Verbotene Browser-Erweiterung Wie Facebook gegen einen Mann vorgeht, der den News Feed aufräumen wollte

Louis Barclay ist der Erfinder von »Unfollow Everything«. Das Programm leerte den News Feed im Facebook-Konto komplett, was viele Nutzer angenehm fanden. Doch das Unternehmen wollte das nicht akzeptieren.

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Louis Barclay mochte Facebook eigentlich, vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Der britische Start-up-Gründer und Entwickler verbrachte einst viel Zeit damit, durch seinen endlosen News Feed zu scrollen, der Begriff »Abhängigkeit« fällt mehrfach in seiner Geschichte , die diese Woche auf »Slate.com« veröffentlicht hat. Doch nachdem er ein Mittel dagegen erfunden und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat, verbannte ihn Facebook vor einigen Monaten für immer von allen Plattformen des Konzerns.

Jetzt reiht sich Barclay in die jüngst noch etwas länger gewordene Liste derer ein, die Facebook für seine »hochgradig manipulativen Designs und Funktionen« kritisieren, wie er es ausdrückt.

Alles begann damit, dass Barclay vor einigen Jahren zu der Erkenntnis kam, dass er Facebook zwar benutzen möchte, aber dazu keinen von Facebooks Algorithmus sortierten News Feed braucht. Er fing an, allen seinen Freunden, Gruppen und Seiten zu entfolgen. Die Option stellt Facebook selbst zur Verfügung, in den News-Feed-Einstellungen sowie im Menü zu jedem einzelnen Inhalt. Das Endergebnis: ein leerer News Feed, ohne irgendjemanden dafür »entfreunden« zu müssen. Dann machte Barclay die Einstellung nur für jene Kontakte rückgängig, deren Inhalte er wirklich regelmäßig sehen wollte – fertig war sein verschlankter News Feed. Für Updates aller anderen entfolgten Freunde ging er bei Bedarf direkt auf deren Profile.

Doch der Brite sagt, er habe viele Facebook-Kontakte gehabt und daher Stunden für die Aufräumaktion gebraucht, weil er jeden Freund, jede Gruppe und jede Seite einzeln auswählen musste. Daher beschloss er, ein kleines Helferprogramm zu programmieren, das den Vorgang automatisiert. Im Juli 2020 veröffentlichte er es als kostenlose Erweiterung für den Chrome-Browser. »Unfollow Everything« nannte er die.

Abmahnung ohne Vorwarnung

Ein riesiger Erfolg, der Facebooks eigene News-Feed-Pläne durchkreuzen könnte, wurde es nicht. Aber immerhin 13.000 Downloads verzeichnete Barclay in den folgenden Monaten, schreibt er dem SPIEGEL. Begeisterte E-Mails von Nutzerinnen und Nutzern, die sich dank ihm weniger Facebook-abhängig fühlten, will er erhalten haben.

Auch die Forschung interessierte sich dafür. Zusammen mit der Schweizer Universität Neuenburg startete er ein Experiment, in dem untersucht werden sollte, welchen Einfluss der Newsfeed auf die Nutzungsdauer und die Zufriedenheit mit Facebook hat. Eine Gruppe von Probanden räumte dazu mit »Unfollow Everything« den eigenen News Feed leer, die Kontrollgruppe ließ ihren dagegen intakt. Die Ergebnisse der Studie sind noch nicht veröffentlicht.

Doch ein Jahr nach dem Start von »Unfollow Everything«, im Juli 2021, bekam Barclay plötzlich Post, ohne jede Vorwarnung. Eine Kanzlei schrieb ihm im Namen von Facebook eine Abmahnung  und teilte ihm mit, dass der Konzern Barclays Facebook- und Instagram-Konten deaktiviert habe. Er dürfe nie wieder die Websites, Apps, Netzwerke und Dienste des Konzerns aufrufen.

Der Grund: Die Browser-Erweiterung verletze Facebooks Markenrechte und Nutzungsbedingungen , in denen es heißt, man dürfe »(ohne unsere vorherige Zustimmung) nicht mittels automatisierter Methoden auf Daten unserer Produkte zugreifen« und nichts tun, »das die einwandfreie Funktionsweise bzw. das Erscheinungsbild unserer Produkte unterbinden, überlasten oder beeinträchtigen könnte«.

Die Kanzlei verlangte nicht nur, dass Barclay seine Chrome-Erweiterung abschaltet und aus dem Chrome Store entfernt. Er sollte zudem eine Liste aller jemals von ihm betriebenen Facebook- und Instagram-Konten vorlegen, eine Liste aller derzeit von ihm kontrollierten Internetdomains, eine genaue Beschreibung der Funktionsweise von »Unfollow Everything« inklusive des Quellcodes, eine Aufstellung aller mit der Erweiterung erzielten Einnahmen (die, wie erwähnt, kostenlos war) sowie den Nachweis, dass er alle jemals von Facebook empfangenen Daten gelöscht habe. Leiste er dem nicht Folge, behalte sich Facebook vor, »alle Maßnahmen zu treffen, die nötig sind, um seine Rechte durchzusetzen, die Qualität seiner Websites zu erhalten und die Daten und Privatsphäre seiner Nutzer zu schützen«.

Barclay traute sich nicht, dagegen anzugehen, denn »Facebook ist ein billionenschweres Unternehmen« und er könne das Risiko nicht eingehen, im Falle einer juristischen Niederlage auf den Gerichtskosten sitzenzubleiben. »Unfollow Everything« gehört daher der Vergangenheit an. Lange traute er sich nicht einmal, den Fall öffentlich zu machen: »Von so einem Unternehmen bedroht zu werden, ist extrem Furcht einflößend. Ich hatte Angst, verklagt zu werden und dann bankrott zu sein. Zum Glück bekam ich gute Ratschläge vom Knight First Amendment Institute an der Columbia University und von einigen großartigen Anwälten hier in Großbritannien. Die haben mir geholfen, mich wieder sicherer zu fühlen, weshalb ich beschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen.«

Der SPIEGEL hat Facebook am Freitag dazu einige Fragen zukommen lassen, unter anderem die, warum das Unternehmen so gegen Barclay und seine anscheinend harmlose Erfindung vorgegangen ist. Zunächst hat das Unternehmen die Fragen nicht beantwortet.

Facebooks Verhalten sei »nicht nur gegen den Wettbewerb gerichtet, sondern auch gegen Konsumenten«, findet Barclay: »Wir werden auf unbestreitbar nützlichen Plattformen eingeschlossen und dann daran gehindert, legitime Entscheidungen darüber zu treffen, wie wir sie nutzen wollen. Wenn Gesetzgeber wirklich die Nutzerinnen und Nutzer ermächtigen wollen, sich gegen Big Tech zur Wehr zu setzen, müssen sie an den Methoden ansetzen, mit denen die Plattformen solche Entscheidungen behindern, Nutzungsbedingungen inklusive.«

Er selbst entwickelt weiterhin Software gegen die Sucht nach digitalen Diensten und sagt, zumindest seine eigene Facebook-Abhängigkeit habe er jetzt definitiv im Griff.

Hinweis: Am Dienstag, zwei Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels, hat Facebook dem SPIEGEL ein Statement geschickt. Darin verweist ein US-Sprecher zunächst auf die hauseigene Möglichkeit zum Entfolgen, schreibt dann aber (übersetzt): »Trotz des ähnlichen Namens hat die Browser-Erweiterung automatisiert auf die Konten von Nutzerinnen und Nutzern zugegriffen und diese verändert, was ein Missbrauchsrisiko darstellt. Das ist die infrage stehende Verletzung unserer Nutzungsbedingungen, nicht das Entfolgen an sich oder die daraus folgende Reduktion der Nutzungsdauer unserer Produkte. Die können Nutzerinnen und Nutzer auch mit unseren eigenen Werkzeugen beeinflussen.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.