Ende der Ur-Netzcommunity The Well Die Quelle versiegt

The Well, das älteste soziale Netzwerk des Internets, steht zum Verkauf, zum vierten Mal in seiner 27-jährigen Geschichte. Es ist wohl das endgültige Aus für ein Projekt, das unter Denkmalschutz gestellt werden sollte: Dort wurde entdeckt, dass man online lieben und leben kann - und sterben.

Web-Design wie anno dunnemals: die Mutter aller sozialen Netzwerke

Web-Design wie anno dunnemals: die Mutter aller sozialen Netzwerke

Von


Als Tom Mandel das Ende kommen sah, beschloss er, dass er nicht allein und isoliert in einem Krankenhausbett sterben wollte. Ein letztes Mal begab er sich an den Ort, wo er sich zehn Jahre lang mit seinen engen Freunden und vehementen Gegnern getroffen, amüsiert oder gestritten hatte. Er verabschiedete sich, förmlich, wehmütig und humorig, grüßte Freunde und Feinde und kündigte seinen nahenden Tod an.

Was in den folgenden Tagen geschah, ist oft beschrieben worden. Die Gemeinschaft, deren Mitglied Mandel seit 1985 gewesen war, scharte sich um ihn. Sie redeten mit und über ihn, begleiteten ihn, bis er elf Tage später, am 6. April 1995, endgültig verstummte. Tom Mandel starb an Lungenkrebs, und er starb als erster Mensch parallel an zwei Orten: physisch im Stanford University Hospital, virtuell im Kreise der Community von The Well, der Urmutter aller Social Networks.

Die beobachtbaren, emotional erschütternden sozialen Prozesse in dieser prototypischen Online-Community zeigten der Welt zum ersten Mal, dass online mehr sein könnte als nur noch ein weiteres Kommunikationsmittel. Es sind Bücher darüber geschrieben und unzählige Kongressreden gehalten worden. Mindestens viermal stand The Well zum Verkauf, zweimal wechselte es den Besitzer. Zeitweilig galt die Community als vielversprechendes Zukunftsgeschäft, irgendwann nur noch als aus nostalgischen Gründen am Leben gehaltenes Relikt. Von dem will sich Salon.com, seit 1999 Besitzer von The Well, nun endgültig trennen. Die Domain steht zum Verkauf, dem Personal ist bereits gekündigt worden.

Damit endet die Zeit, als online noch elitär und Avantgarde war, kein Massenphänomen.

Die Anfänge: Kommunikationstechnik wird Medium

The Well hatte 1985, rund neun Jahre vor dem WWW, als sogenanntes BBS begonnen: Eine Art virtuelles schwarzes Brett, an dem man öffentlich sichtbare Nachrichten hinterlassen konnte - ein Forum also. The Well war weder das erste BBS, noch einmalig in seiner Art - aber es wurde zu einem der lebendigsten, das weltweit Trends setzen sollte.

Man wählte sich per Modem über die Telefonleitung ein, und weil das Mitte der Achtziger weder naheliegend noch billig war, zog The Well in seinen Anfangsjahren eine illustre Nutzerschaft an. Bei The Well diskutierten Hippies und Grateful-Dead-Fans mit späteren IT-Gründern (u.a. von Craigslist, "Wired", Salon), einflussreichen Journalisten, mit Künstlern wie Brian Eno und John Perry Barlow und Visionären wie Howard Rheingold, der 1993 sein erstes Social-Media-Buch darüber veröffentlichte ("Virtuelle Gemeinschaft: Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers"). Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie neu und abwegig das alles damals wirkte.

The Well wurde zum Treffpunkt einer neuen intellektuellen Avantgarde, die man bald Digerati nannte - und zum Geburtsort einer virtuellen Szene, die in den folgenden Jahren die Welt von Grund auf verändern sollte. Zahlreiche Ideen und Unternehmungen entstanden in den Diskussionen von The Well, vor allem aber keimte dort ein neues Selbstbewusstsein, das dazu beitrug, dass die Digerati sich zunehmend als eine eigene soziale Gruppe in einer grenzenlosen Gesellschaft verstanden - dabei waren Sie in Spitzenzeiten nur ein paar tausend. Was in den Foren von The Well an digitalen Themen diskutiert wurde, führte unmittelbar zur Gründung der Bürgerrechtsgruppe Electronic Frontier Foundation (EFF). Es findet sein Echo noch heute im Selbstverständnis von Gruppierungen wie der Piratenpartei, die die Online-Plattform als politischen und als Lebensraum versteht, aus dem eigene Interessen erwachsen.

Geburtsort des digitalen Lebensstils

Mit seinen geografischen Schwerpunkten in den Szenen von San Francisco und dem Silicon Valley wurde The Well aber auch schnell zum Katalysator physischer Treffen und Parties. Schon im Mai 1988 feierte man die weltweit erste Online-Hochzeit zwischen "Well-Beings", wie die Nutzer sich selbst nannten (frei übersetzt: "Wesen, denen es gut geht"). Auch die Adresse Well.com ("Der Brunnen") trug zur Tonalität innerhalb der Community bei. Aus dem BBS wurde eine Art digitales Dorf.

Doch The Well hatte auch eine geschäftliche Seite. Die Online-Verbindung wurde anfänglich mit bis zu drei Dollar pro Stunde bezahlt (Nutzer bezahlen bis heute Abogebühren!). Trotzdem gewann die Gemeinschaft schnell mehr als 2000 Nutzer: Schon 1988 berichtete die "New York Times" erstmals über dieses seltsame, ein völlig neues Geschäft versprechende Phänomen. Online hatte es damit als Begriff in die Weltpresse geschafft. "Time" hat The Well einmal als den "Vorläufer jedes Online-Business von Amazon bis Ebay" bezeichnet. Das ist nur leicht übertrieben.

Groß oder wirtschaftlich wichtig aber war The Well nie. Zu seinen Hochzeiten zahlten rund 14.000 Nutzer für den Service, der zehn Jahre ziemlich außergewöhnlich blieb - und dann mit dem einsetzenden Boom des WWW zu einem von unzähligen wurde. Damit begann der Abstieg von The Well ausgerechnet dann, als sich Massen dem Internet zuwandten.

Das Internet killt seine Darlings

Vielleicht musste das so sein. Vielleicht war das Business-Modell einer eingeschworenen Community, in der sich viele der Mitglieder auch persönlich kannten, nicht kompatibel mit Masse. Das Business-Modell "skalierte nicht", wie Vermarkter so etwas nennen: Der Anspruch an intellektuelle und emotionale Qualitäten verträgt sich nicht mit dem Jedermann-Raum, wie ihn heute etwa Facebook mit seiner Simulation vieltausendfacher Freundschaften bietet.

Vielleicht kommt das endgültige Aus also zwangsläufig. The Well ist seit vielen Jahren nur noch ein Schatten, keine lebendige Community mehr. Selbst das Alt-Mitglied Bruce Sterling, das nun bei Wired.com dazu aufrief, irgendjemand möge doch The Well retten, meint damit nur noch die heute prestigeträchtigen Insignien der Well-Mitgliedschaft. Eine Art Online-Adelsprädikat möchte der Schriftsteller gern behalten dürfen: "meine altehrwürdige E-Mail-Adresse".

Die Seite sieht heute aus, als sei sie aus der Zeit gefallen. Sie ist ein Relikt, das nur noch nostalgisch-historischen Wert zu haben scheint. Dass sie bald verschwinden, dass man sie wohl kaum unter Denkmalschutz stellen wird, bekräftigt einmal mehr, dass das Internet entgegen gängigen Glaubenssätzen kein sehr gutes Gedächtnis besitzt: Es killt seine Darlings, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Verwertbar ist von The Well nur noch wenig. Die Adresse well.com könnte für bis zu fünf Millionen Dollar verkauft werden. An der eigentlichen Community sind nur die Nutzer selbst interessiert: Sie verhandeln darüber, ob sie ihre Daten mitnehmen können. Vielleicht finden sie ein Reservat.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rosine 04.07.2012
1.
Oh- schade drum, nicht nur eine frühe Gemeinschaft sondern auch eine gute.
Stelzi 04.07.2012
2. Oje.
Es ist ein FORUM. Dann wäre jedes Forum ein (a)soziales Netzwerk, auch wenn the well noch eines der ältesten ist.
SerenusZ 04.07.2012
3. In other news
Die Mitglieder von The Well sammeln >$100k http://nwn.blogs.com/nwn/2012/07/will-the-well-survive-members-pledge-to-buy-from-salon.html
bauagent 04.07.2012
4. The Well
Mir fällt hierzu vor allem ein audiophil abgemischter Song von Jennifer Warnes ein. Im Gegensatz zu der dissozialen Behauptung, dass man auf einer Online - Platform " lieben und leben " könne, empfehle ich den o.e. Song, 2 Gläser Wein und eine reale Situation, die der soziologischen Herkunft eines Menschen entspricht. Irgendwann werden auch die FACEBOOK-Zombies wissen was es bedeutet, einem Partner/in real in die Augen zu schauen, ihn/sie zu berühren und eine Gemeinsamkeit und besondere Verbindung zu spüren, die als einzigartig empfunden wird.
gbk666 04.07.2012
5.
Zitat von bauagentMir fällt hierzu vor allem ein audiophil abgemischter Song von Jennifer Warnes ein. Im Gegensatz zu der dissozialen Behauptung, dass man auf einer Online - Platform " lieben und leben " könne, empfehle ich den o.e. Song, 2 Gläser Wein und eine reale Situation, die der soziologischen Herkunft eines Menschen entspricht. Irgendwann werden auch die FACEBOOK-Zombies wissen was es bedeutet, einem Partner/in real in die Augen zu schauen, ihn/sie zu berühren und eine Gemeinsamkeit und besondere Verbindung zu spüren, die als einzigartig empfunden wird.
Na, und irgendwann gibts keine Dinosaurier mehr, die glauben das beides gleichzeitig nicht geht. Als of Leute die oft bloggen, tweeten, in foren unterwegs sind nicht auch gleichzeitig Beziehungen führen und das leben sowohl offline als auch online zu schätzen wissen. Ihr Beitrag ist so....so..von gestern...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.