Unter Druck Filesharing für Fernsehzuschauer

Die BBC macht sich auf ins 21. Jahrhundert. Online-Inhalte werden anderen Seitenbetreibern kostenlos zur Verfügung gestellt - und man experimentiert mit einer Bittorrent-artigen Plattform, von der komplette Sendungen heruntergeladen werden können. Bei der ARD ist man fasziniert.

Von


BBC in London: "Sehr interessante Ansätze"
AFP

BBC in London: "Sehr interessante Ansätze"

Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland blicken mit Interesse auf die Insel: "BBC Projekte wie Backstage oder das Open Archive sind auf jeden Fall sehr interessante Ansätze", sagt Heidi Schmidt, Online-Koordinatorin der ARD, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch sie schränkt ein: Zwar bemühe sich auch ihr Sender, möglichst viele Inhalte online Verfügung zu stellen, man könne aber "nur diejenigen Inhalte anbieten, für die wir auch die Rechte haben."

Und genau hier beginnen die Schwierigkeiten und juristischen Spitzfindigkeiten, die eine Eins-zu-Eins-Umsetzung der BBC-Projekte wie "Creative Archive" oder "Backstage.BBC.co.uk" in Deutschland unmöglich erscheinen lassen. Heraus fällt zum Beispiel all das Material, für das die ARD nur die so genannten Senderechte hat. "Diese Inhalte dürfen wir dann zwar live im Netz ausstrahlen, für eine zeitversetzte On-Demand-Nutzung dürfen wir sie hingegen nicht anbieten", sagt Heidi Schmidt.

Dieses Problem habe die BBC nicht, freut sich Ben Metcalfe. Sein Sender halte alle Nutzungsrechte an den Inhalten, die über die Archive zur Verfügung gestellt werden. Das bedeutet, dass in diesem Fall den Urhebern der Inhalte - Angestellte der Anstalt ebenso wie freie Journalisten - alle Rechte abgekauft worden sind.

Doch das kostet Geld. Geld, das die ARD nach Ansicht ihrer Online-Koordinatorin nicht hat: "Der BBC stehen dafür offensichtlich angemessene Mittel zur Verfügung. Die ARD kann für ihre Onlineangebote nicht mehr als 0,75 Prozent des ARD-Gesamtaufwands einsetzen". Bei einem Gesamtbudget von 7,1 Milliarden Euro für die Aktivitäten von ARD und ZDF bleibt zwar trotz allem noch ein erkleckliches Sümmchen übrig, doch bei der BBC gehen rund drei Prozent der Gebühreneinnamen für den Web-Auftritt drauf. Gerechnet auf einen Gesamtetat von 4,1 Milliarden Euro bleibt das wohl das üppigste Online-Budget des Kontinents.

Der Privatwirtschaft sind diese Größenordnungen denn auch ein Dorn im Auge. In Großbritannien macht die "British Internet Publishers' Alliance" (BIPA) Front gegen die vermeintlich ausufernden öffentlich-rechtlichen Angebote im Web. In Deutschland versuchen vor allem die privaten Fernsehsender mit ihrem "Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation" (VPRT) zu erreichen, dass die Öffentlich-Rechtlichen weniger Geld für ihre Online-Aktivitäten in die Hand nehmen dürfen - unter anderem mit einer Beschwerde bei EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes.

Gebühren fließen weiter

BBC-Direktor Thompson: Jede fünfte Stelle soll wegfallen
REUTERS

BBC-Direktor Thompson: Jede fünfte Stelle soll wegfallen

Doch auch bei den Briten sitzt das Geld längst nicht mehr so locker wie früher. Zwar scheint klar, dass durch eine Verlängerung der "Royal Charter" bis mindestens zum Jahr 2016 Gebührengelder fließen, doch der privatfernseh-gestählte neue BBC-Generaldirektor Mark Thompson muss eisern sparen. Deswegen soll jede fünfte Stelle wegfallen, was zu Massenprotesten der BBC-Angestellten geführt hat.

Doch innovative Projekte wie "Creative Archive" oder "Backstage.BBC.co.uk" zeigen, dass die BBC den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht nur mit Jobkürzungen zu begegnen gedenkt, sondern auch mit frischen Konzepten.

Filesharing fürs Fernsehen

Ein unlängst vorgestelltes weiteres Online-Projekt beweist einmal mehr, dass die "alte Tante" den Startschuss für das Rennen in die digitale Medienwelt tatsächlich gehört hat. Rund 5000 Haushalte mit Breitband-Internetzugang dürfen von September bis Dezember einen neuen Dienst der BBC namens "Interactive Media Player" - kurz iMP - testen.

Der "Interactive Media Player", der im kommenden Jahr regulär an den Start gehen soll, ist ein On-Demand-Angebot nach dem Vorbild des Filesharing-Dienstes Bittorrent: Mehr als 190 Stunden Fernsehserien und 310 Stunden Radioprogramme pro Woche können kostenlos heruntergeladen werden - außerdem regionale Angebote und ausgewählte Spielfilme.

Wer will, kann sich auch Sendungen im Nachhinein besorgen: Bis zu einer Woche dürfen zwischen der Ausstrahlung und dem Abspielen vergehen. Ein System für das Digital Rights Management (DRM) soll sichern, dass nur Gebührenzahler Zugriff bekommen und die Dateien tatsächlich nach sieben Tagen wieder vom Rechner verschwinden. Zurzeit versucht die BBC, auch andere Sender mit ins iMP-Boot zu holen.

"IMP könnte das iTunes der Rundfunkwelt werden", sagt Ashley Highfield, bei der BBC für Neue Medien und Technologien zuständig. Die britische Zeitung "The Guardian" spöttelte hingegen, die Anstalt investiere "in eine Welt endloser Wiederholungen".

Doch das On-Demand-Konzept ist weit mehr als das: Es hat das Potential, Fernsehen als Freizeitbeschäftigung grundlegend zu revolutionieren - sorgt es doch dafür, dass die Glotze endgültig das Wohnzimmer verlässt: Die On-Demand-Angebote können auf einem TV-Gerät genauso gut abgespielt werden wie auf einem Computer oder einem Mobiltelefon.

Lesen Sie im ersten Teil des Artikels "Unter Druck: Revolution im Auftrag der Königin": Wie die BBC ihre Online-Inhalte mit anderen Seitenbetreibern teilen will, und wie im "CreativeArchive" schon jetzt Tausende Video-Clips angeboten werden.

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.