US-Medien online "Pink Slip"-Panik greift um sich

Im Sog der sinkenden Dot.coms erwischt es immer mehr Medienunternehmen, Entlassungswellen machen seit Wochen Schlagzeilen. Neuestes Opfer: Das renommierte Branchenmagazin "Industry Standard".

Von Jochen A. Siegle


"Industry Standard": Das "Hoch" hielt bis Oktober - dann brach der Werbemarkt ein

"Industry Standard": Das "Hoch" hielt bis Oktober - dann brach der Werbemarkt ein

Dot.com-Krise und kein Ende. Seit Monaten jagt eine Negativschlagzeile die andere. Mehr als 200 amerikanische Internet-Unternehmen mussten im Millennium-Jahr Konkurs anmelden. Allein im Dezember gingen 40 Web-Companys pleite und setzten 1,5 Milliarden Dollar in den Sand. Über 40.000 Online-Worker sind im letzten Jahr entlassen worden. Im X-Mas-Monat wurde ein vorläufiger Kündigungsrekord erreicht: Web-Firmen strichen mit über 10.000 Jobs mehr Stellen als in allen Vormonaten - desaströser hätte das Cyberjahr 2000 kaum enden können.

Doch es ging weiter. Die Personalvermittlung Challenger, Gray & Christmas stellte für den Januar erneut traurige Rekordmarken fest: 12.828 Entlassungen - so viele Stellenstreichungen gab's noch nie.

Ganz besonders schwer gebeutelt wurden dabei Medienvertreter im Web. Wie kaum eine zweite Branche leiden Info- und Entertainmentangebote unter dem miesen Klima. Die Online-Werbeeinnahmen - insbesondere aus dem schwächelnden New-Economy-Lager - sind stark rückläufig. Schnelle Abhilfe gegen die Finanzmisere verschafft nur das älteste Mittel der Old Economy: Massenentlassungen.

Das neueste Opfer: Der "Industry Standard"

Jetzt hat es das Flaggschiff der New-Economy-Presse erwischt: Der "Industry Standard" entlässt - nur einen Monat nach einer ersten "Personaleinsparung" - gleich 16 Prozent seiner Angestellten. 69 Medienleute verlieren ihren Job, darunter 18 Redakteure. Eine Sprecherin des Unternehmens: "Die firmenweiten Entlassungen sind Teil einer Restrukturierung des Unternehmens, mit der wir auf die Marktgegebenheiten reagieren".

Die zeigen sich unter anderem in der Dicke der relevanten Publikationen: Die Februarausgabe 2000 hatte stolze 228 Seiten. In diesem Jahr kam der "Industry Standard" gerade noch auf 120. Tribut, den die Branchen-Magazine an das abrupte Minus im Anzeigenmarkt zollen.

"Wired": Auch das Kultblatt der Cyberbewegten spürt die Werbeflaute

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Betroffen sind auch Konkurrenzblätter wie "Red Herring", der binnen eines Jahres von 350 Seiten auf 120 Seiten fiel, und "Wired" erlebt ebenfalls seit Dezember 2000 eine krasse Flaute. Zu seinen besten Zeiten folgte das Inhaltsverzeichnis auf 72 vorgeschaltete Anzeigenseiten. Die Novemberausgabe 2000 brachte es noch einmal auf 350 Seiten - um dann im Januar auf 236 Seiten abzufallen.

Zeichen der Zeit. Noch im Oktober letzten Jahres schien der "Industry Standard" auf Expansionskurs zu sein. Das Magazin brachte eine Europa-Ausgabe auf den Markt, von 60 Angestellten produziert. Nach wie vor, versichert der "Industry Standard", schöpfe das Magazin rund 20 Prozent des gesamten Anzeigenvolumens im New-Economy-Bereich ab - nur fällt dies rapide.

Schadensbilanz des "Dot-Mediensterbens"

Das Dot.com-Sterben hat offensichtlich alle Teile des Mediengeschäftes erfasst.

So strich Anfang Januar etwa die altehrwürdige "New York Times" 69 Stellen ihrer höchst defizitären Online-Abteilung. Jeder fünfte der 400 Angestellten der New York Times Digital verlor seinen Arbeitsplatz. Obwohl die Web-Unit im dritten Quartal 2000 mehr als 12 Millionen Dollar erwirtschaftete, lagen die Werbeeinnahmen deutlich hinter den Erwartungen.

CNN: Jeder dritte Online-Mitarbeiter wird arbeitslos

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Die Branchenkollegen der Fernsehmedien teilen dieses Schicksal: Auch NBC klagt über kräftige Werbeeinbußen und kündigte an, bis Ende März in einer radikalen Aktion zwischen 300 und 600 Mitarbeiter zu feuern. Als Sofortmaßnahme wurden bereits 150 Jobs beim Internet-Channel NBCi gekürzt. Der News-Sender CNN strich im Rahmen einer "Konsolidierung und Reorganisation" 400 Stellen. Die 4.000 Mitarbeiter des Kabelkanals waren bereits vor dem Jahreswechsel in einem internen Schreiben auf "aggressive Veränderungen" vorbereitet worden. Wie kaum anders zu erwarten war, sind von der Kündigungswelle insbesondere die 750 Angestellten der CNN-Webableger betroffen: Jeder dritte Cyberworker muss demnächst Bewerbungen schreiben. Die Online-Redaktion soll künftig enger mit den TV-Kollegen zusammenarbeiten.

Ähnlich sieht es bei CNBC aus, dabei gehört das Medienunternehmen zu einem Teil der Branche, dem man nach wie vor ein Boom-Potenzial nachsagt: CNBC hat sich auf Business-TV spezialisiert - und ist deshalb relativ frei von den Zwängen der Anzeigen-Ökonomie.

Geholfen hat das nicht: Ende letzter Woche mussten vier Prozent der Angestellten die Kisten packen. Viel ist das nicht, doch der Online-Bereich ist überproportional betroffen: Hier gingen gleich 26 Prozent aller Angestellten.

AOL-Time-Warner nutzt "Redundanzen"

Auch die frisch vermählte AOL Time Warner Inc., hat dem gesamten Medienriesen einen rigiden Sparkurs auferlegt: In diesem Jahr sollen die Kosten um eine Milliarde Dollar gesenkt werden. Insgesamt trennt sich der Konzern von rund 2.400 seiner 85.000 Mitarbeiter - darunter selbst so prominente Namen wie CNNi-Chefredakteur Scott Woelfel, CNNfn-Präsidentin Shelby Coffey oder Netscape-Chef Jim Martin. Martin wird im Zuge einer kompletten Neuorganisation beim Browser-Pionier das Unternehmen verlassen. Im Rahmen dieser soll etwa das Portal Netscape.com zu einer zentralen Online-Plattform für verschiedene Medien- und Unterhaltungsangebote aus dem Hause Time Warner ausgebaut werden.

Frisch fusioniert: Durch die Zusammenlegung von Firmenteilen werden viele Angestellte überflüssig
AFP

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Nach dem Megamerger sind innerhalb des Konzerns zahlreiche Redundanzen im Internet-Bereich entstanden. So baut America Online mit 725 Mitarbeitern die meisten Stellen ab. Bei Warner Bros. Online und der jüngst geschlossenen Unterhaltungssite Entertaindom mussten jeweils 100 Angestellte ihren Entlassungsschein entgegennehmen. AOL TW rechnet damit, durch die Personalkürzungen mindestens 300 Millionen Dollar einsparen zu können.

Stellenstreichungen bei Murdoch, Disney und CBS

Mitte Januar verordnete auch Fernsehmogul Rupert Murdoch seinen Internet-Dependancen massive Sparmaßnahmen: Die Nachrichtensites Foxsports.com und Foxnews.com werden nicht mehr vom News-Corporation-Dienstleister News Digital Media, sondern in Eigenregie der TV-Unternehmen produziert. Mit rund 450 Mitarbeitern wird mehr als die Hälfte der Belegschaft ihren Job verlieren. Das CBS-Network schmiedet bereits ähnliche Pläne und will den Online-Bereich mit dem klassischen Fernsehgeschäft zusammenlegen.

Ende Januar hat auch Disney angekündigt, den Gürtel deutlich enger schnallen zu müssen. Das Webportal Go.com wird eingestellt, 400 Mitarbeitern der gefürchtete "Pink Slip" überreicht. Künftig möchte sich der Micky-Maus-Konzern verstärkt auf die TV-Ableger ESPN.com, ABC.com und Disney.com konzentrieren. Seit 1998 soll die Disney Internet Group mit dem nur mäßig erfolgreichen Yahoo-Rivalen Go.com 1,5 Milliarden Dollar verbrannt haben.

Angesichts der anhaltenden Kündigungswelle geht in amerikanischen Online-Medienhäusern mittlerweile die blanke Angst um. Unternehmensberater berichten bereits, dass sich der Beschäftigungstrend wieder komplett umgekehrt hat: Die Abwanderung von Angestellten traditioneller Medienunternehmen ist vorbei. Journalisten und Media-Worker suchen zunehmend Zuflucht bei ihren alten Redaktionen.

unter Mitarbeit von Frank Patalong



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