Ärger trotz Käuferschutz Diese neue Betrugsmasche kursiert auf Vinted

Mit einem kostenpflichtigen Käuferschutzsystem will der Marktplatz Vinted Nutzer davor bewahren, abgezockt zu werden. Doch Betrüger haben offenbar in genau diesem System einen Schwachpunkt gefunden.
Internetportal Vinted: Eine neue Betrugsmasche macht die Runde

Internetportal Vinted: Eine neue Betrugsmasche macht die Runde

Foto: Virginie Lefour / Belga / IMAGO

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Wer auf dem beliebten Kleinanzeigenportal Vinted arglos auf die Jagd nach Schnäppchen geht, kann schnell an Onlinekriminelle geraten. Das haben in den vergangenen Wochen Recherchen des SPIEGEL unter anderem zur sogenannten »Zalando-Masche« gezeigt. Manche erfahrene Nutzerinnen und Nutzer von Vinted kritisieren schon seit Längerem, dass die Plattform zu wenig unternehme, um ihre Mitglieder vor Betrugsmaschen zu schützen (mehr dazu lesen Sie hier ).

Dieser Tage nun warnen sich erneut auffallend viele Nutzerinnen und Nutzer des Onlinemarktplatzes gegenseitig vor einer aktuellen Betrugswelle. Wieder spielen dabei relativ neu erstellte Accounts eine Rolle, deren Köder zumeist Markenprodukte zu sehr günstigen Preisen sind.

Im Fokus der Abzockversuche steht diesmal allerdings – viel direkter als bei der »Zalando-Masche« – Vinteds kostenpflichtiges Käuferschutzsystem, das laut dem Portal dafür gedacht ist, »dich und deine Daten während des Shoppens zu schützen«. Das Geld der Käuferseite landet dabei zunächst auf einem Treuhandkonto. Ausgezahlt wird es der Verkäuferseite eigentlich erst dann, wenn der Käufer nach Empfang und Kontrolle der Ware auf einen Button namens »Alles in Ordnung« klickt oder wenn nach Erhalt des Pakets zwei Tage ohne Beschwerde des Nutzers vergehen. Für Beschwerden innerhalb jener zwei Tage gibt es einen »Ich habe ein Problem«-Button.

Bei der neuen Masche, über die »Chip« früh berichtete , landet das Geld offenbar auch in anderen Fällen, in denen die Ware gar nicht angekommen ist, bei betrügerischen Verkäufern. Käuferinnen und Käufer erhalten bei der Masche teils verdächtig kurz nach ihrer Bestellung Hinweise des Vinted-Systems, dass das Paket verschickt und zugestellt wurde. In vielen Fällen wirkt es so, als nutzten die Betrüger manipulierte Sendungsverfolgungsdaten oder zumindest Angaben zu Paketen, die bereits vor der Bestellung mit der Post unterwegs waren.

Warum Vinteds System Verkäufern eine solch offenkundige Ungereimtheit durchgehen lässt – ein Paket wird angeblich verschickt, bevor es überhaupt jemand bekommen wollte – und hier nicht direkt selbst ein Problem wittert, ist unklar.

Vom Unternehmen heißt es auf SPIEGEL-Anfrage, es sei sich »des genannten Schemas mit abgelaufenen Tracking-Links bewusst«. Es werde bereits an »zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen« zur Eindämmung der Masche gearbeitet. Details zum Vorgehen gegen diese Art von Betrugsfällen kann Vinted angeblich nicht nennen, »da Betrüger*innen diese Informationen zu ihrem Vorteil nutzen könnten«.

Abzocke mit Markenschuhen

Dem SPIEGEL ist ein Fall bekannt, in dem eine 49-Jährige aus Bayern bei Vinted Nike-Sneaker für ihre Tochter kaufen wollte – verdächtig günstig, etwa für die Hälfte des üblichen Preises. Um sich abzusichern, zahlte die Frau per PayPal neben dem Artikelpreis und den Versandkosten auch noch die Käuferschutzgebühr. Das war vergangenen Samstag.

Merkwürdig wurde es direkt am Tag danach: Obwohl die Frau bis heute überhaupt kein Paket erhalten hat, teilte ihr Vinted schon am Sonntag sowohl mit, dass die Ware verschickt wurde, als auch, dass sie geliefert worden sei. Die Frau ging zunächst von einem Fehler aus und fragte beim Verkäufer nach, was da los sei – was ihr nicht weiterhalf. In Vinteds Sendungsinformationen zum Kauf wurde derweil angezeigt, das Paket sei sogar bereits am Mittwoch verschickt und am Freitag zugestellt worden.

Wann in diesem Chaos aus falschen Angaben überhaupt Vinteds Zwei-Tages-Frist zur Problemmeldung startete, weiß die Frau bis jetzt noch nicht. Vinted selbst hat eine SPIEGEL-Nachfrage, wonach genau sich der Zeitraum bis zur Geldfreigabe bemisst, nicht beantwortet. Die Frage ist wichtig, denn manche Betroffene berichten im Netz sogar von Sendungsnummern, bei denen die angeblichen Versand- und Lieferungsdaten Wochen in der Vergangenheit liegen.

Unvorsichtige Nutzer und ein offenbar leicht täuschbares System

Klar ist indes: Die aktuelle Masche macht es betroffenen Nutzern, die davon noch nichts gehört haben, schwer bis vielleicht unmöglich, angemessen darauf zu reagieren. Die Nutzer mögen zwar im ersten Schritt selbst unseriösen Verkäufern mit keinen oder wenigen Bewertungen auf den Leim gehen, im zweiten Schritt jedoch ist auch Vinteds vermeintlich sicheres Käuferschutzsystem Teil des Problems.

Im Forum von Vinted haben schon einige Betroffene berichtet, dass ihnen Vinted kein Geld zurückerstatten wollte – dabei sei auf die angeblich abgelaufene Zwei-Tages-Frist verwiesen worden. Auf SPIEGEL-Nachfrage äußert sich Vinted zum Thema Rückerstattungen nur sehr allgemein: »Wenn das genannte Betrugsschema vom Customer Service validiert werden konnte, werden entsprechende Erstattungen veranlasst.« Was das für Betroffene bedeutet, denen der Support bisher keine Rückerstattung in Aussicht gestellt hat, ist unklar.

Die Frau aus Bayern mit den angeblich vor Kauf erhaltenen Nike-Sneakern hat ihr Geld letztlich über eine Beschwerde bei PayPal schnell zurückbekommen, erzählt sie – während Vinted ihr in einer Nachricht explizit davon abriet, dort ein Problem zu melden. Vinted empfahl ihr indes, Strafanzeige zu erstatten, was die Frau eigenen Angaben zufolge ebenfalls gemacht hat.

Auf SPIEGEL-Nachfrage zum Thema PayPal heißt es von Vinted, dass gemäß den geltenden AGB »Anfragen über die Vinted-Plattform gemeldet werden sollten, damit der Käuferschutz greifen kann – unabhängig davon, über welchen Zahlungsdienstleister der Handel abgewickelt wurde«. Allgemein rät das Portal seinen Nutzern noch, vor jedem Kauf mehrere Dinge zu prüfen, nämlich »das angebotene Preis-Leistungs-Verhältnis, die Bewertungen des oder der Verkaufenden sowie die Qualität der Bilder, Produktbeschreibungen und weiterer Angebote«.

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