Urheberrechtsnovelle Noch nicht das Ende vom Lied?

5. Teil: Von wegen Wissenschaft: Wie die Novelle Forschung Lehre behindert


SPIEGEL ONLINE: Keine einzige Lobbygruppe scheint wirklich glücklich mit dem Gesetzentwurf. Nehmen wir nur das Thema Bibliotheken und Wissenschaft: Auch dort gärt es…

Bettin: Ja, ein sehr schwieriges Thema, deshalb haben wir im Bildungsausschuss auch gegen das Gesetz gestimmt. Das Gesetz soll ja neu regeln, wie man in Zeiten digitaler Medienverbreitung mit Urheberrechten umgeht, zum Beispiel bei wissenschaftlichen Werken, die digital vorliegen oder die man digital zur Verfügung stellen will. Auch an Universitäten und in der Forschung geht es natürlich immer stärker hin zu Online- und anderen digitalen Verbreitungsformen. Die Situation ist jetzt folgende: Hat eine Bibliothek genau ein Exemplar eines Buches, darf sie dieses auch an genau einem Online-Leseplatz zur Verfügung stellen. In Ausnahmefällen, wenn es zu Engpässen kommt, darf man bis zu vier Leseplätze mit dem Buch bestücken. Das finden wir alles andere als zeitgemäß und nicht im Sinne der Studierenden. Außerdem freuen wir uns schon auf das Gerangel, wann nun ein sogenannter Engpass vorliegt und wann nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und auch dem Versand von digitalen Kopien werden enge Grenzen gesetzt...…

Bettin: Das ist nun so geregelt, dass es ein sogenanntes Verlagsprivileg gibt. Verlage können Bibliotheken darüber in Kenntnis setzen, dass sie selbst einen Online-Versandservice anbieten, dann dürfen die Bibliotheken selbst dieses Werk nicht mehr versenden. Das verhindert Innovation.

SPIEGEL ONLINE: Und dürfen die Verlage den Preis für solche digitalen Kopien frei definieren?

Bettin: Da geisterte einmal die Zahl von 35 Euro pro Exemplar herum, aber das ist nun nicht so: Im Gesetz steht eine Formulierung, die sicherstellt, dass hier die Preisforderungen nicht ins Unendliche gehen, wenngleich das natürlich wieder Auslegungssache ist. Wir kritisieren aber nach wie vor, dass es in diesem Bereich keinen Wettbewerb geben wird. Wir sind der Meinung, dass die Studierenden ein Anrecht auf kostengünstigen Zugang zu wissenschaftlichen Informationen haben. Und wir sind gegen ein Verlagsprivileg, weil es verhindert, dass sich die Verlage mit innovativen, für Studenten attraktiven Angeboten hervortun. Die neue Regelung fördert die Wissenschaft nicht gerade.



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DJ Doena 04.04.2007
1.
Der Haken ist doch, dass die Verwerter (nicht mal die Urheber an sich) gern viel mehr Rechte/Überwachung über digitale Werke haben wollen, als sie mit LP/CD/Video je hatten. Das wird immer gerne mit der verlustfreien Kopie begründet, die jetzt möglich ist. Ich würde aber Heller und Pfennig verwetten, dass wenn es DRM schon zu LP-Zeiten gegegben hätte, die MI hätte auch dann versucht, ein PPU (pay per use) einzuführen. Copyrights sollten wie Patente einfach irgendwann verfallen. Und irgendwann meint nicht "forever minus one day"
Think-Smart 04.04.2007
2.
Digitale, kinderleicht kopierbare Medien einzuführen und zu verbreiten, und dabei sich über Kopien zu beschweren, ist so, als würde man einem kleinen Kind eine Rasierklinge zum spielen geben und sagen“ Wehe du schneidest dich!“ Nicht die Nutzer haben die Medien digital gemacht, sondern die Industrie. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie dann bitte die Packungsbeilage.
Oinki, 04.04.2007
3.
Zitat von sysopViele der Regelungen, mit denen Gesetzgeber und Industrie digital vertriebene Waren schützen wollen, sind den Kunden kaum noch zu erklären. Reichen die bestehenden Rechte in Zeiten von DRM und Kopierschutz einerseits, Brennern, MP3-Sticks und Tauschbörsen andererseits überhaupt noch? Was müsste passieren, um allen Seiten gerecht zu werden?
Letzten Endes sind das alles Rückzugsgefechte einer Vermarktungsform, die noch nie funktioniert hat. Seit es die Idee geistigen Eigentums gibt, gibt es auch deren Diebstahl. Nur ist seit der industriellen Vervielfältigung, angefangen bei Gutenberg, genug für die Urheber und die Vervielfältiger hängen geblieben. Das digitale Zeitalter hat die Karten neu gemischt und es müssen neue Wege gefunden werden, die Urheber angemessen zu honorieren. Ich erwähne ausdrücklich nur die Urheber. Musik-, Spiele- , und sogar Buchdruckindustrie bedienen ein Modell, das abgewirtschaftet hat. Deshalb sind diese ganzen Spitzfindigkeiten, die sich diese Industrien einfallen lassen, eigentlich nichts anderes, als das Gejammer der Kohleindustrie nach künstlicher Lebensverlängerung durch Subventionen.
Patina, 04.04.2007
4.
Bin gespannt, wie sich der neue Ansatz entwickelt, Musik ohne DRM teurer zu verkaufen. Damit wäre das Thema entspannt. Ansonsten hat sich die Musikindustrie in der letzten Zeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Umsatzrückgänge liegen sicher nur zum Teil an den Kopiermöglichkeiten, sondern wesentlich auch an der immer langeweiliger werdenden Musik.
Pablo alto, 04.04.2007
5. Noch ein Sozialismus-Versuch?
Zitat von DJ DoenaDer Haken ist doch, dass die Verwerter (nicht mal die Urheber an sich) gern viel mehr Rechte/Überwachung über digitale Werke haben wollen, als sie mit LP/CD/Video je hatten. Das wird immer gerne mit der verlustfreien Kopie begründet, die jetzt möglich ist. Ich würde aber Heller und Pfennig verwetten, dass wenn es DRM schon zu LP-Zeiten gegegben hätte, die MI hätte auch dann versucht, ein PPU (pay per use) einzuführen. Copyrights sollten wie Patente einfach irgendwann verfallen. Und irgendwann meint nicht "forever minus one day"
Klar, und die Häuser sollten eines Tages den Mietern gehören, die Fabriken den Arbeitern und der "Spiegel" seinen Lesern.
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