Patrick Beuth

YouTube und die Verschwörungstheorien Die Drecksarbeit wird an Freiwillige outgesourct

Mit Wikipedia-Auszügen neben Videos zur Mondlandung oder "Chemtrails" will YouTube gegen Verschwörungstheorien angehen. Eine billige, undurchdachte Maßnahme der Plattform, die zu einem milliardenschweren Konzern gehört.
Screenshot aus dem Video eines Verschwörungstheoretikers zur Mondlandung

Screenshot aus dem Video eines Verschwörungstheoretikers zur Mondlandung

Foto: YouTube

"Wir sind kein Medienunternehmen" ist Silicon-Valley-Code. Er steht für: "Wir wollen auf gar keinen Fall Verantwortung dafür übernehmen, was unsere Nutzer mit unseren Plattformen anstellen - wir wollen damit nur Geld verdienen".

YouTube-Chefin Susan Wojcicki hat den codierten Satz diese Woche bei ihrem Auftritt auf dem Festival South by Southwest (SXSW) gesagt. Vor ihr taten das zum Beispiel schon Google-News-Chef Richard Gingras, Facebook-Boss Mark Zuckerberg und Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg.

Die Aufmerksamkeitsmaschinen müssen weiterlaufen

Die beiden Unternehmen - Facebook und die Alphabet-Holding, zu der Google und YouTube gehören - dominieren den Markt für Onlinewerbung, sie verdienen gigantische Summen. Alphabet verkündete zuletzt erstmals einen Jahreserlös von mehr als 100 Milliarden Dollar: 110 Milliarden, um genau zu sein . Bei Facebook waren es im selben Zeitraum 40 Milliarden .

Aber wenn es den Unternehmen darum geht, die schlimmsten Auswüchse ihrer immer weiter perfektionierten Aufmerksamkeitsmaschinen einzudämmen, soll das bitte möglichst wenig kosten. Facebook zum Beispiel hatte 2016 seine hausinternen Redakteure entlassen.  Seit Anfang 2017 lässt das Unternehmen professionelle Faktenprüfer in ausgesuchten Redaktionen Falschnachrichten entlarven - zunächst unbezahlt.

Später bekamen zumindest einige der Prüfer Geld  für ihre Mehrarbeit, das Outsourcing aber dürfte für Facebook immer noch erheblich billiger sein, als selbst professionelle Redakteure in aller Welt zu beschäftigen, die Falschnachrichten nicht nur neben ihrer regulären Arbeit und dementsprechend langsam überprüfen.

Unbezahltes Korrektiv

Der von Susan Wojcicki auf der SXSW mit wenigen Worten angekündigte Ansatz von YouTube, verschwörungstheoretische Videos mit Links auf die Wikipedia zu ergänzen, um dem mitunter gefährlichen Quatsch etwas entgegenzusetzen, ist auch so ein Versuch, die Drecksarbeit auszulagern. In diesem Fall an die freiwilligen Wikipedia-Autoren, die ganz sicher nicht darum gebeten haben, als unbezahltes Korrektiv für eine Plattform herzuhalten, die mit extremen Inhalten  extrem viel Geld verdient. YouTube hat sich nicht einmal die Mühe gemacht , Wikipedia oder die dahinter stehende Wikimedia Foundation vorab über den Plan zu informieren.

Das Wegdelegieren der Wahrheitsfindung von einer Plattform mit nutzergenerierten Inhalten zur nächsten ist auch aus einem anderen Grund ein fragwürdiger Schritt: Nichts dürfte entschlossene Verschwörungstheoretiker und Propagandisten davon abhalten, nach dem Hochladen ihrer Videoclips immer wieder die passenden Wikipedia-Einträge zu editieren und sie so zumindest zeitweise - nämlich bis zur Korrektur - nutzlos zu machen. Oder gar nützlich für die eigenen Zwecke.

Wenigstens soll die Verlinkung zu Wikipedia nur ein erster Schritt von YouTube sein, weitergehende Informationen zu den Videos auf seiner Seite zu liefern. Aber er wirkt dermaßen dreist und undurchdacht, dass YouTube ihn sich auch gleich sparen könnte.

Update: Diesem Artikel wurde nachträglich die Reaktion der Wikimedia Foundation hinzugefügt, außerdem wurde im vorletzten Absatz ein sprachlicher Fehler beseitigt.

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