Ausschreitungen in Washington Website veröffentlicht Porträts von 6000 angeblichen Kapitol-Stürmern

Bei den teils gewaltsamen Protesten in Washington filmten Hunderte Trump-Anhänger, wie sie das Kapitol stürmten. Aktivisten haben diese Videos ausgewertet und Fotos Tausender Teilnehmer online gestellt.
Bestens dokumentiert: Mit Handykameras filmten die Randalierer sich und Gesinnungsfreunde

Bestens dokumentiert: Mit Handykameras filmten die Randalierer sich und Gesinnungsfreunde

Foto: Ken Cedeno / UPI / IMAGO

Seit Trump-Unterstützer am 6. Januar in das US-Kapitol eingedrungen sind und dort randaliert haben, sucht das FBI nach Beteiligten. Schon nach einer Woche waren laut FBI-Direktor Christopher Wray in 200 Fällen Ermittlungen eingeleitet und 100 Personen verhaftet worden . Dem Aufruf, den Behörden Informationen über die gewalttätigen Ausschreitungen  bereitzustellen, sind offenbar Zigtausende gefolgt. Bisher sind beim FBI mehr als 140.000 Videos und Fotos mit Hinweisen eingegangen. Ein Student aus dem Großraum Washington D.C. geht nun noch einen Schritt weiter.

Er hat die 827 Videos ausgewertet, die während der Ausschreitungen im Kapitol und im Umfeld aufgenommen und auf das von Rechten genutzte soziale Netzwerk Parler hochgeladen wurden. Das Ergebnis ist eine Website, auf der 6000 Porträtfotos von all jenen Personen gezeigt werden, die auf irgendeine Weise in jenen Videos vorkommen.

Möglich wurde das, weil Aktivisten nach eigenen Angaben den kompletten Datenbestand von Parler heruntergeladen hatten, bevor das Netzwerk offline ging. Amazon, auf dessen Servern das Netzwerk bis dahin lief, hatte die Zusammenarbeit beendet. Zudem war das System offenbar so schlecht gesichert, dass es für die Aktivisten kein Problem darstellte, sogar von den Usern gelöschte Parler-Beiträge zu sichern.

Gesichtserkennung für jedermann

Die einzelnen Gesichter habe er mithilfe frei verfügbarer Gesichtserkennungssoftware und Open-Source-Algorithmen für maschinelles Lernen automatisiert aus dem Videomaterial extrahiert, erklärte der Mann dem US-Magazin »Wired« . So wolle er es jeder und jedem ermöglichen nachzuschauen, ob unter den Abgebildeten womöglich ihr oder ihm bekannte Personen sind. Ein Link zur Tippgeberseite des FBI steht ganz oben über seiner Bilderübersicht.

Es sei »durchaus möglich, dass viele Leute, die auf dieser Website waren, jetzt im wirklichen Leben Konsequenzen für ihre Handlungen tragen müssen«, sagte der Student, der seine Identität nicht preisgeben will, dem Magazin.

Auf seinem Twiter-Account berichtet der anonyme Aktivist von Versuchen, die Website mit einer sogenannten Überlastungsattacke (DDoS) aus dem Netz zu werfen. Zudem hätten Unbekannte versucht, seinen Account bei dem Anbieter, der die Website hostet, zu übernehmen. Diese Versuche seien jedoch zum Scheitern verurteilt, schreibt er an die Angreifer gerichtet, denn die »Zweifaktor-Authentifizierung ist aktiviert« und »viel Glück, ihr werdet es brauchen«.

Was die Software nicht schafft, sollen die Nutzer erledigen

Ebenso leichtfertig wie mit den Angriffen auf seine Website geht der anonyme Aktivist auch mit den Persönlichkeitsrechten der gezeigten Menschen um. Die Vorsortierung der Bilder und das Ausfiltern von Dubletten hat er der Software überlassen. Eine Sichtung, inwiefern sich die gezeigten Personen tatsächlich an den gewalttätigen Protesten beteiligt haben, erfolgte offensichtlich nicht.

Diese Aufgabe sollen nun die Nutzer der Seite übernehmen. So wie er sich bei der Suche nach Informationen über die Kapitol-Stürmer auf Hinweise von außen verlässt, überlässt er anderen auch das Aussortieren Unbeteiligter. Mehrfach bedankt er sich via Twitter für Hinweise auf Bilder von Personen, die sich nicht an den Ausschreitungen beteiligt haben, und verspricht, diese aus der Bilderflut zu entfernen.

Evan Greer von der Bürgerrechtsorganisation Fight for the Future warnt gegenüber »Wired« vor dieser Vorgehensweise und vor den Gefahren, die der Einsatz von Gesichtserkennungstechnologien nach Ansicht seiner Organisation generell birgt: »Unabhängig davon, ob sie von einer Einzelperson oder von der Regierung eingesetzt wird, hat diese Technologie tiefgreifende Auswirkungen auf die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit.«

Der Entwickler des Projekts stellt dem entgegen, dass er möglichem Missbrauch seines Datenkonvoluts entgegenwirke, indem er weder eine Suchfunktion bereitstellt, noch die Möglichkeit gebe, die gezeigten Fotos automatisiert mit Bildern aus anderen Quellen abzugleichen. Aller Kritik zum Trotz hofft er, dass seine Bemühungen »greifbare Ergebnisse« bringen, also Hinweise auf weitere Mittäter an das FBI.

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