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Umstrittene Urheberrechtsreform

Woher die Uploadfilter kommen könnten

Nach der künftigen Urheberrechtsrichtlinie müssen Plattformbetreiber ihre Nutzer daran hindern, nicht-lizenziertes Material hochzuladen. Wer verkauft die Software, die dafür nötig wäre? Und was kann sie?

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Ist das noch das Internet oder schon ein Filternet?

Samstag, 06.04.2019   17:30 Uhr

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Zwischen dem Internet von heute und dem von vielen befürchteten Filternet von morgen steht eine letzte politische Entscheidung - die der Mitgliedstaaten am 15. April. Sie müssen der EU-Urheberrechtsreform noch einmal zustimmen, nachdem das Europaparlament dies am 26. März getan hatte.

Kritiker befürchten, dann werde die Zeit der Uploadfilter anbrechen - egal, was für eine einschränkende "Protokollerklärung" Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) der Richtlinie noch beifügen lassen will.

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Der Begriff Uploadfilter steht nicht im Text der Richtlinie. Stattdessen besagt Artikel 17 (der als Artikel 13 bekannt wurde), die Betreiber kommerzieller Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten seien verantwortlich "für nicht erlaubte Handlungen der öffentlichen Wiedergabe urheberrechtlich geschützter Werke" - es sei denn, sie fallen unter die Ausnahmeregelung für Start-ups. Oder sie haben - unter anderem - "nach Maßgabe hoher branchenüblicher Standards für die berufliche Sorgfalt alle Anstrengungen unternommen", um illegitime Uploads zu verhindern.

Was genau "hohe branchenübliche Standards" sind, ist unklar. Eine fertige Lösung gibt es nicht. Bisherige Filter können zwar das Hochladen bekannter illegaler Inhalte verhindern. Die von Microsoft entwickelte Software PhotoDNA zum Beispiel blockiert automatisch den Upload von kinderpornografischem Material. Aber solche Fälle sind eindeutig: Die Inhalte sind in jedem Kontext illegal. Beim Urheberrecht ist es komplizierter.

Content ID ist kein kompletter Uploadfilter

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Bisher wird deshalb zumindest von den Artikel-13-Gegnern YouTubes System namens Content ID als Maßstab genannt. Damit können Rechteinhaber überprüfen lassen, ob ein YouTube-Video Material enthält, an dem sie die Verwertungsrechte halten. Gibt es eine Übereinstimmung mit der Datenbank von Content ID, können die Rechteinhaber entscheiden, ob das fragliche Video gesperrt wird oder ob sie an den Werbeeinnahmen beteiligt werden. Diese Entscheidung fällt aber nach dem Upload, insofern ist Content ID kein kompletter Uploadfilter, sondern nur die Vorstufe.

Bekannt ist Content ID, weil YouTube eine der größten Online-Plattformen ist und weil die Google-Tochter nach eigenen Angaben schon 100 Millionen Dollar in die Entwicklung des Systems gesteckt hat (was manche Branchenvertreter bezweifeln). Hinzu kommt, dass die meisten Anbieter vergleichbarer Technik eher wenig Wert auf Öffentlichkeit legen. Doch es gibt sie.

Vielleicht zwei Dutzend nennenswerte Anbieter für die auch Automated Content Recognition (ACR, Automatische Inhalte-Erkennung) genannte Technik existieren weltweit. Die Hälfte von ihnen kommt aus den USA, andere Firmen aus China, Taiwan und auch Deutschland. Ihre Software wird zum Teil seit Jahren zur Aufdeckung von Urheberrechtsverletzungen auf Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten eingesetzt. Nur eben erst nach dem Upload.

Wer sind diese Anbieter, wer nutzt ihre Dienste? Was kosten die? Und - für die Gegner von Artikel 17 beziehungsweise 13 ist das die größte Sorge - können sie Urheberrechtsverstöße von legalen Nutzungsformen unterscheiden?

Die US-Alternative

Mike Edwards kann einige dieser Fragen beantworten. Im Vorstand von Audible Magic ist er verantwortlich für Musiklizenzen und die Geschäfte in Europa. Audible Magic ist ein US-Unternehmen, das seit 20 Jahren ACR-Technologien entwickelt. Zu seinen Kunden gehören Facebook, Twitch und Soundcloud sowie der Weltverband der Phonoindustrie (IFPI) und der Verband der US-Musikindustrie RIAA (Recording Industry Association of America). "Unser erster Kunde war YouTube", sagt Edwards im Gespräch mit dem SPIEGEL. Das war in der Zeit vor Content ID.

Die Software von Audible Magic errechnet aus "vielen, vielen Variablen" einen digitalen Fingerabdruck einer Audio- oder Videodatei, erklärt Edwards, ohne ins Detail gehen zu wollen. Ein Plattformbetreiber könne seinerseits einen Fingerabdruck von allem nehmen, was seine Nutzer bei ihm hochladen, und diesen dann mit der Datenbank von Audible Magic abgleichen. Gibt es eine Übereinstimmung, teilt Audible Magic mit, um welches Werk es sich handelt. Rechteinhaber wiederum nutzen die Software, um belegen zu können, dass ihre Inhalte ohne Erlaubnis verwendet wurden. "Es ist im Prinzip ein Informationsdienst", sagt Edwards.

Die Resultate seien "extrem akkurat". Die sogenannte False-Positive-Rate liege "faktisch bei null", Verwechslungen mit anderen Werken kämen also praktisch nie vor. Nur den Kontext eines Uploads erkennt die Software nicht. Ob jemand ein geschütztes Werk für ein Zitat oder eine Kritik, Rezension, Karikatur oder Parodie verwendet, was nach der Richtlinie erlaubt ist, macht für Audible Magics Technik keinen Unterschied.

Das sei jedoch "kein Problem", sagt Edwards, das habe man in den vergangenen zehn Jahren und nach Milliarden von Uploads festgestellt. Zwar gebe es bekannte Fälle, in denen es zu Fehlurteilen kam. Aber Audible Magic und seine Kunden seien niemals davon betroffen gewesen. Überprüfen lässt sich die Behauptung allerdings nicht. Es sei eben wichtig, dass es "effektive Einspruchmöglichkeiten für die betroffenen Nutzer" gebe, so Edwards. Was er nicht sagt: Ein solcher Einspruch könnte zum Beispiel einen fälschlicherweise unterbrochenen Livestream nicht retten.

Dass Audible Magic massiv von der Urheberrechtsreform profitieren wird, bezweifelt Edwards, "denn mit Ausnahme von YouTube sind schon fast alle der größten Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten unsere Kunden". Allerdings sei es wahrscheinlich, dass viele kleinere Plattformen hinzukommen.

Zur politischen Debatte um die Reform will Edwards nichts sagen, Audible Magic wolle neutral bleiben. Aber eines möchte er doch anmerken: "Wir arbeiten seit vielen Jahren für die meisten der großen Onlineplattformen. Und das Internet funktioniert immer noch. Nur ein Bruchteil dessen, was Nutzer hochladen, enthält nicht-autorisiertes geschütztes Material. Bislang scheint das Internet sehr gut in der Lage zu sein, damit fertig zu werden, ohne die Nutzererfahrung einzuschränken."

Die Preise für Audible Magics Dienste beginnen bei 1000 Dollar im Monat. Dafür kann eine Plattform bis zu 10.000 Dateien mit der Fingerabdruck-Datenbank abgleichen lassen. Edwards sagt, für Nischen-Angebote reiche das oft. Für bis zu 30.000 Abgleiche von Musikdateien werden rund 2000 Dollar fällig. "Die Preise sind nicht linear", erklärt Edwards. Wer viele Millionen Abfragen tätigt, zahle "dramatisch" weniger für die einzelne Abfrage.

Die deutsche Alternative

Ein deutscher ACR-Entwickler dagegen will überhaupt nicht an der Richtlinie verdienen: ivitec aus Darmstadt, hervorgegangen aus einer Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung.

Die Software von ivitec kann Rechteinhabern zeigen, wo ihre Video- oder Audio-Inhalte auftauchen, im Fernsehen oder im Internet - sofern klar ist, auf welchen Kanälen und Plattformen sie danach suchen soll. Dazu analysiert sie vorab 120 bis 180 verschiedene Merkmale einer Datei, zum Beispiel Farbverläufe oder Helligkeit, und setzt sie in einem vieldimensionalen Modell zueinander in Beziehung. Das Ergebnis ist ein digitaler Fingerabdruck, der selbst dann intakt bleibt, wenn jemand die Datei stark manipuliert. Wird der Fingerabdruck im Fernsehen oder im Netz wiedererkannt, bekommt der Rechteinhaber einen Hinweis.

Theoretisch ist auch das genau die Art von ACR, die Webseiten mit nutzergenerierten Inhalten als Basis für einen Uploadfilter einsetzen könnten. Aber Joachim Redmer, Verkaufsleiter von ivitec, sagt: "Wir könnten die Plattformen beliefern. Aber auf der Grundlage dieser Gesetzgebung wollen wir das nicht." Er hält es für falsch, den Plattformen die Verantwortung für die Inhalte ihrer Nutzer zuzuschieben und vergleicht das mit Straßen, die ja auch nicht verantwortlich für Autofahrer wären. Dass ivitecs Konkurrenten von der Richtlinie profitieren werden, glaubt Redmer jedoch durchaus.

Die chinesische Alternative

Einer dieser Konkurrenten könnte ACRCloud aus China sein. Tony Li arbeitet für die Firma, die von einigen kleineren deutschen und amerikanischen Musikplattformen eingesetzt wird. Er glaubt, ACRCloud könne ihnen helfen, die Vorgaben der Urheberrechtsrichtlinie zu erfüllen: "Plattformen werden Uploadfilter suchen", sagt Li. Insbesondere die Kleineren von ihnen würden "Produkte von Drittanbietern nutzen".

Auch er ist von der Technik an sich überzeugt: ACRCloud könne selbst einzelne Samples, Cover- und Liveversionen von Songs sowie das sogenannte Pitch Shifting erkennen, also die vor allem in der elektronischen Musik verbreitete Tonhöhenänderung von Audiosignalen. Aber er räumt ein: "Kein Algorithmus ist perfekt, auch der von Google nicht."

Legale von illegalen Nutzungsweisen zu unterscheiden, sei mit ACRCLoud allein unmöglich. Was aus urheberrechtlichen Gründen nicht hochgeladen werden darf, müsse eine Plattform selbst entscheiden.

"Auch hier sind Fehler zu erwarten"

Die Frage, ob die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Nutzungsarten automatisiert möglich sein wird, verneinen praktisch alle Experten.

Martin Steinebach etwa, Leiter der Abteilung Media Security und IT Forensics am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie, sagt: "Möchte man den Kontext erkennen, wird man nicht um maschinelles Lernen herumkommen." Die großen Plattformen seien da zwar theoretisch im Vorteil, weil sie reichlich Trainingsmaterial hätten. "Aber auch hier sind Fehler zu erwarten. Wahrscheinlich muss am Ende ein Vorfilter entstehen, der schwierig zu entscheidende Fälle an Menschen übergibt." In diesem Szenario müsste jeder Plattformbetreiber ausreichend viele urheberrechtlich geschulte Mitarbeiter als Kontrolleure beschäftigen.

Die Alternative sei, sagt, Steinebach, den Vorgang komplett zu automatisieren, Fehler in Kauf zu nehmen und dann herauszufinden, wie viele Fehler die Rechteinhaber auf der einen Seite und die betroffenen Nutzer auf der anderen akzeptieren.


Zusammengefasst: Es gibt noch keine perfekten Uploadfilter gegen Urheberrechtsverstöße - weil es sie gar nicht geben kann. Zwar behaupten mehrere Anbieter, ihre Software könne erkennen, ob jemand geschütztes Material hochladen will - aber nicht, ob das im jeweiligen Kontext erlaubt ist.

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