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23. November 2018, 18:02 Uhr

WLAN oder Mobilfunk

Autobranche streitet über vernetztes Fahren

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Industrie-Allianzen um BMW und VW sind sich uneins über die Zukunft des vernetzten Fahrens. In der Debatte spielt nach SPIEGEL-Informationen auch der neue Mobilfunkstandard 5G eine entscheidende Rolle.

Autohersteller schwärmen gern von den Vorzügen des vernetzten Fahrens: Künftig sollen sich Autos etwa gegenseitig vor Glätte oder Hindernissen warnen - und sogar mit Ampeln und Verkehrsschildern kommunizieren. Es geht bei diesem schnellen Datenaustausch vor allem um eine bessere Verkehrssicherheit und weniger Unfälle. Zudem könnte eine intelligente Vernetzung dazu beitragen, Sprit zu sparen, durch grüne Ampelwellen schneller voranzukommen und Emissionen zu senken.

Für diese schöne neue und vernetzte Autowelt sollten die Vehikel und die Verkehrsinfrastruktur allerdings eine gemeinsame Sprache sprechen. Doch die Industrie ist uneins, mit welchem technologischen Standard die Daten hin- und hergesendet werden sollen: per WLAN oder Mobilfunk.

In Kürze will die EU-Kommission dazu Vorgaben machen, deshalb kommt nun Bewegung in einen Streit, der die deutsche Automobilindustrie entzweit.

Mobilfunk oder WLAN als Basis?

Unternehmen wie BMW, Daimler und Deutsche Telekom setzen auf eine Lösung auf Mobilfunkbasis, die aktuell noch mit LTE und bald auch mit dem schnelleren Nachfolger 5G funktionieren soll. Der von der EU aktuell favorisierte Standard hingegen basiert auf einem WLAN-Verfahren.

"Diese Technologiefestlegung verlangsamt den Aufbau des zukünftigen 5G-Netzes und hemmt die Ausrollung höherer Automatisierungsstufen in Europa", heißt es dazu in einem internen BMW-Argumentationspapier, das dem SPIEGEL vorliegt. Zudem benötige die auf WLAN basierende Lösung eine "eigene kostenintensive Infrastruktur", die anders als bei dem vielseitigeren 5G-Standard allein für den Straßenverkehr nutzbar sei. Insofern passe die geplante Festlegung der EU nicht zu den aktuellen 5G-Plänen und Zielsetzungen der Bundesregierung, heißt es in dem BMW-Sprechzettel weiter.

Die Gegenposition wird in Deutschland von VW angeführt, das den eigenen Favoriten gerade in Zusammenarbeit mit Siemens an Wolfsburger Kreuzungen testet und weiterentwickelt. Man habe sich 2016 entschieden, den WLAN-Standard einzuführen, heißt es dazu in Wolfsburg, mittlerweile setzten ihn neben VW selbst auch Renault, GM und Toyota in Serienfahrzeugen ein. Im kommenden Jahr will VW den Standard auch serienmäßig in Modellen mit hohem Verkaufsvolumen verbauen.

Bei VW ärgert man sich

Bis 2017 hätten praktisch alle Premiummarken die WLAN-Lösung unterstützt, ärgert man sich in Wolfsburg. Als der gemeinsam abgestimmte Einführungstermin näherrückte, hätten "einzelne Hersteller intern andere Entscheidungen" getroffen. "Wir sehen es mit Bedauern, dass nicht mehr alle Hersteller an den gemeinsam getroffenen Vereinbarungen festhalten", sagt ein VW-Sprecher.

Die Konkurrenz aus Bayern hingegen hält den Mobilfunk für vielseitiger, leistungsfähiger und zukunftssicherer. Bei BMW verweist man dazu auch auf eine aktuelle Untersuchung der 5G-Auto-Lobbyallianz "5GAA", wonach der Mobilfunkstandard seinem Konkurrenten in mehreren Belangen überlegen sei - beispielsweise soll er weniger störanfällig für Interferenzen sein, wenn mehrere Geräte parallel betrieben würden.

Auch der Branchentrend in den wichtigen Märkten USA und China weise in diese Richtung, heißt es. "Wenn Europa sein Ziel ernst meint, ein Leitmarkt für vernetzte und automatisierte Fahrzeuge werden zu wollen, muss es die 5G-Technologie schnell umsetzen", sagt BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich.

Für eine Kompromisslösung plädiert Ilja Radusch, Experte für vernetztes Fahren bei der Forschungseinrichtung Fraunhofer Fokus. "Die EU-Kommission sollte bei ihrer anstehenden Entscheidung nur die allgemeinen Ziele festschreiben und nicht den konkreten technischen Weg dorthin", sagt er. "Immerhin geht es um mehr Verkehrssicherheit. Ich persönlich würde sogar gern beide Systeme in jedem Auto sehen, falls eines in einer Gefahrensituation schneller ist als das andere."

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