US-Wahlkampf II Heftig deftig!

Die Satire blüht, wächst und gedeiht im Internet. Während Print-Titel einen zunehmend schweren Stand gegen die Konkurrenz des Fernsehens haben, sprießt im Web gerade das Format der politischen Satire. Beispiel US-Wahlkampf: Es ist nicht von schlechten Eltern, was Gore, Bush und Co. sich da so alles gefallen lassen müssen.

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Gilt als kantig: Al Gore
2000 BSNN.NET

Gilt als kantig: Al Gore

Al Gore hat ein Problem: Kritiker und Satiriker sagen ihm nach, dass der Klang seines Namens zu sehr mit einem seiner dominanten Wesensmerkmale korreliere, um daraus nicht Kapital zu schlagen. Gore sei ein "Bore", ein Langweiler.

Manchen geht auch das nicht weit genug. "Gore" ist ein bedeutungsvoller Name, wird im Englischen auch für "Blut" gebraucht. Als Verb bedeutet "to gore" so viel wie "durchbohren, aufspießen" und wird deshalb in manchen Kontexten gern als Attribut benutzt: "Gory" ist beispielsweise ein Revolverblatt oder ein Horrorfilm, aus dem das Blut nur so trieft. Grausam.

Das ist cool: Therapieren Sie Patienten zu Tode - mit Al Gores Gesundheitsprogramm 2002!

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"All Gore" könnte man also mit "völlig grausam" übersetzen, und die entsprechende Website "www.allgore.com" spart nicht mit grausamen Spitzen. Absolutes Highlight der Site ist "Health Care 2002", ein Shockwave-Spiel, bei dem man als ehemals arbeitsloser, alkoholabhängiger Kurpfuscher die Gore-Gesundheitsreform auf Kosten des Lebens prominenter Hollywood-Liberaler in der Praxis erproben darf.

Deutlich wird es auch bei "Billionaires for Bush (or Gore)", der Wahlberatungs-Website für die deutlich besser Betuchten. Zitat: "Obwohl sie zum Teil unterschiedliche Politiken vertreten und auch Schlipse von unterschiedlicher Farbe tragen, vertrauen wir fest darauf, dass beide Kandidaten dem Prinzip der ökonomischen Ungerechtigkeit zutiefst verpflichtet sind". Klar, dass "Bestechung alles möglich macht". Als besonderen Service für den geneigten Milliardär rechnet die Website eine Kosten-Nutzen-Rechnung bekannt gewordener Wahlkampfspenden auf: So investierte die amerikanische TV-Industrie im letzten Wahlkampf rund fünf Millionen Dollar in die beiden Parteien und erhielt - als Gegenleistung? - kostenlose Lizensen für digitale Programme. Marktwert: 70 Milliarden Dollar. Return of Investment: 1.400.000 Prozent.

Entscheidungshilfe für Milliardäre: Wählen (und bestechen!) Sie Bush (oder Gore)

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Das ist schön, so muss das sein, so schafft man Wirtschaftswunder. Eher nachrichtlich orientiert geht es bei "www.bradley-gore2000.com" zu. Zwar haben die Website-Betreiber bei der Wahl der Domain leicht daneben gezielt, sind aber trotz alledem absolut up to date in ihrer Berichterstattung über das demokratische Pärchen Gore/Lieberman. Oder haben sie exklusive Nachrichten wie "Lieberman verletzt sich auf der Flucht vor seiner Vergangenheit" schon auf anderen Nachrichtenseiten gesehen? Auch dass Al Gore sich gerade einer Brustverkleinerung unterzieht, dürfte bisher wenig bekannt sein.

Zumindest seinen Gegnern ist dagegen seit langem bekannt, dass Georg W. Bushs Verhaltensauffälligkeiten eigentlich nur zu erklären sind, wenn man davon ausgeht, dass der Mann ständig unter Drogen steht. Und was macht hyperaktiv, extrem aggressiv und schränkt zugleich die Denkfähigkeit ganz enorm ein? Klarer Fall: Bush ist auf Crack!

Heiße Nachrichten, die man sonst nirgends findet: "Bradley-Gore2000"
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"Bush on Crack" ist nur eines von zahlreichen, bitterbösen Angeboten, die den Qualitätsunterschied in der satirischen Auseinandersetzung mit den beiden Kandidaten zeigen (siehe Linkverzeichnis). Gore kassiert eine Menge Häme, der man anmerkt, dass ihn die Satiriker tatsächlich nicht sehr ernst nehmen. Zugleich begegnen sie ihm mit der Grundsympathie, die man einem tollpatschigen, etwas aus den Fugen geratenen 13-Jährigen entgegenbringt: Eigentlich hat der Kleine ja eine Menge Potenzial - wenn er sich nur nicht ständig selbst auf den Füßen stehen würde...

Die Auseinandersetzung mit Bush wird aggressiver geführt. An Bushs Härten reiben sich auch die Satiriker, und oft geht die Satire in den offenen, ernsten politischen Kommentar über. Wenn Vertreter der Waffenlobby tönen, bald säße einer ihrer Vertreter im Weißen Haus, dann vergeht anscheinend auch hartnäckigen Satirikern das Lachen.

Hey, ho! Bush on Crack!

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Doch noch ist es nicht so weit, und solange dies so ist, werden die Anti-Bush-und Anti-Gore-Satiren ins Kraut schießen. Im Übrigen eine interessante Alternative zu den sonst üblichen Wahlkampfseiten der Parteien: Mitunter erfährt man in den Witzen über die Kandidaten und zwischen den Zeilen hämender Satiren weit mehr über Bush oder Gore, als deren Webseiten, Wahlkampfpropaganda oder die angeblich sachliche Medienberichterstattung vermitteln. Genau das macht eine gute politische Satire aus: Sie soll entlarven. Das Web hat davon mehr und mehr zu bieten. Im nächsten Wahlkampf auch in Deutschland?



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