US-Wahlkampf Mit "Dirty Tricks" gegen den politischen Gegner

Es ist grenzenlos groß, unschlagbar billig und gerade dann effektiv, wenn man den Witz auf seiner Seite hat. Amerikas Politiker haben das Web lang schon als Mittel zur Diffamierung des politischen Gegners entdeckt.


Screenshot: Bush-Cheney.net

Screenshot: Bush-Cheney.net

"Das Internet", schreiben die Betreiber von Democrats.com, einer "freien Unterstützergruppe" der Demokraten, "ist ein neues und verführerisches Mittel für die schmutzigen Tricks der Republikaner".

Die "alten Mittel" kenne ja jeder Amerikaner: Früher, zu Nixons Zeiten, nutzte der politische Gegner noch Nachschlüssel und Brechstangen, um in Wahlkampfbüros der Demokraten einzubrechen. Das Weiße Haus versuchte, die Affäre zu vertuschen, ließ sich erwischen - und der Watergate-Skandal war geboren. Nixon musste seinen Hut nehmen.

Heute sieht das anders aus, wenn man den Website-Betreibern von Democrats.com glauben kann. Im Mai 2000 habe Rod Grams, verantwortlich für die Ausforschung des politischen Gegners in der Bush-Wahlkampagne, unter dem Namen "Katie Stevens" rund 100 demokratische Politiker mit E-Mails bedacht, und das viermal. Inhalt der Schreiben: Scharfe Attacken gegen den demokratischen Kandidaten Mike Ciresi. Das, meinen die "Democrats", sei nun wirklich schmutzig.

Allerdings auch nicht verwunderlich. Man müsse sich ja nur einmal ansehen, wen die Republikaner so alles in den Senat und den Kongress entsenden: Unter dem Stichwort "Comparison" führt die Website führende Republikaner unter dem Stichwort "Banana Republicans" auf.

Das wirkt wie eine Verbrecherkartei. Da sitzen zahlreiche Eid- und Ehebrecher, da verschweigen Abtreibungsgegner eigene Abtreibungen und, schlimmer noch, da bezahlen schärfste Abtreibungsgegner die Abtreibungen ihrer Frauen oder Geliebten. Ein Abgeordneter sanktioniert angeblich Sklaverei und die meisten sind - natürlich - mehr oder minder korrupt. Das reicht von der Annahme von Bestechungsgeldern bis hin zur Beschäftigung nicht existenter Angestellter, deren Löhne man halt selbst kassiert. Eine Abgeordnete sympathisiere nicht nur mit der "Weißen Militia", sondern vertrete auch offen die Interessen der Waffenlobby und den festen Glauben an die Verschwörungstheorie der "Schwarzen Hubschrauber".

Irre, Kriminelle, morallose Gestalten. Da fällt die Wahl dann leicht: Wer könnte hier noch Republikaner wählen? Internet-Wahlkampf á la Amerika.

Nun, so könnte man einwenden, ist Democrats.com ja nicht die Demokratische Partei. Die Unterstützergruppe bezieht ihre Mitglieder zwar aus Parteikreisen, ist ansonsten aber unabhängig.

Mit harten Bandagen kämpft allerdings auch die Partei selbst. Schon Monate bevor klar war, mit wem George W. Bush nun tatsächlich in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen würde, ließen sich die Demokraten Web-Adressen sichern, die alle möglichen Konstellationen in Betracht zogen. Als die Wahl schließlich auf Dick Cheney fiel, aktivierten die Demokraten die betreffende Web-Adresse: Seitdem informiert "www.bush-cheney.net" ausführlich über das republikanische Gespann.

Ausführlich, erschöpfend und erschreckend, sollte man sagen. Denn auch auf dieser Website kann man nur einen Eindruck bekommen: Die Republikaner schicken ein total irres, hochgradig gefährliches, reaktionäres Pärchen ins Rennen, mit deren Wahl das Ende des christlichen Abendlandes wohl gekommen sein sollte.

Dabei erfährt man kaum etwas über Bush: Konsequent haben sich die Demokraten auf seinen Möchtegern-Vize eingeschossen, veröffentlichen jede "Sünde", die er im Laufe seines politischen Lebens beging. Was für ein Glück für die Demokraten, dass sie bei diesem Mann tatsächlich nur das Abstimmungsverhalten beobachten müssen: Cheney stimmte gegen Gleichstellungsgesetze, gegen eine Reform der Sozialgesetze, sprach sich gegen eine Resolution aus, die "Freiheit für Nelson Mandela" einforderte. Natürlich war er dagegen, Ehemännern das Schlagen ihrer Frauen zu verbieten, und was sollte es für einen Grund geben, Feuerwaffen zu verbieten, die man bei Flughafenkontrollen nicht entdecken kann? Cheney war einer von nur vier Abgeordneten, die 1988 gegen den Gesetzesvorschlag zum Verbot von Terrorwaffen stimmte.

Heilige sind die Republikaner sicherlich nicht, und zu Zeiten der Lewinsky-Affäre bewiesen sie auch im Web, dass sie genügend schmutzige Tricks beherrschen, um den den politischen Gegner über das neue Medium zu diffamieren. Im aktuellen Wahlkampf zeigen sich die Republikaner allerdings als vergleichsweise phantasielos.

So sind die Adressen "www.gore-lieberman.com" und ihre ".net"-Entsprechung derzeit noch zu haben: Die Firma Internet Communications hat sie registriert und bietet sie zum Verkauf an. Eine unangenehme Überraschung könnten die Demokraten in den nächsten Wochen allerdings unter "www.al-bore.com" erleben. Die Domain, als "Al-Bore-Dom" von einer "Patricia Lynch" registriert, ist "under construction". Bleibt abzuwarten, wer sich hier was für Al, den "Langweiler", ausgedacht hat.

Was nicht heißen soll, dass Gore sein Fett nicht schon abbekäme. Doch in seinem Fall müssen sich die Republikaner gar nicht viel einfallen lassen. Das besorgt die Internet-Gemeinde für sie, mit einer stetig wachsenden Zahl von "Al Bore"-Parodien.

Frank Patalong



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