Verlage gegen Amazon Das Konzept Harry Potter plus PDF

Führende US-Verlage basteln an einer Konkurrenz zu etablierten E-Book-Formaten. Die Medienhäuser wollen farbige, multimediale E-Paper-Darstellungen - und sie wollen nicht abhängig werden von Web-Unternehmen. Neuester Partner im kecken Bündnis gegen Amazons Kindle und Co: Rupert Murdochs News Corp.
Kindle: Erfolgreich, aber einfarbig - die Verlage wollen interaktive Farblösungen

Kindle: Erfolgreich, aber einfarbig - die Verlage wollen interaktive Farblösungen

Foto: Konrad Lischka

Ende November machten vier große amerikanische Verlage Schlagzeilen mit der Nachricht, in trauter Kooperation einen gemeinsamen Online-Kiosk entwickeln zu wollen. Die Branche hörte es mit Wonne: Überall in der westlichen Welt krümeln die Werbemärkte, kollabieren die Zeitungsauflagen, sinken seit einiger Zeit auch die Online-Werbeumsätze. Das Mediengeschäft schreibt tiefrote Zahlen, und Paid Content gilt immer mehr Medienhäusern als unausweichlich.

Wenige Tage nach den News aus den USA machten in Deutschland zuerst Gruner+Jahr, dann Dumont klar, dass auch sie über Kooperationen und Bezahlinhalte nachdachten. Auch Springer ist längst dabei, Bezahlinhalte zu erproben.

Inzwischen ist klar, was genau mit der amerikanischen Kiosk-Lösung gemeint war. Am Dienstag stellte das mit Rupert Murdochs News Corp auf fünf Partner erweiterte Verlagsbündnis seine Pläne vor, ein neues E-Book-Format in Konkurrenz zu Amazons Kindle zu entwickeln. Geplant ist demnach ein Dateiformat, das Handys, Netbooks und E-Book-Lesegeräte bedienen soll - so lange diese zur Darstellung farbiger Seiten in der Lage sind. Denn das ist der Clou an dem geplanten Format: Es soll einen eigenen Standard zur Darstellung schick gestalteter Seiten setzen.

Wer jetzt "PDF" denkt, läge richtig, wenn es sich nur um die Darstellung statischer Seiten ginge, doch die fünf Verlage wollen mehr: Was ihnen vorschwebt, ist mehr eine Art Harry Potter plus PDF - ein Format, das schön und aufwendig gestaltete Seiten darstellen kann, aber auch Videos, Spiele und andere Interaktivitäten einbinden. So wie die Zeitungen in den Harry-Potter-Büchern und Filmen, aus deren Abbildungen die Fotografierten schon mal gern den Lesern zuwinken. Für das zum Time-Konzern gehörende Magazin "Sports Illustrated" wurde erst kürzlich das folgende Demonstrationsvideo produziert - so könnte das interaktive Lesen auf den Flachrechnern der Zukunft vielleicht aussehen.

Der Gedanke dahinter: Die Vermarktungsmöglichkeiten, die sich das Online Publishing mühsam erschlossen hat, mit in die Welt der mobilen Lesegeräte zu nehmen. Denn bisher, machte kürzlich der Medienunternehmer Rupert Murdoch klar, biete etwa Amazons Kindle tolle Möglichkeiten, ein Buch zu lesen - für das Lesen von Nachrichteninhalten aber sei das Gerät weniger geeignet.

Eigeninitiative ist Selbstverteidigung

Ihn mag auch wurmen, dass Amazon angeblich zwei Drittel der monatlichen Kindle-Abo-Gebühren einstreicht, die Leser für Murdochs "Wall Street Journal" berappen. Wie einst im Falle von Apples iTunes, das bis heute den Markt für Musik-Downloads derart dominiert, dass Apple der Musikindustrie seine Bedingungen und Preise diktieren kann, geht es bei dem Entwicklungsprojekt also auch darum, zu verhindern, dass wieder einmal ein Branchenfremder die Standards in einem keimenden Markt setzt - und die Inhalteanbieter dieses Marktes in eine Abhängigkeit geraten.

Das Fünferbündnis steht nicht allein mit seinen Versuchen, digitale Inhalte zu monetarisieren. Es tritt in den USA in Konkurrenz zu E-Paper-Kiosk-Lösungen wie Zinio , einer Art Magazin-Grossist, der die Produkte von angeblich rund 350 Verlagen vertreibt. Während Zinio von einem branchenfremden Investor betrieben wird, engagiert sich beispielsweise Time Inc., selbst Mitglied des Fünferbündnisses, auch mit seinem eigenen Kiosk Maghound  im E-Paper-Markt.

Kein Verlag weltweit hat mehr Erfahrung mit solchen digitalen Kiosk-Lösungen als Time. Die Pathfinder-Seite des amerikanischen Großverlages war eines der ersten kommerziellen Inhalteportale überhaupt, als es 1994 im Web erschien. Als Pool-Lösung zur Präsentation aller Magazine des Verlagshauses genoss die Seite ein, zwei Jahre mediale Aufmerksamkeit, aber kaum Erfolg bei den wenigen Lesern, die sich damals ins Netz verirrten - für die war der direkte Besuch beim "Time Magazin" weit naheliegender als der Besuch im Kiosk.

Pathfinder vegetierte noch einige Jahre vor sich hin, bis es im April 1999 eingestellt wurde. Dass Seiten wie Pathfinder in dieser Frühzeit des Onlinepublishing eben keinen Weg fanden, Geld für Inhalte zu verlangen, wird heute als eine der Ursachen der derzeitigen Misere gesehen. Nicht nur das noch namenlose Bündnis der fünf US-Verlage scheint entschlossen, diesen Fehler im mobilen Markt nicht zu wiederholen.

pat/AP
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