ländern und Städten manchmal eigene Gesetze erlassen. Das der Uefa artverwandte IOC (Internationales Olympisches Komitee) hat es darin zur Meisterschaft gebracht. Bei den Sommerspielen in London 2012 bekam das IOC teilweise sogar Exekutiv-Funktionen übertragen . Etwa in Form einer eigenen »Branding Police«. Sie durfte unter anderem quer durch die Stadt Logos von Nichtsponsoren entfernen oder abkleben – bis hin zu den Logos in den Toiletten jedes olympischen Veranstaltungsortes. Die Branding Police kontrollierte auch das Verbot für Nichtsponsoren, den Begriff »Spiele« zu verwenden. Oder, wirklich wahr, die Jahreszahl »2012« in die eigene Kommunikation einzubinden. Das IOC erreichte bei den britischen Gesetzgebern, Verstöße gegen verschiedene Branding-Regeln nicht etwa als Vergehen zu ahnden – sondern als Verbrechen.

Und weil die Uefa Verträge mit der Austragungsstadt München in dieser unseligen Tradition internationaler Sportgroßveranstaltungen abgeschlossen hat, muss München bei dem Verband lieb nachfragen, ob es wohl eine Regenbogenbeleuchtung anschalten darf. Die Uefa untersagte es mit der hanebüchenen Begründung, man dürfe keine politische Botschaft senden. Die Hanebüchigkeit liegt darin, dass die Uefa praktisch unablässig vorgibt, politisch zu sein. Auf der Startseite der Organisation, UEFA.com , finden sich Aktionen wie der »World Refugee Day«. Eine eigene Rubrik namens »Social Responsibility « macht mit Fotos von Menschen mit Behinderung auf und traut sich ernsthaft, von den vorgeblichen Uefa-Werten »Diversität, Inklusion und Zugänglichkeit« zu sprechen, es ist völlig unerträglich.

Unter dem Hashtag #equalgame, der noch heute das Leitmotto der Uefa ist, twitterte der Account des Verbands 2017: »Das ist Liams Geschichte  über Leidenschaft, Stolz und wie es ist, der erste offen schwule, männlicher Fußballer zu sein, der in Wembley spielt«. #EqualGame #LGBT«, ergänzt um ein paar Regenbogenflaggen. In weiteren Tweets erklärt die Uefa: »Football is for EVERYONE «, gefolgt von den Emojis Muskelarm, Regenbogenflagge, Fußball. Der Verband hat selbst nach eigenem Maßstab oft und oft absichtsvoll politisch kommuniziert.

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Wir kennen diese Form von Bigotterie von Donald Trump, der in der Lage ist, das exakte Gegenteil von dem zu tun, was er lautstark behauptet. Diese Parallele aber bringt einen neuen Aspekt in die schon lange geführte Debatte über Vermarktung und Moral. In Zeiten, in denen Marken glauben, sich zwischen Pride, Fridays for Future und Black Lives Matter immer politischer positionieren zu müssen, führt die Uefa die Lösung für diejenigen vor, die sich nicht ständig an den selbst kommunizierten Werten messen lassen möchten: Branding-Nihilismus, also die eigenen Worte vollständig abzulösen vom eigenen Handeln. Branding-Nihilismus ist, wenn eine getwitterte Regenbogenflagge bedeutet, dass man weder für noch gegen die LGBTIQ+-Bewegung ist, sondern einfach: gar nichts. Das erleichtert das Leben der Marketingabteilungen ungemein.

Wirklich interessant aber ist die Wirkung des Branding-Nihilismus auf das Publikum und andere Marken – denn hier, im Fall Uefa, kommt eine großartige Eigenschaft der sozialen Medien zum Vorschein. In den Anfangszeiten des World Wide Web entstand der bekannte Streisand-Effekt. Barbra Streisand verklagte einen Fotografen, der Luftbilder der gesamten Kalifornischen Küste ins Netz gestellt hatte – und damit neben Tausenden anderen Fotos auch das von ihrem Haus. Mit der Klage erreichte Streisand das exakte Gegenteil ihrer Absicht, ihr Haus und die Lage wurden weltbekannt. Die Uefa hat durch ihren Branding-Nihilismus eine neue Kategorie dieses Phänomens provoziert, nämlich den moralischen Streisand-Effekt: Die bigotte Missachtung selbst erklärter Werte verkehrt sich in Verbindung mit der immensen Trotzenergie der sozialen Medien ins Gegenteil.

Selten ließ sich in der deutschen Öffentlichkeit ein derart regenbogen-intensiver Unterstützungssturm für die LGBTIQ+-Bewegung beobachten. Der Reiz, sich gegen eine offen bigotte Organisation zu stellen, war einfach zu groß. Der Hashtag #MuenchenMachEsTrotzdem war nach der Entscheidung der meistverwendete im deutschen Sprachraum. Die Facebook-Seite der Uefa wurde vom Publikum geflutet mit Zehntausenden Regenbogenflaggen als Kommentaren. Das größte Thema ist nicht mehr das Spiel, sondern Respekt und Toleranz für die LGBTIQ+-Bewegung und die Menschen, für die sie kämpft. Am Ende wird die Uefa dadurch mit ihrer Bigotterie mehr für LGBTIQ+ getan haben als mit ihrem #EqualGame-Marketing-Gelaber. Und es hat den europäischen Fußballverband nicht mehr gekostet als den vollständigen Verlust wirklich jeder Glaubwürdigkeit. Ein Preis, den wir gerne bezahlen.

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