Unkenruf Auch Frauen klauen

Über sieben Prozent aller Frauen, hat die Filmindustrie entdeckt, sollen Piratinnen sein. Da muss man was tun: Ab sofort werden online klauende, raubkopierende Frauen wie ihre diebischen Kinder und langfingrigen Ehemänner per Werbeplakat mit Knast bedroht. Wann, fragt sich da der Verbraucher, wird Deutschland endlich vergittert?

Irgendwo dort draußen sitzen drei Millionen kriminelle deutsche Internet-Surferinnen vor ihren Rechnern. Sie ziehen Musik, Fernseh- und Kinofilme aus dem Netz, sehen diese am Rechner oder brennen sie auf CDs oder DVDs, gehen jedenfalls nicht in den Laden, zahlen dort nicht den fälligen Preis, und die Industrie fühlt sich gebeutelt, bestohlen, beraubt.

Zwar steigen die Umsätze und Verdienste aus dem DVD-Geschäft weiter erklecklich, zwar unken auch Branchenintern viele, dass die Margen vor allem sinken, weil DVDs immer billiger, wenn nicht gar umsonst als Zeitschriften-Beipack verschleudert werden. Doch mit den Silberscheiben macht die Industrie längst mehr Geld als an den Kinokassen. Trotzdem hat die Branche vor langem schon präventiv den Schuldigen für alle virtuellen wie wahren Verluste ausgemacht: Es ist der Pirat, und an seiner Seite sitzt eine Piratin.

Und zwar immer öfter, sagt den Filmbossen die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die schon schön erschreckende Zahlen erhoben hat: Jeder achte Mann (12 Prozent) betätige sich kriminell am Rechner, und auch 7,1 Prozent der Frauen ließen sich nicht nehmen, sich das zu nehmen, was im Web kostenlos, von der Industrie selbst aber gar nicht angeboten wird.

Denn obwohl die Filmindustrie in Deutschland seit mehr als einem Jahr mit einer viel beachteten Anti-Werbekampagne die Nutznießer raubkopierter Filme mit Knast bedroht, bietet sie nach wie vor keine legale Download-Alternative. Zumindest in dieser Hinsicht folgt sie nicht dem Beispiel der Musikindustrie, die mit ihrer Strategie von Zuckerbrot (iTunes, Musicload und Co) und Peitsche (PR-Kampagnen, Abmahnungen, Anzeigen) bereits einige Erfolge vorzuweisen hat. Die Filmindustrie beschränkt sich auf die Peitsche und auf den Hinweis, dass man Filme schließlich ja auf Silberscheiben erwerben könne.

Das Allerweltsdelikt

Das allerdings stimmt, und zwar auf jedem Schulhof: Der Versuch, Piraterie - rein juristisch korrekt - als kriminellen Akt zu verfemen, trifft in der Öffentlichkeit auf Unverständnis, weil das Unrechtsbewusstsein nach wie vor gegen Null geht. Kein Wunder, sieht Otto-Normalbürger doch überall, dass man, wenn man die Kriminalisierung des Kopierens wirklich durchzöge, Deutschland überdachen und an den Grenzen mit Gittern versehen müsste. Einig kriminelles Vaterland, und Brennen ist ein Alltagsdelikt wie das Überqueren einer roten Fußgängerampel um drei Uhr morgens bei völlig leerer Straße. Man weiß, dass man das nicht tun sollte, aber wem schadet es schon?

"Blödsinn", sagt etwa meine dreizehnjährige Tochter, als ich sie darauf hinweise, dass ich ihr das neueste Album von XYZ nicht einfach aus dem Web "besorgen" könne, weil das verboten sei, "und warum verkaufen die dann Brenner?"

Gute Frage. Die Cebit wird ab Donnerstag wieder voll davon sein: Als PC-angebundene, aber auch als Standalone-Lösung, um die laut zweitem Korb der Urheberrechtsnovelle weitgehend nicht-mehr-so-richtig-erlaubte Privatkopie weiter zu erleichtern. Die ist ja bekanntlich formell erlaubt, wobei das Justizministerium eine Linie fährt, die wirklich alle glücklich machen will: Den Herstellern erlaubt das neue Recht nämlich auch das Auflegen von Kopierschutzmechanismen. Die aber darf der Verbraucher nicht brechen, das ist verboten. Klarer hätte das Justizministerium also nicht Jein sagen können - und zwar zu allen. Zum mangelnden Unrechtsbewusstsein kommt also ein neues Gesetz, das sich selbst ad absurdum führt und Otto-Normalverbraucher nicht mehr zu vermitteln ist.

Meiner Tochter erkläre ich darum nur die rechtlichen Risiken, ohne das Thema weiter zu vertiefen. Kinder akzeptieren es noch, wenn man ihnen mit Strafe für etwas droht, was sie überall um sich herum als völlig normales Verhalten beobachten. "Nur weil andere das tun", ist das typische Elternargument, "musst Du das ja nicht mitmachen."

"Okay", sagt sie da, "dann frage ich eben Sarah."

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P2P: "Raubkopierer sind Verbrecher"

Foto: ZKM

Mein "Tust Du nicht!" ist erzieherisch wichtig, auch wenn ich weiß, dass es wahrscheinlich wirkungslos verpufft: In dieser Hinsicht, liebe Industrie, sitzen wir in einem Boot. Ich verzichte zudem auf den Versuch, ihr erklären zu wollen, warum es Firmen gibt, die gleichzeitig Brenner anbieten und Musik und Film produzieren. Nach allem, was man hört, sind solche Fragen ja sogar firmenintern nicht immer einfach zu klären.

Selbstdiskreditierung: Statistik-Spielchen

Absurd sind auch die Verlustrechnungen der Filmindustrie, die im letzten Jahr klagte, ihr seien per Raubkopie über 4 Milliarden Dollar durch die Lappen gegangen. In der Rechnung fehlte nur das Wörtchen "Mehreinnahmen", denn die Zahl errechnete sich aus der geschätzten Zahl von Downloads und Raubkopien, die man einfach so behandelte, als ob jeder "Pirat" - hätte es die Kopie nicht gegeben - stattdessen ins Kino gegangen wäre oder eine DVD gekauft hätte.

Die dramatischen Zahlen werden dann noch äußerst selten zusammen mit den tatsächlichen Bilanzen Hollywoods genannt: Die Filmbranche erzielte 2004 nämlich Rekordergebnisse sowohl an den Kinokassen, als auch mit dem DVD-Verkauf. Zwar waren die Zuschauerzahlen rückläufig, doch Preiserhöhungen und ein weiteres Wachstum des DVD-Marktes pufferten das problemlos ab. Ein wenig Angst bekam die Branche aber doch, weil das DVD-Segment in den USA mit nur noch 8,5 Prozent wuchs: Droht hier die Marktsättigung, oder sind's die bösen Kopierer? Deren Zahl, das zeigte die letzte Brennerstudie, ist übrigens rückläufig.

Auch so etwas erhöht die Glaubwürdigkeit nicht unbedingt, denn natürlich ist das Jammern über den Ausfall virtueller Umsätze angesichts solcher Bilanzen schlicht gequirlter Unsinn.

Das Piraterie-Problem ist weder technisch, noch juristisch zu lösen. Aber ist der drohend erhobene Zeigefinger die Lösung - und ist er überhaupt nötig? Weiter...

Längst weiß die Industrie auch, dass es gerade nicht die von ihr so publikumswirksam immer wieder bemühten geklauten aktuellen Blockbuster sind, die von Surfern in P2P-Börsen gesucht werden. Online ziehen Filmfans mit Vorliebe Filme, die sie in keiner Videothek bekommen und oft auch gar nicht kaufen können und TV-Serien, weil man die als Sammler halt gern vollständig hat.

In Deutschland kommt für Trekkies oder "Six-Feet-Under"-Fans das Motiv hinzu, dass sie (wenn sie des Englischen mächtig sind) eben nur ungern über ein Jahr auf eine mies synchronisierte deutsche Version warten, wenn die Dateien doch im Web bereit liegen. Wem, fragen sich Serien-Fans, tun sie denn schon weh - und man komme ihnen da nicht mit den immer wieder zitierten Werbeeinnahmen der Fernsehsender: Erstens sehen wahre TV-Freaks ihre Lieblingsserien so oft, wie sie angeboten werden, zweitens zappen sie bei der Werbung doch sowieso weg - so die gängigen Gegenargumente.

Verpuffende Kampagne

Dabei dürfte gerade diese Form des "Film-Ziehens" selbst vor Gerichten heiß diskutiert werden: Analoge wie digitale Kopien aus dem Free-TV sanktioniert das neue Urheberrecht nämlich durchaus. Gong, auf zur nächsten Runde: Muss dieses Free-TV nun in Deutschland ausstrahlen, um die Kopie zur erlaubten Privatkopie zu machen?

Kult sind dagegen mittlerweile die weithin beliebten Werbespots gegen die Piraterie. Kinder, die sich darauf freuen, dass sie ihrem Papa nur noch viermal Happy Birthday vorsingen müssen, bis er wieder aus dem Knast kommt, sprechen den Humor der Brenn-Spaßgesellschaft durchaus an.

Ob man der mit einer Kampagne wie "Hart aber gerecht" ein anderes Verhalten anerziehen kann, erscheint jedoch fraglich. Wer Blockbuster-DVDs für vier Euro auf dem Parkplatz kauft, weiß, dass damit jemand Geld verdient, der keines verdienen sollte. Aber das allgemeine, republikweit verbreitete "Du, ich hab da einen tollen Film zuhause. Nicht gesehen? Ich zieh Dir mal ne Kopie!" ist damit nicht zu unterbinden. Dafür, siehe oben, kauft man sich schließlich einen Brenner.

Und der kostet die Industrie nicht nur virtuelle Umsätze, er schafft auch neue Märkte.

Innerhalb weniger Jahre hat sich Deutschland in ein Land von Cineasten verwandelt. Wo Menschen reiferen Alters früher zweimal im Jahr ins Kino gingen, kaufen sie jetzt im Supermarkt noch immer überteuerte DVDs, die sie als (übrigens weit billigere) Videos stehen ließen.

Film-Sammlungen sprießen selbst auf Regalen, auf denen noch nie ein Buch stand und neben Büchersammlungen, denen nie ein Video nahe gekommen ist. Mitunter stehen da zwischen hundert Privat- oder Raubkopien nur zehn Kauf-DVDs. Aber - Hose runter und Hand aufs Herz - sind das nun hundertmal Umsatzverlust, oder zehnmal Umsatz, wo vorher keiner war?

Ein bisschen mehr gesunder Menschenverstand, bitte!

Das aktuelle Problem der Musik- und Filmindustrie begann nicht mit Napster, sondern mit Einführung der CD: Seitdem verkauft die Branche mit jedem Produkt ein Masterband zur Produktion perfekter Kopien. Auch an den Maschinen und Rohlingen zum Brennen dieser Kopien verdient die Branche, wenn auch weniger als am eigentlichen Produkt.

Dass sie sich gegen das illegal gewerbliche Kopieren dieser Produkte wehrt, ist völlig legitim. Dass sie ihren eigenen Kunden nun aber vermitteln will, dass diese ihr Geld zwar für Neutechnologien ausgeben, die dann aber nicht nutzen sollen, ist niemandem zu vermitteln.

Recht hin oder her: Die Existenz der durchaus respektierten Straßenverkehrsordnung wird nie verhindern, dass Menschen nachts um drei Uhr menschenleere Straßen überqueren werden. Das Unrechtsbewusstsein spielt dabei mitunter seltsame Spielchen: Wenn man auf vier Rädern unterwegs ist, sind die Ampeln auch nachts roter als zu Fuß. Der Polizist weiß, wie er ganz pragmatisch damit umzugehen hat: Den sündigenden Fußgänger ignoriert er, den Autofahrer, der mehr Schaden verursachen kann, hingegen nicht. Recht so, sagt da selbst der Sünder.

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