UMTS-Tagebuch 336 Stunden online
Der eine ist ein Handyfan, der andere ein Handymuffel vor dem Herrn: Zwei Wochen lang wollen die SPIEGEL-ONLINE-Redakteure Thomas Hillenbrand und Frank Patalong ausprobieren, was die neue Mobilfunktechnik wirklich zu bieten hat. Das kann was werden.
Testhandy: Redakteur Hillenbrand schaut hoffnungsfroh, endlich kann er "Vom Winde verweht" auf dem Handy gucken.
UMTS-Anbieter in Deutschland: Gut ein halbes Jahr nach dem offiziellen Start sollten etwaige Kinderkrankheiten bei der Technik kuriert sein - Zeit, für den Härtetest
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Sony Ericsson Handy P800: Anders als das Handy des Kollegen zur Rechten läuft dieses Gerät ohne Kohlebriketts
Foto: Sony|
Der Handyfan will mehr Bandbreite
"Nie gehst Du ans Telefon!", entfuhr es meinem Kumpel Alexander. "Wie kann es bitte sein, dass Du zwei Stunden lang nicht erreichbar bist?" Wahrscheinlich wäre die Aufregung noch größer gewesen, hätte er gewusst, dass ich neben meinen zwei Festnetzanschlüssen und meinem Privat- sowie Diensthandy auch noch eine Unified-Messaging-Nummer sowie eine amerikanische Prepaid-Funke besitze, unter denen ich ebenfalls nicht erreichbar bin. Meinen Kollegen und Hobby-Ludditen Frank Patalong kann man auch nie übers Handy erreichen. Das liegt daran, dass sein Nokia 5110, eine Art tragbares Dampftelefon aus dem Pleistozän der Mobilfunkära, vermutlich schon lange den Geist aufgegeben hat - oder immer noch vergeblich versucht, sich ins C-Netz einzuloggen. Ich hingegen benutze mein Handy ständig - nur eben nicht zum Telefonieren. Alle zwei Jahre bekomme ich von meinem Netzbetreiber ein neues Gerät mit weiteren Funktionen zugeschickt. Das zurzeit von mir favorisierte SonyEricsson-Smartphone verschickt E- Mails, ruft Webseiten auf und speichert meine Kalendereinträge. Man kann damit Fotos oder Filme machen und es Interviewpartnern anstelle eines Diktafons unter die Nase halten. Morgens in der Bahn lese ich bereits die Online-Schlagzeilen von BBC, "New York Times" und Wall Street Journal". Bei so viel Multimediazauber bleibt mir einfach keine Zeit mehr zum Telefonieren. Und eigentlich ist mir das auch ganz recht so. Entsprechend war ich sehr gespannt auf UMTS - anders als Kollege Patalong, der das Ganze für "Kappes", hält. Das Tolle am Mobilfunk der dritten Generation ist, dass Handys nun Daten so schnell wie ein DSL-Modem übertragen können. Zwar halte ich es auch für bescheuert, sich einen Spielfilm auf dem Mini-Display seines Telefons anzugucken. Aber ein Handy mit Breitband-Internet macht dennoch Sinn: Vielleicht möchte man online von unterwegs das Programm seines Lieblingskinos abfragen. Oder einem Freund, der Geburtstag hat, eine Videobotschaft schicken. Oder sich ein paar Bundesliga-Tore anschauen. Es ginge auch ohne diesen technischen Schnickschnack, klar. Aber es ginge auch ohne frisch geriebenen Parmesan, ohne elektrische Fensterheber und ohne 40 Fernsehkanäle. Ein Blick auf die Preislisten der verschiedenen UMTS-Anbieter zeigt, dass notorische Handysurfer unter Umständen einen Zweitjob annehmen sollten. Viel wichtiger ist allerdings zunächst einmal die Frage, ob die neue Technik überhaupt funktioniert. Kann man wirklich Filme aufnehmen und per Mail verschicken? Lassen sich, wie von der Werbung suggeriert, jederzeit problemlos Videokonferenzen abhalten? Wie ist das Angebot an Nachrichten, Spielen und Entertainment-Seiten? In den kommenden zwei Wochen werden wir das testen, und Sie können zugucken. Täglich werden wir von unseren Erfahrungen berichten. Entscheiden Sie dann selbst, ob ihnen so ein UMTS-Handy auch Spaß machen würde oder ob sie es wie der alte Maschinenstürmer in der rechten Spalte für überflüssigen Kappes halten. P.S. Egal wie gut oder wie schlecht die UMTS-Handys von der Kundschaft angenommen werden - die Unsummen von Geld, die Telekom, Vodafone und Konsorten in die Technik investiert haben, sind kaum wieder hereinzubekommen. Aber das soll uns nicht den Spaß verderben. Und auch die Manager der Mobilfunkbranche sollten es locker nehmen. Kopf hoch, die Herren! Es war schließlich nicht Ihr eigenes Geld, sondern nur das Ihrer Aktionäre. |
Sony-Ericsson V800: Das Testgerät für die Expedition ins UMTS-Land. Redakteur Patalong schaut äußerst skeptisch
...denn bisher war ihm dieser klassische Knochen genug: Nokia 5110, voll Gesprächs- und SMS-tauglich. Garantiert ohne Kamera
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Der Handymuffel geht Online
Der Tag, an dem ich mein Handy ausschaltete, war ein Montag. Ich hatte frei an diesem Tag im April, weil mein Sohn seinen Geburtstag feierte. Die Taschenbimmel fing an zu fiepen, als ich gerade versuchte, einen Kieferstamm per Hanfseil mit vier anderen zu verschnüren: Um mich herum auf der Waldeslichtung tobte ein ganzer Stamm sechsjähriger Indianer, die die Fertigstellung ihres Tipis kaum erwarten konnten. Am anderen Ende war Peter Glotz. Während der ehemalige SPD-Bundesgeschäftsführer mir erklärte, dass er gerade an einem Kommentar zu den Icann-Wahlen schreibe, mit denen auch ich mich ja eingehend befasst hatte, versuchte ich den entfesselten Mini-Indianern zu erklären, dass sie ein paar Minuten so leise sein sollten, als seien sie auf der Jagd. Die einzige Form der Jagd, die sie zu kennen schienen, war die Treibjagd. "Was ist denn bei Ihnen los?", fragte Glotz und ich sagte ihm, er habe mich zuhause erwischt. "Sie haben aber auch nur frei!", antwortete Glotz und lachte. Den Eindruck hatte ich nicht. Als das Gespräch beendet war, schaltete ich das Handy aus und habe es seitdem nur eingeschaltet, wenn ich entweder dienstlich unterwegs bin oder aber dringend jemanden erreichen muss. Seitdem habe ich nicht nur mitunter frei, seitdem fühle ich mich auch freier. Gegen Peter Glotz habe ich übrigens nichts, habe die Gespräche mit ihm immer genossen. Nur nicht unter Indianern. Seitdem bin ich eben nicht überall und jederzeit und für jeden erreichbar, sondern nur, wenn es nötig ist. Ich fühle mich nicht unter dem Druck, ständig ein neues Handy haben zu müssen (meines, ein Nokia 5110, ist nun über sechs Jahre alt). Ich gehörte zu den IT-Schreibern, die die aberwitzige UMTS-Hysterie von vornherein gesund kritisch distanziert als eine Art Realsatire (mit hyperventilierenden Großstädtern in den Hauptrollen) genießen konnten. Kurzum: Wenn mir jemand ein Handy schmackhaft machen will, braucht er ein paar verteufelt gute Argumente (bei SPIEGEL ONLINE bin ich in Handy-Themen normalerweise nicht involviert). Die UMTS-Verheißungen der ersten zwei Jahre, als die neue Technik ein unerfülltes Versprechen blieb, empfand ich persönlich eher als Albträume. Einen hysterisch idiotischen Käse wie die Vision, mein "Always-On"-Handy würde mir bald schon sämtliche Sonderangebote von den Läden, an denen ich gerade vorbeiflaniere, um die Ohren quäken, kann sich nur ein Großstadtbewohner mit abgeschlossenem Betriebswirtschaftsstudium aus den Fingern saugen. Schaurig! "Aber inzwischen", sagt mir Kollege Hillenbrand aus der Wirtschaftsredaktion, "können die Dinger ja wirklich was!" Er kennt sich da aus, ist ein versierter Telekommunizierer. Er schreibt zwölf SMS in der Zeit, in der ich eine schaffe, und hat seine Prioritäten anders gesetzt: "Mir haben sie mein Handy geklaut", erzählte er vor Jahren in der Redaktion. Das habe im Handschuhfach gelegen. "Und das Auto?", wollte daraufhin einer wissen. "Ist auch weg", sagte der Hillenbrand. Weil er die Quasseltechnik also zu schätzen und sie zu beurteilen weiß (ja, er ist bei SPIEGEL ONLINE in die Berichterstattung über Handys involviert) und selbst wirklich neugierig ist auf das, was die Konzerne inzwischen aus UMTS gemacht haben, schlägt er mir nun diese kleine Aktion vor: Zwei Wochen lang wollen wir beide ein UMTS-Tagebuch führen. Mit den kleinen Dingern leben, sie ausprobieren, herausfinden, was sie wirklich zu bieten haben. Mit ihnen Infos recherchieren, Fotos und Filme übertragen, sie als journalistisches Vor-Ort-Equipment nutzen. "Okay", sage ich, "vielleicht lerne ich ja was hinzu." P.S.: Ich habe schon etwas dazugelernt. Mein Sohn, inzwischen elf Jahre alt, will, dass ich das UMTS-Ding behalte, unbedingt. "Was soll ich denn damit?", frage ich ihn. "Wieso Du?", antwortet er. P.P.S.: "Das Auto", sagt mir Hillenbrand, nachdem er diesen Text gelesen hat, "ist übrigens leider wieder aufgetaucht. War'n Opel. Das Handy nicht." |