Angebliche Korrespondentin Gamerin mogelt Fragen in Pressekonferenzen des Weißen Hauses

Viermal hat das Weiße Haus Reporterfragen von jemandem namens »Kacey Montagu« beantwortet. Laut Recherchen einer US-Seite steckt dahinter wohl eine Spielerin aus dem Umfeld der Gamingplattform Roblox.
Jen Psaki, Sprecherin des Weißen Hauses: Bei ihr kamen Fragen von »Kacey Montagu« an

Jen Psaki, Sprecherin des Weißen Hauses: Bei ihr kamen Fragen von »Kacey Montagu« an

Foto: Andrew Harnik / AP

Geht es um eine Hochstaplerin, eine Gamerin, eine Politaktivistin oder doch einen »Prankster«, also jemanden, der andere narrt, um Social-Media-Ruhm zu ernten? Oder sind nicht alle diese Begriffe halbwegs treffend? Verschiedene US-Medien ringen derzeit darum, wie man eine Person beschreibt, die sich im Netz über Wochen als Politikjournalistin ausgab und so mehrere eigene Fragen in Pressekonferenzen des Weißen Hauses unterbrachte.

Im Netz nennt sich jene Person, die Zitaten von Onlinebekannten zufolge eine Frau sein soll, selbst »Kacey Montagu«. Der Vorname Kacey ist grundsätzlich einer, den sowohl Frauen, als auch Männer tragen.

»Kacey Montagu« war online mit einer Art fiktiven Jobbeschreibung unterwegs, zeichnen Recherchen der US-Nachrichtenseite »Politico« nach . Im Zuge ihrer Onlineaktivität soll sie unter anderem behauptet haben, für das britische Boulevardblatt »The Daily Mail« zu arbeiten und Teil des White House Press Corps zu sein, also einer Gruppe von Journalisten, die über das Weiße Haus berichten.

In Mails an andere, echte Reporterinnen und Reporter, soll »Kacey Montagu« als Korrespondentin von »White House News« aufgetreten sein, einer Website, die gar nicht existiert, schreibt »Politico«. Zudem soll sie mit @WHschedule und @whpoolreport zwei offiziell wirkende Twitteraccounts betrieben haben, die aus anderen Quellen gesammelte Informationen rund um das Weiße Haus weiterverbreiteten und denen auch bekannte Journalistinnen und Journalisten folgten, bis die Accounts kürzlich vom Kurznachrichtendienst gesperrt wurden.

Viermal klappte die Masche

Die Online-Täuschungsmanöver von »Kacey Montagu« waren so gesehen mal schwerer und mal leichter zu entlarven. Letztlich gelang es der angeblichen Reporterin trotzdem, Einfluss auf Veranstaltungen zu nehmen, zu denen sie gar nicht eingeladen war. In mehreren Fällen nämlich bat »Kacey Montagu« mit Verweis auf die Coronaregeln Journalistinnen und Journalisten, die bei Pressekonferenzen des Weißen Hauses vor Ort waren, von ihr erdachte Fragen zu stellen. Und so kam es, dass Jen Psaki, eine Sprecherin des Weißen Hauses, tatsächlich auf Fragen einging, die von jemandem kamen, dessen echte Identität ein Rätsel darstellt.

»Politico« zufolge übermittelte »Kacey Montagu« allerlei Fragen an verschiedene Reporterinnen und Reporter mit Zugängen zum Weißen Haus. In vier Fällen sollen ihre Einwürfe dann tatsächlich bei einer Pressekonferenz zur Sprache gekommen sein: »Kacey Montagu« habe unter anderem wissen wollen, wie Joe Biden auf Hackerangriffe auf Microsoft-Software zu reagieren gedenke, heißt es. Eine andere Frage drehte sich laut »Mediaite« darum , inwiefern Barack Obama Einfluss auf die aktuelle Regierung habe.

»Politico« erklärt dazu, dass es in Coronazeiten üblich sei, dass Reporterinnen und Reporter, die bei Presse-Briefings anwesend sind, auch Fragen von Kolleginnen und Kollegen stellen, die keinen Platz dafür bekommen haben. Damit gewisse Abstände eingehalten werden können, seien derzeit nämlich nur jeweils 14 von 49 Presseplätzen besetzt. Das Weiße Haus lehnte es ab, den »Politico«-Bericht zu kommentieren.

»Kacey Montagu« wirkt ziemlich stolz

Die Trollaktion dürfte einigen, die »Kacey Montagu« für eine echte Kollegin hielten, peinlich sein. »Kacey Montagu« selbst sammelt auf ihrem Twitteraccount derweil Begriffe wie »Hochstaplerin«, mit denen sie Medien wie Fox News beschreiben. Zugleich betont sie aber, offen für Jobangebote von Medien zu sein, die jetzt über sie berichten.

Auf ihre Aktion scheint »Kacey Montagu« allgemein ziemlich stolz zu sein. Schon vor Veröffentlichung des Artikels über sich schrieb sie auf Twitter : »Großartige Neuigkeiten. Ich werde bald in Politico sein.« An das Weiße Haus adressierte »Kacey Montagu« einen Tag später nur ein knappes »Tut mir leid« .

Was für ein Mensch sich wirklich hinter dem Namen verbirgt, ist nach wie vor unklar. Auf eine Anfrage von »Politico« hin gab »Kacey Montagu« wenig über sich preis. Per E-Mail teilte sie aber mit: »Ich liebe Journalismus, und ich denke, dass das Press Corps im Moment einen ziemlich schlechten Job macht, also beschloss ich, für etwas Transparenz zu sorgen und einige Fragen zu stellen, auf die ich und einige Freunde eine Antwort haben wollten.«

Die Spur führt in die Welt von Roblox

»Politico« wiederum hat mehrere Onlinebekannte von »Kacey Montagu« kontaktiert, um ihrer Motivation auf die Spur zu kommen. Sie kennen »Kacey Montagu« unter diesem Namen aus einer Rollenspielgruppe auf der Videospielplattform Roblox , schreibt die Nachrichtenseite – und nach Einschätzung dieser Quellen ging es ihr mit ihrer Imitation einer Reporterin anfänglich wohl darum, Menschen aus jener Gruppe zu beeindrucken. Roblox ist eine Art Spielebaukasten, in dessen unzähligen, meist von Spielerinnen und Spielern selbst erschaffenen Onlinegames vor allem jüngere Menschen sehr viel Zeit verbringen.

»Kacey Montagu«, so legen es Twitter-Postings nahe , hatte in ihrem Roblox-Rollenspiel namens »nUSA«  zeitweise übrigens eine wichtige Position inne: Sie spielte die Außenministerin der Vereinigten Staaten.

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