US-Wahlkampf "Die Wahrheit über Bush in 30 Sekunden"

Der kommende Präsidentschaftswahlkampf in den USA wirft seine Schatten voraus - und die Opposition hat ihre Stimme wiedergefunden. Publikumswirksam trommeln Top-Stars von Moby über R.E.M.-Sänger Michael Stipe bis Michael Moore für eine rotzfreche Polit-Aktion im Internet. Das Ziel: Bush demaskieren.


Der Druck wächst: Jetzt mobilisiert MoveOn "die Straße" gegen Bush
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Der Druck wächst: Jetzt mobilisiert MoveOn "die Straße" gegen Bush

Man erinnert sich ja kaum mehr daran: Der letzte Präsidentschaftswahlkampf in den USA war nicht zuletzt einer, der im Web geführt wurde. Republikaner und Demokraten beharkten sich mit frechen, oft satirisch gefärbten Websites, und George W. Bush bekam mit Abstand das meiste Fett weg. Vorbei: Die fürchterlichen Terrorattacken vom September 2001 und die folgenden Kriege fegten nicht nur den Humor aus der amerikanischen Politik, sondern ließen lange auch fast jede Opposition verstummen.

Doch die regt sich wieder, wird lauter - und entwickelt pfiffige Konzepte, wie dem amtierenden Präsidenten im nächsten Wahlkampf beizukommen wäre.

Der hat im Grunde schon begonnen

Juror Michael Moore: "Bush loswerden"

Juror Michael Moore: "Bush loswerden"

MoveOn.org etwa, ein bereits im letzten Wahlkampf auffälliges Bündnis von Bush-Gegnern, sorgt mit einer Web-Aktion für Furore, die darauf abzielt, "Aufklärungs-Fernsehspots" über George W. Bush zu produzieren. Das Ganze ist ein Ideenwettbewerb, bei dem jeder amerikanische Bürger ab 15 Jahren einen 30 Sekunden langen Spot-Entwurf einreichen kann, der "die Wahrheit über George Bush" vermitteln soll. Bewertet werden die Einreichungen zum einen von einer prominent besetzten Jury, zum anderen von den Web-Nutzern: Die bekommen vom 15. bis zum 31. Dezember Gelegenheit, ihre Stimme für die Filme abzugeben.

Dem Gewinner winken Ruhm und eine Videokassette, mehr nicht: Sein oder ihr Spot soll im Rahmenprogramm der Rede des Präsidenten zur Lage der Nation ausgestrahlt werden - ein Affront.

Moby: Wiederkehr der politischen Popstars?
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Moby: Wiederkehr der politischen Popstars?

Politische Werbespots haben in den USA eine andere Tradition als hier zu Lande. Auch im MoveOn-Ideenwettbewerb geht es nicht darum, einen "Wahlkampfspot" zu produzieren. Das ist dem freien Bündnis sogar ausdrücklich verboten - nicht aber, politisch wirkende Botschaften zu verbreiten.

Promis machen Politik

"Wir wollen die Aufmerksamkeit auf die verfehlte Politik der Regierung lenken", erklärt der Musiker Moby, einer der Initiatoren der Aktion. In der Jury trifft er auf so prominente wie bekannt oppositionelle Kollegen wie Miachael Stipe von REM, den Filmemacher und Bestsellerautor Michael Moore ("Bowling for Columbine", "Stupid white Men") und Hollywood-Größen wie Michael Mann, Gus Van Sant oder den Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder.

Und schnell muss alles gehen: Der Wettbewerb begann am 24. November und läuft bis zum 31. Januar. Für die jährliche Rede des Präsidenten zur Lage der Nation sollen die Spots

REM-Sänger Michael Stipe: Aufklärung gegen die Bush-Regierung
DDP

REM-Sänger Michael Stipe: Aufklärung gegen die Bush-Regierung

parat sein - und deren genaues Datum setzt das Weiße Haus an. Die Film-Einreichungen wiederum sollen die Teilnehmer zunächst als maximal vier Megabyte kleine MPG- oder AVI-Entwürfe einsenden - das macht es leicht, sie im Web zu zeigen.

Egal also, ob die Ausstrahlung im Umfeld der Präsidentenrede gelingt oder nicht: Im Web entsteht in den nächsten Wochen eine Website mit etlichen "Wahrheiten über Bush in 30 Sekunden", produziert von und für Amerikaner.

Aufmerksamkeit ist der Website gewiss - und der frechere Teil des Wahlkampfes hat begonnen, bevor die Demokraten sich auch nur auf einen Gegenkandidaten geeinigt haben. Das Ziel der MoveOn-Aktion kommt ihnen zugute und wurde von Michael Moore in ungezählten Interviews definiert: "Bush loswerden".

Frank Patalong



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