Verbrecher im Netz Die Online-Spur des Kannibalen

Das Netz ist ein Tummelplatz für einsame Menschen - und für gefährliche. Der Mörder einer Zehnjährigen in den USA hinterließ online zahllose Spuren, die gemeinsam ein grauenhaftes Puzzle ergeben. Der Fall ist nur ein Beispiel für eine neue Art von Verknüpfung zwischen Netz und Verbrechen.
Von Johannes Boie

Vergangene Woche tat der 26-jährige Supermarktangestellte Kevin Ray Underwood aus Oklahoma vor allem zwei Dinge. Er fütterte seine verschiedenen Webseiten und sein Blog mit Daten und er entführte und ermordete ein zehn Jahre altes Mädchen, dessen Leiche er essen wollte, nachdem er sie geschändet hatte. Das Mädchen lag bereits ermordet in seiner Wohnung, als Underwood in seinem Blog eine Notiz über das Fernsehprogramm des Discovery Channel veröffentlichte: "Lücke in menschlicher Evolution durch Fossilienfunde erklärt."

Noch kurz zuvor hatte er mit einer Online-Bekanntschaft per Instant Messenger gechattet - er sei nervös und könne nicht schlafen, schrieb er da, weil in seiner Nachbarschaft ein Mädchen verschwunden sei und er fürchte, verdächtigt zu werden. Im Nachhinein betrachtet könnte das ein Versuch gewesen sein, sich einen Entlastungszeugen zu schaffen. Underwood schrieb: "Ich habe Angst, dass die Bullen in meine Wohnung kommen und meine ganzen Messer und Schwerter sehen, und die Horrorfilme und Dokumentationen über Serienmörder in meinem DVD-Regal, und mich deshalb verdächtigen. Und mein Bettzeug ist immer voller Blut, aber das ist mein eigenes Blut."

Kein anderer Mörder dürfte je solch große, öffentlich zugängliche Datenmengen wie Underwood hinterlassen haben. Das US-Blog Optymyst, dessen Autor sich auf die Suche nach den digitalen Spuren des Mörders Underwood machte , listet eine ganze Reihe Internetdienste auf, die Underwood benutzte, etwa Yahoo . In seinem Blog  gibt Underwood Unmengen an persönlichen Details preis: "In meinem ganzen Leben haben mich nur zwei Menschen geküsst."

"Du hattest kein Recht, sie zu töten!"

In seinem MySpace-Profil fanden sich bis vor kurzem noch Bilder von ihm. MySpace hat das Profil inzwischen gelöscht, Optymyst hat eine  Kopie aufbewahrt . Zum Zeitpunkt der Recherche für diesen Text existierte Underwoods MySpace-Blog  aber noch. In den angehängten Kommentaren geben Nutzer inzwischen ihrem Hass und ihrem Unverständnis Ausdruck - oder nutzen das finstere Thema, um andere zu provozieren. Die Anmerkungen reichen von "Grillt ihn!" bis hin zu Verweisen auf die Gnade Gottes. Auch in seinem anderen Blog machen andere Nutzer ihrem Entsetzen in Kommentaren Luft - auch wenn der Angesprochene sie wohl kaum lesen wird: "Du hättest Dich der Polizei stellen sollen, als Du diese Gedanken hattest! Du hattest kein Recht, sie zu töten!"

Auf anderen Seiten publizierte Underwood eigene Kurzgeschichten - darunter eine, in der sich ein Ich-Erzähler als Selbstmordattentäter entpuppt -, Zeichnungen  und abstruse Witze. Er erfand einen "mörderischen Butler" namens Charles und warnte: "Wenn er Dich erwischt, wirst Du Dir einen schnellen Tod wünschen. Er foltert seine Opfer auf unaussprechlichste Arten."

Zwei Wunschzettel beim Buchversender Amazon informierten über die Einkaufswünsche des 26-jährigen: Neben Starwars-DVDs und Aufnahmen des Komikers Weird Al Yankovic wünschte sich der Mörder auch das Buch "Meat is Murder! New Edition: An Illustrated Guide to Cannibal Culture (Creation Cinema Collection)".

Was ist normal, was weist auf Schlimmeres hin?

All das ist nicht entscheidend anders als die Online-Spuren anderer postadoleszenter, einsamer Netzbenutzer mit zu viel Zeit. Neben den normalen Angaben eines jungen Bloggers, der eine Vorliebe für Anime-Cartoons und Videospiele hat und gerne mal nach Japan reisen würde, sind aber durchaus Auffälligkeiten in den Texten zu bemerken :

"Da wir gerade vom Töten von Menschen sprechen, ich habe heute wieder angefangen, mein Lexapro (ein starkes Antidepressivum) zu nehmen. Nicht, weil der Arzt es mir gesagt hat oder so, aber als ich aufgehört hatte, es zu nehmen, hatte ich noch fünf Nachfüllungen gut, also hab ich mir heute welches geholt. Ich hatte seit Mai keins mehr genommen und es ging mir ganz gut, bis zum letzten Monat oder so. Ich habe immer noch kein allzu schlimmes Sozialphobie-Problem, aber ich werde wieder depressiv."

Doch trotz aller Anzeichen, die sich im Nachhinein so problemlos in den Aufzeichnungen des mutmaßlichen Mörders finden lassen – weder soll noch kann man aufgrund von Internetprofilen Menschen vorverurteilen. Dass sich jemand für die Geschichte des Kannibalismus interessiert, bedeutet für gewöhnlich nicht, dass er das Nachbarsmädchen verschlingen möchte. Der Fall Underwood ist lediglich die traurige und schreckliche Ausnahme, die die Regel bestätigt. So wird es auch in Zukunft kaum möglich sein, Verbrechen, die sich in Blogs und anderen Community-Seiten (siehe Kasten) unterschwellig ankündigen, zu verhindern.

Das Netz als Werkzeug

Ganz anders verhält sich die Sache jedoch, wenn das Internet nicht nur den Wandel zum Täter dokumentiert, sondern zum Werkzeug der Kriminellen wird. Hier spielen die Möglichkeiten Mitmach-Webs eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zuletzt hat das vieldiskutierte Thema, dass Pädophile im Online-Portal MySpace gezielt nach minderjährigen Opfern suchen, nach einer Recherche des Online-Magazins "Wired" neuen Aufschwung bekommen ( SPIEGEL ONLINE berichtete). Redakteure hatten das beliebte Online-Portal (siehe Kasten) nach Namen, die sie aus einer öffentlich zugänglichen Sexualstraftäter-Datenbank kopiert hatten, durchsucht. Das makabere Ergebnis: Mindestens zwei vorbestrafte Sexualstraftäter präsentierten sich als nette, christliche Kumpels auf der Suche nach neuen Freundschaften.

Wenn Kriminelle das Netz gezielt als Werkzeug benutzen, können Experten wenigstens versuchen, den kriminellen Energien entgegenzusteuern. Denn oft ist die vermeintliche Anonymität oder die Zweitidentität, auf die sich viele Straftäter verlassen, im Nu gelüftet. Außerdem weiß auch die Gegenseite, sich der neuen Netz-Techniken zu bedienen. So darf man die Idee, Landkarten von Anbietern wie Google Earth mit den Aufenthaltsorten von Sexualstraftätern zu markieren, als klassisches Mashup bezeichnen – eine Mischung aus zwei unterschiedlichen Websites, die zusammen einen neuen Sinn ergeben. Ein anderes aktuelles Beispiel: Im Bundesstaat Kansas wurden gestern fünf 16- bis 18-jährige Jugendliche verhaftet, die offensichtlich planten, an ihrer Schule einen Überfall mit Schusswaffen zu veranstalten. Sie hatten ihre Pläne bei MySpace angekündigt.

Im Fall Underwood war die Online–Gemeinde jedoch machtlos. Zu vage die Andeutungen des Bloggers, zu undeutlich seine Ankündigungen. Erst nach seiner Festnahme war es möglich, die Puzzleteile, die er online hatte, zusammenzufügen. Sie ergeben ein trauriges Bild: Es zeigt einen Mörder vor der Tat.

Mitarbeit: Christian Stöcker

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