US-Initiative gegen Werbemüll Nie wieder falsche Doktortitel?

Die US-Regierung plant, gegen "Spam" vorzugehen. Es könnte bald leer werden im E-Mail-Ordner: Falsche Diplome, Waffen-, Kredit-, seltsame Sex-Angebote und anderer Müll hätten dann ausgespielt.

"Ping!", sagt der Rechner - und manchmal gar "Sie haben Post!". Viele versierte Web-User wissen, was sie mit höchster Wahrscheinlichkeit erwartet: Der Doktortitel. Zum absoluten Sonderpreis. Oder aber eine Originalurkunde, dass man für nur 9 Dollar 95 neuerdings einen Stern besitzt. Oder ähnlicher Unsinn.

"Spam" nennt man das, was da durchs Web rauscht und das Abrufen der E-Mail zunehmend zur Qual macht. 571 solcher tollen Angebote erhielt der durchschnittliche Web-User im letzten Jahr, will das Marktforschungsunternehmen Jupiter Media Metrix herausgefunden haben. Gegen den virtuellen Werbemüll ist kein Kraut gewachsen.

Bisher. Denn die US-Regierung will erstmals zumindest gegen "irreführende" Mail-Werbung vorgehen - ein Kriterium, das die meisten Spam-Zuschriften erfasst. Konkrete Schritte würden kommende Woche bekannt gegeben, sagte J. Howard Beales vom US-Handelsausschuss am Donnerstag.

Wie die aussehen dürften, lässt sich aus dem geltenden amerikanischen Recht ableiten. In Fällen irreführender Handelspraktiken werden meist die ergaunerten Gewinne zurückgefordert. Mit Geldstrafen müssen die Absender von "Spam" wohl nicht rechnen.

"Wir sind an den Spams interessiert, die irreführend sind", sagte Beales. Der Ausschuss kann den Spam-Anbieter zu "strukturellen Veränderungen" zwingen, um die weitere Versendung irreführender E-Mails zu verhindern.

Das Ausschussmitglied Mozelle Thompson forderte den US-Kongress auf, schärfere Gesetze zum Schutz der Privatsphäre im Internet zu erlassen. Das Problem der Spam könne nicht gelöst werden, solange die Anbieter Listen von E-Mail-Adressen aufkaufen könnten.

Viele Spam-Verbreiter greifen E-Mail-Adressen über diverse Verzeichnisse ab oder lassen E-Mail-Adressen von Suchprogrammen über Websites erfassen. Besonders betroffen sind Kunden großer Netzwerke wie AOL und insbesondere die Kunden diverser Freemail-Anbieter.

Auf europäischer Ebene versuchte sich das EU-Parlament im letzten Jahr an einer Spam-Richtlinie, konnte sich aber nicht zu einer "Opt-in"-Option entscheiden: Das hätte geheißen, dass ein Empfänger ausdrücklich sein Einverständnis hätte erklären müssen, bevor er hätte beschickt werden dürfen. Statt dessen gilt nun eine "Opt-out"-Regel: Spam-Versender müssten ihren Empfängern eigentlich diue Möglichkeit geben, den Empfang künftiger Mails zu verweigern. Die bei weitem meisten tun dies bisher nicht.

Spam ist ein Problem seit den Anfangstagen des World Wide Web. Bereits 1994 legten die amerikanischen Werbefachleute Laurence A. Canter und Martha S. Siegel das Buch "How to make a Fortune on the Information Highway" vor, das Spam offen als "ultimatives Marketininstrument" für das Internet propagierte. Zu diesem Zeitpunkt funktionierten die viel beschworenen "Selbstregulierungskräfte" des Webs noch: Die Agentur der Autoren ging in Gegen-Spams unter, sie mussten nach wenigen Wochen ihre E-Mail-Adressen ändern lassen.

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