Verzicht auf Google Es geht auch ohne

Google ist überall: Der Internetgigant organisiert das Wissen der Welt, lockt Nutzer mit hilfreichen Web-Anwendungen - und sammelt immer mehr persönliche Daten. Wer das nicht will, sollte Alternativen nutzen. SPIEGEL ONLINE zeigt, wo sich der Wechsel lohnt und wie er funktioniert.
Protest gegen Google: Das Internet ist mehr als der Suchmaschinen-Gigant

Protest gegen Google: Das Internet ist mehr als der Suchmaschinen-Gigant

Foto: KIMBERLY WHITE/ REUTERS

Google wird immer mächtiger: In Europa liegt der Marktanteil der Internetsuchmaschine bei über 90 Prozent, immer mehr Teilmärkte werden von dem US-Konzern erobert. Dabei gibt es für alle Anwendungen Alternativen, reichlich Mitbewerber, die vielleicht nicht immer alles bieten können, was Google zu bieten hat - viele Dinge aber sogar besser können. Und es gibt reichlich Gründe, durch Nutzung der Konkurrenz das Geschäft zu beleben. Zwar ist Googles Firmenmotto "Tue nichts Böses", doch tatsächlich hat das Unternehmen durch seinen Datensammeleifer einen Informationsschatz mit erheblichem Missbrauchspotential angehäuft. Vor allem die Querverbindungen zwischen den verschiedenen Daten sind schon jetzt höchst problematisch.

Denn das Such- und Werbeunternehmen knüpft ein immer dichteres Netz aus nützlichen Anwendungen, die Internetnutzer zur Preisgabe von immer mehr persönlichen Daten verführen. Google protokolliert nicht nur, wer von welcher Internetadresse aus nach welchen Begriffen fahndet. Über eindeutige Identifikationsnummern, die Google in sogenannten Cookies direkt bei den Nutzern ablegt, bekommt das Unternehmen eine Fülle weiterer Informationen - und das nicht nur, wenn man auf Googles Seiten und Anwendungen herumklickt.

Die Cookies werden immer dann ausgelesen oder gespeichert, wenn man auf einer Seite mit Werbung surft, die Google vermittelt hat. Auch jedes angeklickte YouTube-Video führt zur Identifizierung. Und selbst auf werbefreien Seite ist man vor Google nicht sicher: Viele Website-Betreiber lassen ihre Besucher von einem Google-Programm zählen. Wenn man dann noch bei Google Mail, YouTube, Blogger und Co. eingeloggt ist, kann Google die Surf-ID einem Nutzerprofil zuordnen - und damit einem Namen.

Automatisch die Gesichter von Personen erkennen

Wenn es nur das wäre. Google-Entwickler arbeiten an immer ausgefeilteren Techniken, mit denen sie Inhalte erschließen und menschliches Verhalten analysieren können. Nur ein paar Beispiele: Der Bilderdienst Picasa kann automatisch die Gesichter von Personen erkennen. YouTube hört, was in Videos gesagt wird und blendet den Text als Untertitel ein. Natürlich bietet Google in den USA längst auch Telefondienste an.

Es geht noch weiter: Ausgehend von den Kontakten aus Mail, Buzz und, wenn vorhanden, dem öffentlichen Google-Profil analysiert Google, mit wem man über welche Ecken bekannt ist. Hat man in seinem öffentlichen Profil auch Twitter- oder FriendFeed verlinkt, werden die öffentlich zugänglichen Kontaktlisten gleich mitgespeichert. Im sogenannten Social Circle, einer Erweiterung der ganz normalen Web-Suche, anhand derer relevantere Suchergebnisse gefunden werden sollen, können locker einige hundert Kontakte auftauchen , ohne dass man die da jemals hinterlegt hätte - Freunde, Verwandte, jeder, mit dem man öfter kommuniziert, und deren Kontakte (bisher nur im englischsprachigen Dienst).

Die Google-Cookies kann man aussperren, die personalisierte Werbung unterbinden - nur was ist mit den nützlichen und allgegenwärtigen Google-Anwendungen? Wer sich dem Konzern partout nicht offenbaren will, kann auf Alternativen zurückgreifen.

SPIEGEL ONLINE zeigt, wie man Google entkommt:

Andere Suchmaschinen nutzen

Fotostrecke

Bing, Yahoo, Google: Hier geht's lang

Die Google-Suche ist praktisch - und sie denkt mit: Angenommen, man möchte ins Kino gehen. Bei Google erhält man nach Eingabe des Filmtitels und der eigenen Stadt schon in den Suchergebnissen Kinos und Uhrzeit angezeigt. Das kann die Konkurrenz noch nicht: Hier kommt man zum Ziel, wenn man den Namen der Stadt und das Stichwort "Kinoprogramm" kombiniert. Ein Klick mehr, ein wenig umständlicher als Google - doch was wiegt schon das bisschen mehr an Komfort gegenüber der Gewissheit, der vermeintlichen Datenkrake zu entkommen? Na bitte.

Abgesehen von solchen Spezialfällen muss sich die Konkurrenz, allen voran die Suchmaschinen von Yahoo und Microsoft, nicht vor Google verstecken. Bei der Suche nach Web-Seiten, Bildern und Videos kann Microsofts Bing  durchaus mithalten und liefert brauchbare Ergebnisse. Auch eine Kartenfunktion mit Routenplaner und Satellitenbildern bietet Bing an. Auch Yahoo hat an seiner Suche gefeilt, bietet Zusatzdienste an und sackt im Vergleich zu Google nicht völlig ab - doch haben Bing und Google die schöneren Satellitenbilder eingekauft.

Wenn die Google-Suche schon in den Browser eingebaut ist, zum Beispiel bei Mozillas Firefox, lässt sich auch das schnell ändern: In Firefox kann man mit einem Klick auf das Google-Symbol links neben dem Eingabefeld eine andere Suchmaschine auswählen. Beim Internet Explorer öffnet man mit einem Klick auf den Pfeil links neben dem Suchfeld ein ähnliches Menü. Nicht aufgeführte Anbieter lassen sich über "Suchstandard ändern" (Internet Explorer) bzw. "Suchmaschinen verwalten" (Firefox) hinzufügen.

Ersatz für Google Mail, Docs und Co.

E-Mail

Mehrere Gigabyte Speicherplatz, ein schnelles Web-Interface und funktionierende Spamfilter - als Googles Maildienst vor fünf Jahren startete, sah die Konkurrenz plötzlich sehr blass aus. Doch seitdem haben sich die kostenlosen Mailer berappelt, ihre Interfaces poliert und Funktionen aufgebohrt.

"Yahoo! Mail"  bietet sogar unbegrenzten Speicherplatz an und hat eine Reihe nützlicher Zusatzfunktionen. So ist zum Beispiel der Dienst drop.io schon integriert, mit dem sich auch Dateien von 100 MB Größe an Empfänger mit kleinem Postfach verschicken lassen.

Der Wechsel einer Mailadresse ist leider nicht ganz trivial: Wer Monate oder gar Jahre lang eine bestimmte Adresse verwendet und sich mit dieser bei diversen Diensten, Shops und Plattformen im Web registriert hat, vor dem liegt einiges an Arbeit: Die Profile müssen mit der neuen Mailadresse auf den neuesten Stand gebracht werden.

Oder aber man leitet die Mails von der alten Google-Mailadresse zum neuen Account weiter. Das lässt sich über "Einstellungen - Weiterleitung" einrichten. Dort kann man eine Mailadresse angeben, an die eine Kopie sämtlicher E-Mails geschickt wird. Wer nicht will, dass die Mails bei Google weiter archiviert werden, kann sie danach automatisch löschen lassen. Eine genaue Anleitung gibt es bei Google . Doch Vorsicht: Nach neun Monaten ohne Aktivität werden Accounts stillgelegt.

Textverarbeitung und Tabellen

Um Texte, Tabellen und Präsentationen zu erstellen, braucht man mittlerweile keine Software mehr auf dem eigenen Rechner zu installieren. Web-Applikationen bieten grundlegende Funktionen im Browser an - auch Google hat eine eigene Office-Suite im Netz. An den Online-Dokumenten können gleich mehrere Nutzer arbeiten, und es lassen sich Versionen und Zugriffsrechte kontrollieren.

Doch so praktisch das Online-Office von Google auch ist - Konkurrent Zoho  bietet sogar noch mehr Funktionen an, ebenso kostenlos, ebenso komfortabel. Der Umstieg ist denkbar einfach: Zoho kann auf Google Docs zugreifen und sich die Dateien einfach rüberholen.

RSS-Reader

Mit einem Newsreader kann man Web-Seiten und Nachrichten abonnieren - eine praktische, zeitsparende Funktion. Um RSS-Feeds sinnvoll nutzen zu können, benötigt man ein Programm, das die Feeds nicht nur darstellen, sondern auch verwalten kann. Bei Google heißt diese Web-Anwendung Reader - und mit Bloglines gibt es eine starke und ebenso komfortable Konkurrenz .

Für den Umstieg kann man seine Abonnements aus Google Reader exportieren und bei Bloglines wieder importieren. Dazu klickt man im Reader rechts oben auf die Einstellungen, wählt Import/Export und speichert sich die Abos als OPML-Datei auf dem heimischen Rechner. Dieses universelle Austauschformat können andere RSS-Reader lesen.

Bilder

Wer seine Fotos mit Freunden teilen möchte und nur ein paar grundlegende Bildbearbeitungsfunktionen benötigt, dem bietet Google seine Bilder-Software Picasa an. Gesichtserkennung und Geo-Tagging inklusive.

Wer auf die automatische Menschen-Identifizierung und auf Google verzichten möchte, ist zum Beispiel bei Flickr  gut aufgehoben. Der Yahoo-Bilderdienst bietet umfangreiche Funktionen, hat einen einfachen Bild-Editor integriert und ein soziales Netzwerk mit aktiver Community gleich mit dabei. Das kann man nutzen - oder seine Aufnahmen auch nur Freunden zur Verfügung stellen. Besonders praktisch ist allerdings: Flickr ist eine reine Web-Anwendung.

Der Umstieg fällt leicht: Die von Picasa auf dem heimischen Computer geordneten Bildern lassen sich einfach bei Flickr hochladen. Nur bei größeren Bildsammlungen wird das ein Problem, Flickr erlaubt pro Monat 100 MB Upload. Von dieser Begrenzung kann man sich freikaufen - und auch Flickr bietet eigene Desktop-Programme, mit denen der Upload noch leichter von der Hand geht.

Schneller browsen ohne Chrome

Fotostrecke

Opera 10: Der ewige Herausforderer

Für eilige Internetsurfer hat Google einen besonders schnellen und schlanken Browser entwickelt: Chrome. Das Google-Geschoss ist mittlerweile in der vierten Version erschienen, versteht aktuelle Web-Standards wie HTML5 und glänzt vor allem durch Geschwindigkeit. Doch der Google-Browser dient nicht nur als Navigator mit eingebauter Google-Suchmaschine - er sammelt auch wertvolle Daten über das Surfverhalten. Dazu bindet Chrome Web-Nutzer noch enger an Google:

  • Tippt man etwas in die Adresszeile, ob nun einen Suchbegriff oder eine URL, wird schon während der Eingabe eine Google-Suche gestartet.
  • Wenn Seiten nicht aufgerufen werden können, wird man automatisch zu Google geschickt und bekommt dort beispielsweise andere Schreibweisen vorgeschlagen.
  • Der standardmäßig eingeschaltete Phishing- und Malwareschutz gleicht die angesurften Adressen mit einer Datenbank betrügerischer Web-Seiten ab - die natürlich auf Google-Servern liegt.
  • Jede Chrome-Installation bekommt eine eindeutige Identifikationsnummer, mit der Google die erfolgreiche Installationen zählen und auf Updates hinweisen kann. Erst seit der neuesten Version 4.1 verzichtet das Unternehmen auf die ID.

Als Alternative bietet sich der beliebte Firefox von Mozilla an, eine Open-Source-Entwicklung, bei der jeder mitmachen kann und aller Quellcode frei verfügbar ist. Doch in Sachen Geschwindigkeit kann Firefox nicht ganz mithalten - der kostenlose Browser, dessen Entwicklung von Google auch mit Geldspenden unterstützt wird, lahmt derzeit im Vergleich zu Chrome.

Weniger bekannt, doch umso schneller ist der ebenso kostenlose Browser Opera . Das in Norwegen entwickelte Programm kann alles, was moderne Browser auszeichnet. Einige Funktionen - zum Beispiel CSS oder die Schnellwahl häufig besuchter Seiten - hat Opera sogar schon deutlich länger als die Konkurrenz. Die neuesten Web-Standards HTML5 und CSS3 werden unterstützt, der Browser fügt sich perfekt in die Windows-Oberfläche ein, Maus-Bewegungen werden erkannt. In der aktuellen Version 10.5 macht die JavaScript-Engine mächtig Tempo - und sichert Opera einen der vorderen Plätze beim Browser-Geschwindigkeitsrennen.

Personalisierung der Werbung abschalten

Fotostrecke

Internet-Schnüffler: Sicherer Umgang mit Cookies

Werbung, Suchergebnisse, Vorschläge: Bei Google soll alles personalisiert, auf den einzelnen Benutzer zugeschnitten, passgenau auf die Interessen abgestimmt werden. Das ist praktisch für die Werbekunden und womöglich auch den Nutzer - doch um zielgenaue Anzeigen und Trefferlisten ausgeben zu können, muss Google möglichst viele Daten einsammeln und auswerten. Dazu speichert Google Cookies auf den Rechnern seiner Nutzer, mit denen diese sich eindeutig identifizieren lassen. Diese Cookies lassen sich abschalten:

Die interessenbasierte Werbung lässt sich auf dieser Google-Seite deaktivieren , auf dieser Seite auch die der Google-Tochter Doubleclick .

Hier erfahren Sie mehr über die diversen Cookies, die Google-Dienste speichern wollen, und wie man sich gegen sie zur Wehr setzt.

Google Analytics aussperren

Wer sich vor Google drücken will, muss nicht nur auf Google-Produkte verzichten: Man muss auch dafür sorgen, dass man von einem Google-Programm nicht unbemerkt beobachtet wird. Viele Web-Seiten, die rein gar nichts mit Google zu tun haben, zählen ihre Besucher und Klicks mit dem Zählprogramm Google Analystics.

Wenn man eine solche Seite aufruft, wird gleichzeitig eine Verbindung zum Google-Server hergestellt und ein Cookie auf dem heimischen Rechner gespeichert. Weil auf vielen Seiten Google Analytics verwendet wird, kann der Suchgigant - zumindest theoretisch - ablesen, welche Seiten ein- und derselbe Nutzer besucht hat. Wer partout auf Google verzichten will, kann das Zählprogramm mit einem einfachen Eingriff aussperren. Dazu muss man nur in einer Systemdatei zwei Zeilen hinzufügen. Die Textdatei heißt "hosts", liegt in einem Verzeichnis im Windows-Ordner, und folgende Zeilen müssen eingefügt werden:

127.0.0.1 www.google-analytics.com
127.0.0.1 ssl.google-analytics.com

Damit werden alle Anfragen an Googles Analytic-Server auf die Adresse 127.0.0.1 umgelenkt - und dahinter verbirgt sich bloß der eigene Rechner.

Auf YouTube verzichten

Wer vollkommen auf Google verzichten will, muss auch YouTube goodbye sagen. Seit Oktober 2006 gehört das Videoportal zum Reich des Such- und Werbekonzerns. Zwar ist YouTube mit Abstand der Marktführer, laden Nutzer jede Minute mehr als 20 Stunden Videomaterial auf die Seite, doch gibt es im Web Dutzende Alternativen. Nicht zuletzt laufen Musikvideos auf MySpace , kunstvolle Kurzfilme auf Vimeo und so ziemlich alles auf Dailymotion  oder Metacafe  - um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wer seine eigenen Filme bei YouTube eingestellt hat, kann die Videos auch wieder als Quelldatei herunterladen - so klappt der Umstieg auf eine andere Plattform. Doch je nach Menge der Videos kann das einige Zeit in Anspruch nehmen. Bei der YouTube-Vermeidung gibt es aber noch ein ganz anderes Problem:

Die Clips von Googles Servern gibt es auch zum Mitnehmen - man kann sie in eigene Seiten und Blogs einbetten. Der Zugriff auf die Google-Server liefert nicht nur das Video, sondern auch Erkennungs-Cookies. Das ist die wahre Herausforderung für alle passionierten Google-Verweigerer: Man muss sich gegen die Versuchung wehren, ein derart eingebettetes YouTube-Video anzusehen. Noch schwieriger ist das, wenn Freunde oder Kollegen Clips per E-Mail oder Twitter herumreichen.

Wir können das gleich hier ausprobieren: Kennen Sie schon dieses neue Musikvideo, das den Vorspann der TV-Serie McGyver aus den achtziger Jahren zitiert?

Und, haben Sie geklickt? Macht nichts: An dieser Stelle haben wir keinen YouTube-Clip eingebettet.

Sie wissen mehr? Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Tipps!

Welche Suchmaschinen benutzen Sie?

Welche Web-Anwendungen möchten Sie nicht mehr vermissen?

Was kann Google einfach besser als alle anderen?

Teilen Sie Ihre Erfahrungen im Forum hier auf SPIEGEL ONLINE. Oder auf unserer Facebook-Seite "So geht das!". 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.