Betrugsversuche bei Vinted Vorsicht vor der »Zalando-Masche«

Auf dem Kleinanzeigenportal Vinted kann man immer wieder auffallend günstige Neuware entdecken, teils bekommt man dann tatsächlich Produkte im Topzustand. Das bedeutet nichts Gutes.
Vinted: Millionen Menschen nutzen das Portal zum Verkauf von Secondhand-Kleidung

Vinted: Millionen Menschen nutzen das Portal zum Verkauf von Secondhand-Kleidung

Foto: Virginie Lefour / Belga / IMAGO

Marie sagt, es habe sie schon überrascht, dass ihre Wunsch-Laufschuhe in einem Zalando-Karton bei ihr ankamen. Denn bestellt hatte die 38-Jährige aus Marburg jene Schuhe nicht beim Mode-Riesen, sondern über das populäre Kleinanzeigenportal Vinted, auf dem Millionen privater Verkäuferinnen und Verkäufer aktiv sind.

Nach mehr als zehn Jahren auf Vinted und dessen Vorgängerportalen hat Marie, deren echter Name anders lautet, eigentlich ein gutes Bauchgefühl dafür, welche Angebote seriös sind und welche eher nicht. Diesmal aber hatte sie einfach auf ein Schnäppchen spekuliert, zumal sie den Preis der Sportschuhe über Vinteds Anfragesystem noch von 60 auf 45 Euro herunterhandeln konnte.

Dazu kam, dass Marie fürs Bezahlen Vinteds kostenpflichtigen Käuferschutzservice nutzen konnte, der dem Anbieter zufolge hilft, »dich und deine Daten während des Shoppens zu schützen«. Das Geld von Käufern landet dabei zunächst auf einem Treuhandkonto, sodass sie noch eine Chance haben, sich zum Beispiel über mangelhafte Ware zu beschweren. Was sollte da groß schiefgehen?

Dann kam die Rechnung

Letztlich aber lag in ihrem Paket nicht nur ein Paar Markenschuhe, und das wie versprochen als Neuware, sondern auch eine auf ihren Namen ausgestellte Rechnung von Zalando – über den Normalpreis von 160 Euro. Der Verkäufer wollte also für eine Ware kassieren, die er in Maries Namen bei dem Modehändler bestellt hatte und für die sie noch mal bezahlen sollte.

Wie Marie bald realisierte, war sie Opfer einer Methode geworden, der Nutzerinnen und Nutzer im Forum von Vinted  das Schlagwort »Zalando-Masche« verpasst haben. Der Vinted-Verkäufer hatte bei Zalando einen neuen Account auf Maries Namen eröffnet, obwohl sie dort schon lange ein eigenes Konto hatte. Die wenigen echten Daten zu Marie, die er über das Käuferschutzsystem erhalten hatte – ihren Namen und ihre Anschrift – hatten dafür offenbar ausgereicht.

Die Masche ist beiden Firmen bekannt

So wie Marie, in deren Fall der Verkäufer auch noch bei der Versandquittung mit einem Screenshot zu tricksen versuchte, erging es zuletzt auch anderen Vinted-Mitgliedern. Sie wurden mit angeblich neuen Trendprodukten zu auffallend günstigen Preisen geködert. Zu manchen Schuhmarken stehen nach wie vor Hunderte dubiose Angebote online.

Zalando hat auf eine SPIEGEL-Nachfrage bestätigt, dass das Unternehmen »in den vergangenen Wochen« Betrugsfälle »feststellen musste«, deren Muster zu Maries Erlebnis passt. Die Frage, ob es der Händler Kriminellen nicht sehr leicht macht, mit Neu-Accounts teure Waren auf Rechnung zu bestellen, wurde dabei nicht im Detail beantwortet. Prinzipiell muss im Zuge eines Rechnungskaufs noch ein Geburtsdatum eingetippt werden.

Bestellvorgang bei Zalando: Neben einer E-Mail-Adresse müssen ein Name, eine Adresse und ein Geburtsdatum angegeben werden

Bestellvorgang bei Zalando: Neben einer E-Mail-Adresse müssen ein Name, eine Adresse und ein Geburtsdatum angegeben werden

Foto: Zalando

Laut Berichten aus dem Vinted-Forum entpuppt sich die »Zalando-Masche« manchmal sogar als Dreiecksbetrug. So kommt es auch vor, dass die Zalando-Rechnung von Betrügern auf eine dritte Person ausgestellt wird, deren Daten ebenfalls übers Internet erbeutet wurden.

In jedem Fall gilt aber diese Warnung: Wer etwas bei Vinted kauft und von Zalando geliefert bekommt, muss davon ausgehen, einem Betrugsversuch aufzusitzen – und sollte sich zeitnah bei Zalando, Vinted und der Polizei melden.

Von Zalando heißt es, wenn dem Händler »ein Missbrauch von über Vinted durch Dritte erhaltenen personenbezogenen Daten« bekannt werde, deaktiviere er das dazugehörige Kundenkonto »umgehend«: »Wir setzen mögliche Mahnungen aus und stornieren – in der Regel nach erfolgter Retoure des Artikels – die entsprechende Zalando-Forderung.« Betroffenen empfiehlt der Shopping-Riese, sich mit Vinted in Verbindung zu setzen, Anzeige zu erstatten und das Paket per Retourenschein kostenfrei zurückzusenden.

Das sagt Vinted

Vinted wiederum rät Betroffenen, Zalando zu kontaktieren und den Fall der Polizei zu melden. »Die Plattform ist sich der Betrugsmasche bewusst und geht zum Schutz seiner Community dagegen vor«, teilt das Unternehmen dem SPIEGEL mit, ohne dazu ins Detail zu gehen.

Den Angaben zufolge aber prüft der Kundenservice »kontinuierlich jeden einzelnen Fall und bearbeitet Anfragen zur Stornierung der entsprechenden Transaktion, sodass Mitglieder, die mit dem Vinted-Käuferschutz gekauft haben, entschädigt werden«.

Damit das reibungslos klappt, ist es wichtig, dass Vinted-Nutzer beim Empfang einer Zalando-Lieferung schnell reagieren. Bei Vinteds Käuferschutzsystem nämlich haben Mitglieder ab dem Zeitpunkt des Paket-Erhalts nur zwei Tage Zeit, um über den Button »Ich habe ein Problem« Beschwerde einzulegen. Geschieht das nicht oder klickt der Käufer auf den Button »Alles in Ordnung«, gilt die Bestellung als abgeschlossen und die Zahlung wird für den Verkäufer freigegeben.

Von Vinted heißt es, beim »Großteil der Fälle«, die ungewollte Zalando-Sendungen betreffen, hätten betroffene Mitglieder den Kundenservice umgehend kontaktiert. In den meisten Fällen habe man Transaktionen daher stornieren und eine Rückerstattung in die Wege leiten können. So lief es letztlich auch bei Marie. Zalando hat den Account, der ohne ihr Wissen für sie erstellt wurde, gelöscht.

Drohungen im Chat

Für Marie ging die Angelegenheit damit glimpflich zu Ende. Manch anderes Opfer hatte derweil noch über seine Kontakte mit den zwei Unternehmen und der Polizei hinaus Ärger. So berichten einzelne Nutzerinnen des Vinted-Forums, dass sie bei dem Versuch, ihr Geld zurückholen, über Vinteds Chatsystem Drohnachrichten gegen sich und ihre Familie erhielten. Man kenne ja jetzt ihre Postadresse, wurde demnach geraunt.

Einen hundertprozentigen Schutz vor der »Zalando-Masche«, die grundsätzlich auch über andere Portale und Onlinehändler funktioniert, gibt es derzeit nicht. Im Fall von Vinted hilft es am ehesten, verdächtig günstigen Angeboten von Accounts mit seltsam wirkenden Namen und vor allem keinen oder nur wenigen Bewertungen aus dem Weg zu gehen. An so einen Account, der sich selbst in Stockelsdorf in Schleswig-Holstein verortete, war auch Marie geraten.

Diesmal sei sie wirklich naiv gewesen, sagt sie. »Aber ich dachte mir: Durch den Käuferschutz kann dir ja nicht viel passieren.«