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Verantwortung des Journalismus

So kann es nicht weitergehen

Der Brexit, Donald Trump, der Angriff auf den AfD-Politiker Magnitz: Unseren Kolumnisten macht es wütend, auf welche Weise viele Medien über solche Themen berichten. Denn sie lassen sich instrumentalisieren.

Eine Kolumne von

REUTERS

Trump mit Fast Food, eine tolle Story. Nicht.

Mittwoch, 16.01.2019   15:47 Uhr

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Der Brexit tobt, Trump wütet, die AfD opferposiert.

Dass die redaktionellen Medien immer noch nicht merken, dass sie instrumentalisiert werden - oder es nicht merken wollen, oder es merken und richtig finden. Jeden verdammten Tag aufs Neue.

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Wie wenig kann man sich der Folgen des eigenen Handelns bewusst sein? Es ist zum Heulen, nein, zum Ausflippen. Es wird offenbar kaum Reflexion betrieben im massenmedialen Alltagsbetrieb, und wenn doch, bleibt es bisher wirkungslos.

Daher hier nochmal, wütend, aber längst mit dem Beigeschmack der resignativen Verzweiflung:

Der Aufstieg der autoritären Kräfte weltweit wäre ohne Medien nicht möglich gewesen, und zwar sowohl sozialer wie redaktioneller Medien. Die Verantwortung für eine weitere Stärkung der Rechten, Rechtsextremen, Autoritären liegt zum guten Teil bei ebendiesen Medien.

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Es gibt aus dieser Verantwortung kein Entrinnen. Wer nicht möchte, dass Deutschland verungarnt, vertrumpt, verbrasilt, muss sich dieser Verantwortung stellen. Es gibt dabei nur Scheinneutralität, denn diese Leute kämpfen gegen alles, was Journalismus in liberalen Demokratien ausmacht. Leicht zu beobachten eben in Ungarn, wo - dramatisch unterberichtet - eine Gleichschaltung der Medienlandschaft im Gange ist: Orbán hat von seinen verlegerischen Kumpanen sämtliche, ja: sämtliche Lokalzeitungen des Landes in eine Stiftung überführen lassen. Orbán, der auf CSU-Parteitagen vom Innenminister, Hüter des Grundgesetzes, umschmeichelt und umschleimt wird.

Am Ende explodiert alles

Dort aber, wo Politik und Medien eine Allianz abseits demokratischer Werte eingehen, explodiert am Ende alles. Der Brexit, an dem Europa gerade verzweifelt, ist so entstanden.

Er ist zuerst die Folge unterirdisch schlechter Politik, hauptverantwortlich sind:

Ermöglicht wurde der Brexit jedoch durch eine massive Boulevard-Kampagne, verbunden mit einem ebenso massiven Medienversagen. Angerührt von Murdoch, dem "Krebs für die Demokratie" und nationalistischen Halbdackeln zum Beispiel hinter der reaktionären Zeitung "Daily Mail".

In sozialen Medien wurden deren Lügen offenbar mithilfe russischen Geldes zu einem ständigen Wuthagel großgeliket. Der britische Boulevard hat den Brexit herbeigehetzt - aber was taten und tun ernst zu nehmende, redaktionelle Medien wie etwa die BBC?

Angst ist der Kern des Medienversagens

Der britische Journalist Nick Cohen antwortet auf diese Frage mit einer gnadenlosen Gegenfrage: "Was soll der Sinn einer Nachrichtenorganisation sein, die Angst hat vor Journalismus?" Das ist der Kern des Medienversagens: Angst. Wenn man von denjenigen absieht, die in voller Absicht mithetzen und zündeln.

In einer Zeit wirtschaftlicher Schwäche klassischer Medien fühlt es sich von innen vermutlich gar nicht an wie Angst, sondern wie Selbstvergewisserung. Das Pfeifen im Walde des heutigen Journalismus ist, einfach so weiterzumachen wie bisher. Die Flucht ins "business as usual". Wie könnte falsch sein, was sich schon immer richtig angefühlt hat.

Das ist Verantwortungsabwehr, die Scheu, die Konsequenzen daraus zu ziehen, dass man eine Mitschuld trägt. Die autoritären Kräfte instrumentalisieren Qualitätsmedien der liberalen Demokratien weltweit, und deren Reaktion verdient im Pschyrembel unter "Stockholm-Syndrom" einen eigenen Abschnitt.

Eine massenmediale Realität entsteht

Etwa die Berichterstattung zum Überfall auf den AfD-Politiker Magnitz. Jede Redaktion in Deutschland weiß: Die AfD lügt, wenn es ihr in den Kram passt. Sonst auch, aber dann ganz besonders. Trotzdem verpuffte fast jede journalistische Vorsicht allein aufgrund von Informationen der AfD selbst.

Mithilfe eines sozialmedial verbreiteten, blutigen Fotos wurde dank deutscher Presseredaktionen eine massenmediale Realität geschaffen: Kantholz, Linksextreme, Gefahr für die Demokratie. Diese - unwahren oder unbewiesenen - Dinge bleiben jetzt für immer in den halbaufmerksamen Köpfen derjenigen, die nicht den Luxus haben, sich den ganzen Tag um den Medienzirkus kümmern zu können. Samt Bundespräsidentenstempel. Ergänzt durch Solidaritätsbekundungen für die AfD von ungefähr allen. Auch von Leuten, die still waren, als Bombenattentate und Brandanschläge auf linke Politikerinnen stattgefunden hatten. Dabei ist noch immer unklar, was genau von wem genau getan wurde.

Trotzdem sprangen, angeführt von der "Bild", auch die meisten Qualitätsmedien auf den von der AfD bereitgestellten Zug "Demokratie von links in Gefahr" auf. Bald kann ich wieder lesen, wie wichtig Sorgfalt ist, Qualität vor Geschwindigkeit, dass in sozialen Medien manipuliert wird und deshalb Qualitätsmedien unbedingt dieses Gesetz oder jene Zuwendung brauchen.

Rechte brauchen keine Fake News mehr, wenn echte News so aussehen.

Die liberale Demokratie ist bedroht

Wo bleibt die Aufarbeitung dieses massiven, journalistischen Riesenversagens zugunsten der AfD, samt der Konsequenzen? Die Aufarbeitung existiert auf einer kleinen, medienkritischen Seite, aber was ist das gegen "Bild"-Titel und Dutzende Überschriften wie "Mit Kantholz und Kapuze"?

Was ist das gegen die noch hundert Talkshows, in denen Magnitz als Beweis für das raue Klima bezeichnet werden wird, unter Ausblendung der massiven Rechtsverschiebung des Sagbaren bis tief in die Unmenschlichkeit? Die Normalisierung rechter, rechtsextremer, autoritärer Haltungen ist die Basis des Erfolgs dieser Politik.

Das ist die Verantwortung der redaktionellen Qualitätsmedien rund um die Welt: Die liberale Demokratie, ohne die Journalismus nicht existieren kann, ist bedroht - und so viele Medien tun so, als könne man darüber völlig wertfrei berichten. Dann kommt eben auch wertfreier Journalismus heraus. Von Leuten, die bald schon wieder wagen, sich als "Hüter der Demokratie" zu inszenieren.

Immer die gleichen Fallen

Es sind ja immer wieder die gleichen Fehler, die sie produzieren, die gleichen Fallen, auf die sie hereinfallen. Hier nur ein Ausschnitt in Form von drei sehr präsenten Beispielen:

Qualitätsmedien, bitte aufwachen

Überhaupt zeugt das Wörtchen "umstritten" von Denkfaulheit und fehlendem Mut, sich mit Konflikten auseinanderzusetzen, wie der ehemalige Pirat Christopher Lauer diagnostizierte. Ein amerikanischer Programmierer hat die Entwickler-Schnittstelle der "New York Times" verwendet, um die Berichterstattung zum amerikanischen Präsidenten zu analysieren. Das Ergebnis ist noch etwas schlimmer als man erwartet.

Trump kam um seine Wahl herum mehr als fünf Mal so oft in den Headlines der wichtigsten Zeitung der Welt vor wie Obama um dessen Wahl. Der Durchschnittswert über die jeweils ersten zwei Jahre liegt sogar etwa sieben Mal so hoch.

Natürlich tut Trump sehr, sehr viele Dinge, über die man nicht nicht berichten kann. Aber das ist nicht die einzige Erklärung für das unfassbare, jeden Menschen überfordernde Aufmerksamkeitsvolumen, weder bei der "New York Times", noch bei so vielen anderen Qualitätsmedien.

Das lässt sich an einem aktuellen Beispiel erkennen. Der US-Präsident hatte ein erfolgreiches Sportteam eingeladen. Weil allein durch Trumps Radikalität und die Unterstützung seiner Republikaner die Regierung derzeit stillsteht, kaufte Trump angeblich von eigenem Geld Burger. Überall stand diese witzige Anekdote, überall wurde das dazugehörige Foto veröffentlicht - eine tolle Story. Nicht.

Denn diese nicht einmal gute Inszenierung fand an dem Tag statt, an dem deutlich wurde, dass Trump mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit eine Marionette von Putin ist.

Langsam, so ganz langsam könnten die werten redaktionellen Qualitätsmedien vielleicht mal im 21. Jahrhundert ankommen und begreifen, wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert, wie sie instrumentalisiert werden und was sie dagegen tun können. Nein: tun müssen.

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