Verschwörungstheorien auf YouTube Hass ist Geld

Auf YouTube dürfen extreme, menschenverachtende Verschwörungstheorien blühen. Denn das Unternehmen hat in deren Fans das perfekte Publikum gefunden.

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Monika Skolimowska/DPA

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Eine Kolumne von


Vor wenigen Tagen tötet* sich ein Mann, der seit dem 14. Dezember 2012 kaum fassbare Qualen erdulden musste. Soziale Medien, speziell YouTube, tragen meiner Ansicht nach eine Mitverantwortung daran. "Bloomberg" schreibt, dahinter dürfte eine Mischung aus Menschenverachtung und Geldgier stehen.

Der Mann, der es nicht mehr aushielt, heißt Jeremy Richman. Ein Amokläufer erschießt 2012 seine siebenjährige Tochter bei dem Massenmord an der Grundschule Sandy Hook. Nur wenige Leute können ermessen, was das bedeutet, wie man danach überhaupt weiterlebt, aber für Richman war der Mord an seiner Tochter der Beginn eines zweiten Martyriums. Und das liegt an den extremen, menschenverachtenden Verschwörungstheorien, die in sozialen Medien und speziell auf YouTube blühen. Und über viele Jahre absichtlich blühen gelassen wurden.

YouTube, die Engagement-Maschine

Die zentrale Botschaft des "Bloomberg"-Artikels steht in der Überschrift: "YouTube-Manager ignorierten Warnungen und ließen toxischen Videos freien Lauf". Der Grund für diese aktive Entscheidung der Verantwortlichen lässt sich leicht erraten, aber "Bloomberg" hilft beim Raten: "Vorschläge zur Änderung der Empfehlungen und zur Reduktion von Verschwörungstheorien wurden dem Engagement geopfert."

Sascha Lobo: der Debatten-Podcast #87 Verschwörungstheorien auf YouTube: Hass ist Geld

Engagement ist in der Marketingwelt sozialer Medien eine wichtige Währung, das Wort bezeichnet Umfang und Intensität der Interaktion mit digitalen Inhalten. Wer Werbung schaltet, möchte, dass sie gesehen wird und wirkt. Hohes Engagement wird als Zeichen dafür verstanden, dass der Inhalt für das Publikum relevant ist. YouTube hat schon früh festgestellt, dass mehr Engagement mehr Geld bringt und mithilfe umfangreicher Tests die Plattform zur Engagement-Maschine umgebaut.

Eine Erkenntnis aus den Experimenten war, dass die Empfehlungen für den nächsten Videoclip zu den besten Mitteln gehören, um die Leute so lange wie möglich auf der Seite zu halten. Diese Empfehlungen gibt es seit 2012.

Ende 2014 testete YouTube zudem die Autoplay-Funktion, damit werden die empfohlenen Videos automatisch abgespielt, wenn das vorher betrachtete endet. Seit März 2015 ist Autoplay voreingestellt. Experten schätzen die offiziell nicht gesondert ausgewiesenen YouTube-Einnahmen 2018 auf fünfzehn Milliarden Dollar, das entspräche einer Verdreifachung seit 2015.

Rechtsextreme Verschwörungstheorien

Was das alles mit Jeremy Richman zu tun hat? Er wird nach dem Verlust seiner Tochter von wildfremden Menschen attackiert. Per Post, mitunter live, aber vor allem in sozialen Medien. Unter Rechten und Rechtsextremen kursiert die Verschwörungstheorie, der Amoklauf von Sandy Hook habe gar nicht stattgefunden, es handele sich um eine Inszenierung linksextremer Behörden und der Lügenpresse. Linksextreme Behörden hört sich in den USA so grotesk an wie in Deutschland, aber eine bestimmte Klientel glaubt das bereitwillig. Fanatische, rechte Waffenbesitzer sind überzeugt, dass die Inszenierung von Massenschießereien der Stimmungsmache dient, damit strengere Waffengesetze erlassen werden können. Sie fantasieren herbei, dass Leute wie Jeremy Richman "crisis actors" seien, "Krisen-Schauspieler", bezahlt von Regierung oder Medien. Und damit Feinde, die bekämpft werden müssen.

Wenige Wochen nach dem Massenmord an 20 Grundschulkindern und sieben unschuldigen Erwachsenen erreicht ein YouTube-Video über Sandy Hook mehr als acht Millionen Views. Es wird von Alex Jones verbreitet, ist voller kruder Schlussfolgerungen und manipuliertem Videomaterial. Es mündet in der "crisis-actors"-Verschwörungstheorie.

Alex Jones ist die prominenteste Figur der rechtsextremen Verschwörungstheoretiker in den USA. Seine wichtigste Plattform neben der eigenen Seite war YouTube. 2017 verbreitete er dort, dass eine große Verschwörung aus Pharmaindustrie, Regierung und Medien Chemikalien ins Wasser leite, um männliche Frösche schwul werden zu lassen, der Testlauf einer "gay bomb", die schließlich auch Menschen homosexuell machen solle. Und wieder und wieder propagiert Jones auf YouTube solche Verschwörungstheorien wie jene, die Jeremy Richman das Leben zur Hölle nach der Hölle machten.

Die Technosoziologin Zeynep Tufekci beschreibt im März 2018 YouTube als "große Radikalisierungsmaschine". Vorschlagsfunktion und Autoplay führten in immer schlimmere Tiefen: "YouTube leitet Zuschauer herunter in eine Parallelwelt des Extremismus, während Google die Werbeeinnahmen einfährt."

Erweckungserlebnisse auf YouTube

Mitte November 2018 findet in Denver eine Konferenz der "Flat Earthers" statt, der Leute, die glauben, die Erde sei eine Scheibe. Einer der Konferenzredner sagt, ein Flat Earth-Video hätte ihn "aufgeweckt.… Es kam auf Autoplay. Ich habe gar nicht aktiv nach Flat Earth gesucht." Einige Zeit zuvor hatte er Alex-Jones-Videos gesehen.

Guillaume Chaslot arbeitete bei YouTube an der Software, die die Empfehlungen errechnet, vor allem anhand des "Engagements". Ende November 2018 beschreibt er, wie Flat Earth und andere Verschwörungstheorien durch die Empfehlungen von YouTube verstärkt werden. Leute, die ein "Erweckungserlebnis" wie bei den Flat Earthern auf YouTube erleben, neigen dazu, Hunderte Videos zu schauen und zu liken und dabei in den Kommentaren den anderen Verschwörungstheoretikern von ihrer soeben erfolgten Erweckung zu erzählen. Solche Leute sind das absolute Traumpublikum in Sachen Engagement. Wut, Hass, Lügen sind ja auch "Engagement".

Schon länger bekannt ist, dass YouTube eine wichtige Rolle bei der Propagandaverbreitung des "Islamischen Staats" spielte. Auch frühere Rechtsextremisten sagen, dass YouTube von zentraler Bedeutung für ihre Radikalisierung war. Ex-Googler Chaslot weist darauf hin, dass die Empfehlungssoftware, an der er mitarbeitete, sogar den Brexit begünstigte. "Streit und Entzweiung erhöhen die Zuschauerzeit, und mehr Zuschauerzeit ergibt mehr Anzeigen." Also mehr Geld.

Rekordumsatz erwartet

Sechs Jahre nach dem Mord an seiner Tochter ist Jeremy Richman am Ende. Er hatte mit anderen Eltern ermordeter Kinder Alex Jones verklagt. Der Hass, die Angriffe wurden noch stärker, er erhielt immer wieder Todesdrohungen. Tage vor seinem Suizid töteten sich zwei Teenager, die das Parkland-Shooting überlebt hatten. Auch sie wurden auf YouTube immer wieder als "crisis actors" beschimpft und in sozialen Medien bedroht.

Am 25. März 2019 tötete sich Jeremy Richman. Am 29. März behauptete Alex Jones in einem Gerichtsverfahren, er sei Opfer einer Psychose, deshalb habe er die Verschwörungstheorien über Sandy Hook verbreitet. YouTube entschied sich erst im August 2018, Alex Jones zu sperren.

Am 31. März endete das erste Geschäftsquartal. Das Ergebnis von YouTubes Mutterkonzern Alphabet wird demnächst bekannt geben, Experten erwarten für die ersten drei Monate des Jahres 2019 einen Rekordumsatz von etwa 37 Milliarden Dollar.


*Die Polizei geht von einem Suizid aus, deshalb tue ich das hier auch. Da die Untersuchungen offenbar noch andauern, kann ein Gewaltverbrechen noch nicht definitiv ausgeschlossen werden.



insgesamt 109 Beiträge
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spon_4_me 03.04.2019
1. Herr Lobo
beschreibt an zahlreichen Beispielen etwas, das mir sehr vertraut vorkommt: Youtube ist das Tor zu einem Sumpf, der in eine Kloake, die in die Hölle mündet. Google ist die in meinen Augen größte Bedrohung unserer auf Zusammenwirken und Zusammenarbeiten angewiesenen Gemeinschaft. Nur: Welche Vorschläge haben Sie, Herr Lobo? Beschreiben und Anprangern ist wichtig, aber in meinen Augen haben fachkundige Journalisten auch die Aufgabe, gegen die Googlokratisierung mit derselben Energie vorzugehen wie gegen die vermeintliche Gefahr von rechts. Hier ein paar Vorschläge: Macht Google/Alphabet für den Inhalt ihrer Platformen verantwortlich, so wie eine Zeitung für ihre Inhalt oder von mir aus ein Supermarkt für die Inserate auf dem Nachbarschaftsbrett verantwortlich sind. Legt denen Bußgelder auf, die wehtun. Etabliert eine unabhängige - aber von den Tech-Konzernen durch Abgaben bezahlte - Stelle, an die sich jeder Betroffene wenden kann und die innert Stunden oder Tagen über Löschung oder Sperrung von Beiträgen entscheidet.
njäh 03.04.2019
2. und jetzt?
Lobo skizziert hier einen ziemlich perfiden Zusammenhang, den man sich nicht wünschen kann, aber was ist jetzt die Schlussfolgerung? Sollen wir - analog zur Holocaust-Leugnung - verbieten, Gerüchte in die Welt zu setzen oder reicht es, wenn das Ultima Ratio bleibt? Ist das ein Appell an Alphabet, eine milde Gabe an die Opfer auszuschütten? YouTube blendet angeblich schon Links zu Wikipedia ein, wenn man hanebüchenes Zeug guckt - das habe ich selbst noch nicht gesehen, könnte aber auch daran liegen, dass ich entsprechende Videos nicht schaue. Vielleicht dominiert aber auch der Wunsch, eine aus User-Sicht schöne Erfahrung mit dem Produkten von Alphabet zu machen und es ist das Erfolgsgeheimnis von Google und Co. Würde die sich ihr Geschäft kaputt machen, indem sie belehren und mehr als erzwungen "zensieren". Früher konnte man mal Antworten auf Videos hochladen und dem Quatsch contra geben. Vielleicht führen die das ja mal wieder ein.
jaques_de_molay 03.04.2019
3. Natürlich
Natürlich ist alles Skandalbehaftete" oder Absurde wesentlich interessanter, als die schöne heile Welt. Keiner will zwei Leute beim Kuscheln zusehen, wenn aber das Kolosseum wieder eröffnen würde, wären die Karten auf 100 Jahre im vorraus ausverkauft. Das ist eben unsere Natur. Allerdings sind die vorgestellten Thesen schon sehr...ähh..ja, speziell. Zudem werden da wohl Personen geradezu schon gestalkt, da dürfte die Grenze zur Strafbarkeit ja durchaus überschritten worden sein. Aber dummes Zeug verbreiten sollte generell erlaubt sein, unterhalb der Grenze zur Beleidigung bin ich für eine absolute Meinungsfreiheit.
mythoughts 03.04.2019
4. Ratlos
Die Klagen über die Verbreitung von Hass, Häme und Fake News über Youtube oder andere Social Media Kanäle lese und höre ich jetzt seit Jahren. Glücklicherweise trifft mich das Problem persönlich nur wenig, da ich an diesen Orten des Internets wenig unterwegs bin. Dennoch sehe ich das Problem, und es lässt mich ratlos: Gegen Beleidigung, üble Nachrede etc. gibt es die einschlägigen Paragraphen des Strafgesetzbuchs. Die wären gegebenenfalls anzuwenden. Doch was macht man gegen Fake News? Wie stellt man die fest? Wo endet die Meinungsfreiheit? Brauchen wir ein Wahrheitsministerium? Doch wohl eher nicht. Der beste persönliche Schutz wäre demnach, diesen garstigen Seiten fern zu bleiben. Ich mache das schon seit langem und darf vermelden: Es tut nicht weh.
Nonvaio01 03.04.2019
5. und?
ich hab einige Videos von Jones gesehen, der typ ist wirklich daneben, kluge menschen merken das aber relativ schnell. Ein klassiker ist "the Obama deception" da wird davon geredet das Obama die USA in ein totaliaeren Staat verwandeln will.... Flat Earth....und was solls, es gibt leute die glauben an Gott, ich sehe da keinen unterschied, jeder kann glauben was er will, wer will kann fakten ausblenden oder sonstiges. Ich hab mit leuten der Flat Earth fraktion gesprochen, egal welches argument man bringt, es ist nutzlos, also darueber lachen und gut ist. Morddrohungen sind auch in den USA strafbar, genauso verleumdnung. Die NRA leute: den kann man eh nicht helfen, die haben auch nie geglaubt was in den zeitungen war, wenn dort ein artikel ueber eine schiesserei in einer schule war, das hat mit YT nun wirklich nichts zu tun.
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