US-Präsidentschaftswahl Behauptungen zu Wahlbetrug finden auf YouTube ein Millionenpublikum

Forscher haben die Bedeutung von YouTube bei der US-Wahl untersucht: Auf der Videoplattform wurden Falschinformationen millionenfach verbreitet – die Gegenmaßnahmen des Unternehmens waren dagegen leicht zu übersehen.
»YouTube muss viel verändern«, sagt Sicherheitsexperte Alex Stamos

»YouTube muss viel verändern«, sagt Sicherheitsexperte Alex Stamos

Foto: Dado Ruvic/ REUTERS

Es geht die Mär vom Wahlbetrug in den USA – auch auf YouTube. Der weltgrößten Videoplattform ist nicht gelungen, eine massive Verbreitung von Falschinformationen rund um die US-Wahl zu verhindern. Das zeigt eine Untersuchung von US-Forschern und entspricht auch der Meinung des Experten Alex Stamos.

Das Projekt transparency.tube  hat 4865 YouTube-Videos untersucht, die zwischen dem 3. und 10. November hochgeladen wurden und in denen der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl und das nach Ansicht von Donald Trump und seinen Anhängern manipulierte Ergebnis diskutiert wurden. Um festzustellen, welches Narrativ die Diskussion auf YouTube bestimmte, teilten die Forscher das Material in zwei Kategorien ein: Entweder unterstützten die in den Videos getroffenen Ausagen die These, es sei zu Wahlbetrug gekommen, oder sie widersprachen ihr.

Millionenfache Verbreitung falscher Informationen

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Videos, in denen von einem Wahlbetrug ausgegangen wird, zusammengerechnet 137 Millionen Mal angesehen wurden. Damit würden 34 Prozent der Aufrufe von Videos zu diesem Thema auf das Konto von Anhängern der Wahlbetrugsthese gehen.

Damit ist aber auch klar, dass Videos, in denen der behauptete Wahlbetrug dementiert oder das Thema ohne Wertung behandelt wird, deutlich mehr Menschen erreicht haben, nämlich bis zu 66 Prozent, was rund 274 Millionen Abrufen entspricht.

Darauf weist auch YouTube im Gespräch in der »New York Times« hin, ohne jedoch eigene Zahlen zu nennen. »Die meistgesehenen Videos zum Thema Wahlbetrug kommen von etablierten Medien und die Mehrheit der Suchanfragen und Empfehlungen führen zu Inhalten glaubwürdiger Quellen«, zitiert die Zeitung einen Sprecher.

Die als »vorläufige Analyse« bezeichnete Studie verrät nicht, wie sich die Zahl der untersuchten Videos auf die beiden Kategorien verteilt. Theoretisch könnten bereits wenige Videos zu den hohen Abrufzahlen geführt haben. Außerdem ist die Aussagekraft der Abrufzahlen begrenzt, weil die Forscher keine Daten dazu haben, wie viele verschiedene Nutzerinnen und Nutzer dahinterstecken, wie groß also das Publikum für die Falschinformationen wirklich war.

»Größtes digitales Desinformationsereignis der US-Geschichte«

Dennoch ist die Verbreitung von Falschinformationen besonders für YouTube ein großes Problem. »YouTube muss viel verändern, damit sich das 2022 und 2024 nicht wiederholt«, urteilt Alex Stamos, ehemaliger Sicherheitschef von Facebook, der heute an der Universität Stanford arbeitet, in einem Podcast . Stamos ist Mitglied einer Forschungsgruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kommunikation und den Informationsaustausch rund um die Präsidentschaftswahl in den USA auf Social-Media-Plattformen zu beobachten.

Während Facebook relativ erfolgreich Desinformationsbeiträge gelöscht und Twitter entsprechende Tweets vergleichsweise aggressiv hinter einem Warnhinweis versteckt habe, sagt Stamos, seien die Maßnahmen von YouTube am wenigsten wirksam gewesen. Ursächlich dafür sei unter anderem die Livefunktion, mit der YouTuber in kürzester Zeit ungefiltert Tausende Menschen erreichen können. YouTubes Hinweise zu geprüften Informationen rund um die Wahl seien außerdem – abhängig von der Einstellung des Bildschirmformats – teilweise gar nicht sichtbar gewesen.

Die US-Wahl 2020 bezeichnet Stamos als »das größte digitale Desinformationsereignis der US-Geschichte«, und er macht reichweitenstarke Social-Media-Accounts dafür verantwortlich. Anders als bei vorangegangenen Wahlen würden Falschinformationskampagnen nun nicht mehr vorwiegend aus dem Ausland stammen, sondern aus dem Inland.