Videoportal Vimeo YouTubes schöne Schwester
Der Ton scheppert, das Bild ist unscharf, die Farben verwaschen: Videos im Internet leiden oft unter grausiger technischer Qualität. Die Clips auf YouTube und Co. wurden lange Zeit für eine schnelle Übertragung im Internet dermaßen komprimiert, dass statt klarer Details grobe Klötzchen übrig blieben. Als eine der ersten Videoseiten setzte Vimeo auf hochauflösende Clips mit klarem Sound - und gewann schnell Fans und Filmemacher für sich. Zwar erlaubt auch YouTube seit November 2008 den Upload von HD-Material, doch Vimeo kam dem mehr als ein Jahr zuvor und kann nicht nur in der Technik-Disziplin punkten.
Außer hervorragender Bildqualität bestechen viele Vimeo-Clips durch ihren Inhalt, denn die hohe Videoqualität lockte Amateure wie Profis an. Hier zeigen Trickfilm-Künstler ihre Werke und angehende Filmer ihre ersten Gehversuche, Videomacher stellen stolz ihre sorgsam produzierten Aufnahmen ein.
Für das hohe Niveau der Videos sorgen außerdem die Seitenbetreiber, die sich eine "respektvolle Community" wünschen. Das scheint gut zu funktionieren, der Umgangston auf der Seite ist meist höflich. In Foren tauschen sich die Filmemacher zusätzlich aus, geben sich Tipps und besprechen die eigenen Werke. Das Rauschen ist bei Vimeo kleiner - Werbeclips, Musikvideos und TV-Mitschnitte darf nur hochladen, wer an der Produktion beteiligt war. Deshalb ist das Portal im Vergleich zu YouTube klein (nur 12.000 neue Clips werden täglich veröffentlicht), aber dafür umso schöner.
Kurzfilme, Stunts und Naturaufnahmen - SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Vimeo-Clips.
Miniatur-Menschen und Stillleben mit Action
Spektakuläre Bilder zaubert Keith Loutit in Australien: Er lässt echte Filmaufnahmen so aussehen, als würde er kleine Plastik-Miniaturen abfilmen. Die sogenannte Tilt-und-Shift-Technik verwendete er für eine kleine Geschichte über den Einsatz eines Rettungshubschraubers:
Krasser könnte der Kontrast zum schreiend-buntem YouTube-Programm beim folgenden Clip nicht sein: Der Fotograf Wes Johnson aus Arizona hat mit einer HD-Kamera Vögel gefilmt, die auf einer Stromleitung sitzen und ab und an ihren Platz wechseln. Eigentlich passiert nichts in dem Video - nur ist dieses Nichts sehr, sehr faszinierend:
Trick aus Tausenden Gemälden und Stop-and-Go-Liebe
Künstler schätzen die hohe technische Qualität der Videos - und freuen sich über die unauffälligen Navigationselemente des Vimeo-Players, die ausgeblendet werden, wenn sie nicht gebraucht werden. Nichts lenkt so vom eigentlichen Film ab - zum Beispiel von den Trickfilmen von Reza Dolatabadi.
Auf Vimeo zeigt er seinen mit Preisen überhäuften Film "Koda". Zwei Jahre lang hat Dolatabadi mehr als 6000 einzelne Bilder gemalt und sie zu einem fünfminütigen Thriller montiert:
Eine Mischung verschiedener Techniken ist der Trick- und Animationsfilm "A Short Lovestory" von Carlos Lascanos:
Berg hinab, auf Skateboards und in der Luft
In Internet-Videos konservieren Extremsportler für sich und ihre Fans waghalsige Stunts und spektakuläre Tricks. Noch mehr Spaß machen solche Aufnahmen, wenn sie nicht bloß mit wackliger Handy-Kamera gefilmt wurden, sondern mit Profi-Equipment.
Auf Vimeo findet man viele dieser aufwendigen Produktionen, zum Beispiel zwei gepflegte Herren in blauen Anzügen, die sich von einem Autofahrer auf einen Berg hinauffahren lassen, um dann mit Skateboards halsbrecherisch hinabzurasen - haarscharf an Autos vorbei und in Kurven gefährlich nah am Asphalt:
Noch eine Spur abgefahrener ist dieses Video von Base-Jumpern in Norwegen. Im Internet kursierte dieses Video mit dem Hinweis, dass Menschen nun tatsächlich fliegen könnten - die Haudegen springen, bekleidet mit einem sogenannten Wingsuit, von einer Klippe und fetzen im Mördertempo an Klippen entlang, dass einem aufgrund der hervorragenden Bildqualität schon beim Zusehen schlecht wird:
Hundert Tage für hundert Tänze und Trocken-Karaoke
Auch auf Vimeo gibt's die viralen Video-Späße, für die YouTube so bekannt geworden ist. Nur sind sie entweder besser produziert oder scheinen zumindest wegen der besseren Bildqualität heller und schöner. Zu einiger Web-Berühmtheit gelangte vor zwei Monaten Ely Kim, der an hundert Tagen zu hundert Liedern an hundert Orten hundert verschiedene Tanzstile aufgenommen hat:
Ein Web-Phänomen, das vor einigen Jahren auf Vimeo seinen Anfang nahm, ist "Lip dub": Möglichst viele Menschen bewegen ihre Lippen synchron zu einem Musikstück, die ganze Performance wird in einem Stück gefilmt und beinhaltet möglichst rasante Kamerafahrten. An der Hochschule Furtwangen entstand eine der bisher aufwendigsten Produktionen dieser Art mit Dutzenden Darstellern: