Krimi um Darknet-Drogengeld US-Ermittler beschlagnahmen Bitcoin-Vermögen

Seit Jahren versuchen Hacker, eine scheinbar verwaiste Bitcoin-Börse im Wert von 900 Millionen Euro zu knacken. Nun wurde das Geld plötzlich bewegt. Dahinter stecken Ermittlungen gegen einen legendären Darknet-Markt.
Bitcoin-Münzen (Symbolbild)

Bitcoin-Münzen (Symbolbild)

Foto: Jens Kalaene / DPA

Bis Dienstagabend um 22.34 Uhr zählte die Bitcoin-Börse mit der Zeichenfolge 1HQ3Go3ggs8pFnXuHVHRytPCq5fGG8Hbhx(1HQ3)  zu den wertvollsten der Welt. Knapp 70.000 Bitcoin, umgerechnet rund 900 Millionen Euro, befanden sich in dem digitalen Portemonnaie. Wem das Geld gehörte, wusste niemand. Aber der Online-Safe sorgte seit Jahren für Goldgräberstimmung unter kriminellen Hackern.

Seit April 2013 lag das Geld in der Bitcoin-Geldbörse. Nun wurde das Vermögen plötzlich weitertransferiert.

Nach zwei Tagen Rätselraten in der globalen Bitcoin-Community wurde an diesem Donnerstag nun bekannt, das dahinter eine Aktion des US-Justizministeriums steckt. Ermittler haben das Geld beschlagnahmt, weil sie davon ausgehen, dass es sich um Gewinne des Darknet-Schwarzmarkts Silk Road handelt. Die Beschlagnahmung der Bitcoins sei die "größte Menge an Kryptowährungen, die man bis heute beschlagnahmt" habe, schreibt das US-Justizministerium dazu erfreut in einer Pressemitteilung .

Nach heutigem Bitcoin-Kurs nahm Silk Road acht Milliarden Euro ein

Die Plattform Silk Road gilt als erster großer Darknet-Schwarzmarkt. Hier wurde unter anderem mit Ecstasy, Kokain, Heroin und LSD gehandelt. Auch Hacker sollen dort ihre Dienste angeboten haben, um persönliche Profile bei Facebook und Twitter zu übernehmen und Geldautomaten zu überlisten. Laut den Gerichtsakten soll Silk Road bis zu seiner Abschaltung im Oktober 2013 die gigantische Summe von mehr als 600.000 Bitcoin an Gebühren eingenommen haben. Nach heutigem Bitcoin-Kurs entspricht das knapp acht Milliarden Euro.

Ein Teil dieses Geldes lagerte offenbar auf 1HQ3, wie aus nun öffentlich gewordenen Gerichtsakten hervorgeht . Demnach wurde der Betreiber von Silk Road selbst zum Opfer von Kriminellen. Ein Hacker mit der Bezeichnung Person X soll zwischen den Jahren 2011 und 2013 unerlaubt auf die Server von Silk Road zugegriffen und dort das Geld gestohlen haben.

Ross Ulbricht soll das zwar mitbekommen und Person X bedroht haben, damit diese die 70.000 Bitcoin zurückgibt. Doch das tat Person X nicht.

Person X arbeitet mit US-Regierung zusammen

In den vergangenen Monaten sind Kriminalermittler der US-Steuerbehörde dem Hacker schließlich auf die Schliche gekommen. Er soll sich immer wieder Beträge von zwei der Silk-Road-Plattform zugeordneten Konten auf zwei seiner eigenen Bitcoin-Börsen überwiesen haben. Und genau von diesen beiden Bitcoin-Konten waren damals die 69.471 Bitcoin an die 1HQ3-Börse geschickt worden.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte daraufhin die Identität von Person X. Am Dienstag unterzeichnete dieser dann offenbar eine Einwilligung zur Beschlagnahme des Bitcoin-Kontos 1HQ3.

Bitcoin-Jäger im Netz waren auch auf der Spur der Millionen

Begonnen hatte die Jagd auf das Bitcoin-Vermögen offenbar schon vor mindestens zwei Jahren. Der Grund: Die sogenannte Wallet.dat-Datei für den Zugriff auf den Millionensafe war im Netz aufgetaucht, wie Sicherheitsexperte Alon Gal vor einigen Wochen auf Twitter mitteilte . Er selbst hatte eine Kopie der Datei erhalten. Für Bitcoin-Jäger ist das ein wichtiges Puzzleteil: Denn in den Wallet.dat-Dateien werden die privaten Schlüssel aufbewahrt, die digitale Bitcoin-Safes öffnen. Allerdings sind diese Wallet.dat-Dateien selbst meist extrem gut verschlüsselt.

Nur wer das Passwort kennt, um die Wallet-Datei zu öffnen, der hat Zugriff auf die Onlinegeldbörse. Ohne das Kennwort sind die Dateien nutzlos. Knacken lassen sich die Codes kaum, da sie doppelt mit den Algorithmen AES-256-CBS und SHA-512 verschlüsselt sind. Experten zufolge ist es unmöglich, ein starkes Passwort mit einer Länge von 15 Zeichen innerhalb eines Lebens zu erraten , das Klein- und Großbuchstaben, Sonderzeichen und ausländische Buchstaben enthält.

Handel mit verschlüsselten Bitcoin-Börsen

Das hält Hacker allerdings nicht davon ab, die Wallet-Dateien mit automatisch erzeugten Passwörtern zu attackieren. Schließlich ist ein Bitcoin derzeit fast 13.000 Euro wert. Damit steigt auch der Wert der 1HQ3-Wallet automatisch.

Die Währung ist ein beliebtes Spekulationsobjekt, das für seine Extremwerte bekannt ist. Plötzliche Abstürze um mehrere Tausend Euro sind keine Seltenheit. Zu Gründerzeiten der Währung vor knapp zwölf Jahren kostete ein Bitcoin wenige Cent. Heute ist die Digitalwährung 100.000 Mal so viel wert.

Der Verkauf von verschlüsselten Geldbörsen, die richtig viel wert sein können, hat sich zu einem Geschäftsmodell entwickelt, berichtet das Onlinemagazin "Vice" . Auf Plattformen wie "All private keys" gibt es demnach mutmaßliche Wallet-Dateien mit Millionenvermögen im Angebot, die zu günstigen Preisen verkauft werden. Das Passwort dazu fehlt natürlich.

Dem Drogengeld auf der Spur

Die Einnahmen aus den illegalen Silk-Road-Geschäften sind auch nach der aktuellen Aktion des US-Justizministeriums noch längst nicht alle gefunden. Denn die Geldgeschäfte mit Bitcoin laufen zwar öffentlich ab, sind aber pseudonym. Das bedeutet, dass die Inhaber der digitalen Geldbörsen nicht mit Klarnamen auftauchen und nur schwer zu ermitteln sind. Das ist auch der Grund dafür, dass Bitcoin gern für Erpressungen mit Ransomware sowie illegale Waffen- und Drogenbestellungen im Internet benutzt werden.

Wo das restliche Drogengeld lagert, wüssten auch gern die kalifornischen Behörden. Die Frage, wo das verschollene Vermögen lagert, beantworteten die beschlagnahmten Bitcoins aus Börse 1HQ3 nur zum Teil.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes standen fehlerhafte Angaben zur Historie der Digitalwährung. Wir haben die Passage korrigiert.

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