Umstrittene Digitalisierung BBC bastelt am Online-Medienimperium

Eine der größten Online-Redaktionen der Welt, der größte Hörbuch- und der drittgrößte Zeitschriftenverlag Großbritanniens - das genügt der BBC nicht. Der öffentlich-rechtliche Riese will weiter wachsen, am liebsten im Netz und auf Kosten der privaten Konkurrenz.

Kostenloser Versand bei allen Weinbestellungen! Hausratversicherung - Sparen Sie 30 Prozent! So tönen die Anzeigen auf der Webseite der größten britischen Kochzeitschrift. "Good Food" ist ein beliebter Werbeträger - fast 340.000 Leser kaufen das Heft monatlich - und höchstwahrscheinlich ein profitabler.

Etwaige Gewinne streicht der Konzern BBC Worldwide ein, die kommerzielle Tochter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Großbritannien. Jahresgewinn zuletzt: umgerechnet fast 160 Millionen Euro. Umsatz einschließlich der Beteiligungen an Joint Ventures: fast 1,2 Milliarden Euro. Und die Firma expandiert kräftig. Für angeblich 100 Millionen Euro kauft BBC Worldwide den Reiseverlag Lonely Planet.

Das Ziel: Wachstum, vor allem im "digitalen Bereich", wie BBC Worldwide in einer Stellungnahme schreibt. Da hat Lonely Planet tatsächlich Potential. Die Reiseführer haben eine starke, identitätsstiftende Marke, die Individualtouristen anspricht. Ansätze, darauf eine Online-Community von Alternativurlaubern aufzubauen, gibt es schon. Auf Lonelyplanet.tv stellen Globetrotter Videoschnipsel ihrer Touren ein, auf Lonelyplanet.com tauschen sie Tipps, Listen, Reisgeschichten und Fotos aus.

Hoffnung auf Geld und Publikum im Netz

Der Grund für die Online-Offensive: BBC Worldwide will Geld verdienen. Frei übersetzt heißt das Motto auf der Firmenseite: "Die Welt unterhalten, um die BBC zu finanzieren." Bei der kommerziellen Auswertung von BBC-Sendungen und -Marken soll sie möglichst viel Profit rausschlagen. Oder umgekehrt: Medienangebote übernehmen, die Geld bringen und irgendwie zum BBC-Programm passen - wie Lonely Planet zu den legendären BBC-Reportagen und -Dokumentationen.

Online-Videos und Mitmach-Netz? Hier ist BBC Worldwide noch schwach, muss sich dringend Publikums- und Geldbringer einverleiben. Die Sparte "Digital Media" hat den kleinsten Umsatz der sechs Geschäftsbereiche, im vorigen Geschäftsjahr nahm sie umgerechnet nur knapp 20 Millionen Euro ein und fuhr einen Verlust von umgerechnet etwa 5,7 Millionen Euro ein.

Das sind strategische Investitionen. BBC Worldwide hat eine eigene Version des iPlayers der BBC programmiert: Diese Software bringt BBC-Fernsehprogramme übers Netz auf Computer - in Großbritannien ist der Dienst kostenlos, BBC Worldwide will aber für die Sendungen Geld von internationalen Kunden verlangen. Bis dahin macht BBC Worldwide die Marke BBC bekannt im Netz. "Wir müssen da angeln, wo die Fische sind", sagte Simon Danker, Chef für Digitale Medien bei BBC Worldwide dem SPIEGEL dazu im März. Da hatte sein Konzern gerade einen Mega-Deal mit dem Web-Videoportal YouTube abgeschlossen.

BBC presst die Kommerztochter aus

Von ihrer Kommerztochter erwartet die BBC finanziell viel: In den kommenden fünf Jahren soll das Unternehmen die Gewinne verdoppeln. Die Ausschüttungen von BBC Worldwide sollen 2012 ein Zehntel des BBC-Etats decken, so die Pläne von BBC-Boss Mark Thompson. Der Rest des BBC-Etats kommt aus Fernsehgebühren, umgerechnet 198 Euro muss man als Besitzer eines Farbfernsehers in Großbritannien jährlich an Zwangsgebühren zahlen.

Umsatzbringer: So verdient die Kommerz-BBC

Sparte Umsatz*umgerechnet in Mio. Euro Gewinn*umgerechnet in Mio. Euro Geschäftsfelder
Global Channels 242,5 29,9 weltweit ausgestrahle BBC-Sender mit Werbeblöcken
Global TV Sales 310,4 57,7 Verkauf von BBC-Produktionen an andere Sender
Content Production 75,9 13,63 Auftragsproduktionen, Vermarktung, Co-Finanzierung
Magazines 245,8 28,7 Zeitschriftenverlag (Lebenshilfe, Jugend, Ratgeber, Populärwissenschaft
Home Entertainment 268,2 35 Verkauf von DVDs, Hörbüchern, Musik
Digital Media 19,9 -5,6 Video-On-Demand, Internet-Fernsehen, Mobil-TV, Web-Gemeinschaften
Gesamt 1200 160
* Beteiligungen anteilig gerechnet / Quelle: Bericht für das Geschäftsjahr 2006/2007 von BBC Worldwide

Weil die Gebühren bis 2012 aber langsamer steigen sollen als die Inflation, so die Gebührenentscheidung der Regierung Anfang des Jahres, sucht die BBC nach neuen Erlösen im Netz, im Internet-Fernsehen und im Pay-TV-Bereich. Dem Rundfunkriesen fehlen wegen der angeblich knauserigen Gebührenentscheidung bis 2012 umgerechnet 2,8 Milliarden Euro – man hatte einfach mehr Gebühren eingeplant.

Startvorteil: 750.000 Stunden Filmmaterial

Britische Verleger und Anbieter von Web-Inhalten ärgern Expansionspläne von BBC und BBC Worldwide immer wieder. Ihre Argumentation: Die hier vermarkteten Inhalte sind zum Teil auch aus Zwangsgebühren finanziert worden. Ein Wettbewerbsvorteil gegenüber allen privaten Unternehmern. Konkret: BBC Worldwide kann 750.000 Stunden Ton- und Filmaufnahmen der BBC nutzen und vermarkten.

Jedes Jahr kommen 30.000 Stunden dazu: Soaps, Fernsehfilme, Dokumentationen, Nachrichten, Serien. Und Marken: Viele der großen Magazine des BBC-Zeitschriftenverlags sind aus BBC-Fernsehsendungen entstanden, profitieren kostenlos von deren Reichweite und Image. Die Marken sollen nun nicht nur Magazine, sondern auch Web-Gemeinschaften befeuern: Im August hat BBC Worldwide einen entsprechenden Vertrag mit dem Community-Bauer Liveworld unterschrieben.

Wettbewerber wie Zeitungsverlage und private Community-Betreiber werfen BBC und BBC Worldwide unfairen, marktverzerrenden Wettbewerb vor. Die Kritik gibt John Smith, Geschäftsführer von BBC Worldwide, weiter: Den Auftrag habe seine Firma von der britischen Regierung, die müsse man kritisieren. Smith erklärte im März der "Financial Times": "Je nach Stimmungslage machen wir gute Geschäfte, was die Wettbewerber nicht mögen, oder wir machen schlechte Geschäfte, was die Konkurrenten lieben und die Politiker hassen."

Gebühreneinnahmen als Wettbewerbsvorteil

Und so expandiert BBC Worldwide im festen Glauben an den Auftrag von ganz oben emsig im Web. Zu den populärsten britischen Webseiten gehört neben Google und eBay das Online-Angebot der BBC. Die Nutzerzahlen steigen kräftig, locker 16 Millionen individuelle Nutzer im Monat lockt das Angebot derzeit – eines der erfolgreichsten und teuersten weltweit. Ähnlich beliebte Nachrichtenseiten von einem Verlagshaus existieren in Großbritannien nicht.

Aus dieser Online-Dominanz kann BBC Worldwide prächtig Gewinn schlagen: Auf der internationalen Seite "bbc.com" könnte es irgendwann Online-Werbung geben, wie man sie heute schon auf den Webangeboten der BBC-Zeitschriften findet. Die gebührenfinanzierten Inhalte der BBC-Journalisten sind ein unschlagbarer Wettbewerbsvorteil.

Brutalo-Vermarktung schadet dem BBC-Image

Auf YouTube hat BBC Worldwide schon begonnen, BBC-Material zu verwerten. Seit März stellt die Firma Inhalte auf Googles Web-Video-Plattform ein. Ob jetzt schon Geld fließt und falls ja, in welche Richtung – unbekannt. Die BBC lässt sich aber alle Optionen offen: Werbefinanzierung bei YouTube, paralleler Verkauf der bei der Videoplattform beworbenen Inhalte über den BBC-iPlayer und natürlich noch den DVD-Verkauf.

Mittelfristig ist die Vermarktung des seriösen BBC-Images ein gutes Geschäft. Doch langfristig könnte dieses brutale Auspressen dem Ansehen der BBC schaden. Roger Gale, früher BBC-Reporter und heute konservativer Abgeordneter im britischen Unterhaus, sagte dem US-Magazin "Newsweek", die BBC sei eine besondere Marke, man müsse sie vor übereifrigen Vermarktern schützen: "Das ist wie mit der königlichen Familie. Die Queen könnte viele Schokoriegel verkaufen, aber sie würde das nicht tun."

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