Virale Marketing-Ente "Bild" wirbt mit angeblichem Hackangriff

Die beste Werbekampagne im Web ist eine, die von den Web-Nutzern selbst verbreitet wird. Insofern landete "Bild" am Wochenende einen Volltreffer: Seit Samstag sehen Besucher dort einen angeblichen Hack und das Versprechen, dass "Bild" in einigen Tagen abgeschaltet wird. Zumindest das ist wahr.


Der Spuk dauert nur Sekunden und wiederholt sich nicht, wenn man zwischenzeitlich die Cookies nicht löscht: Beim Aufruf der Webseite der Boulevard-Zeitung "Bild" flackert es ganz bedenklich. Dann legt sich für Sekunden ein Bild über die "Bild", das eine Ente zeigt und das Versprechen "In wenigen Tagen schalten wir diese Webseite ab!".

Verräterisch: In der Großansicht ist das "Close X" zum Wegklicken des angeblichen Hacks klar zu sehen

Verräterisch: In der Großansicht ist das "Close X" zum Wegklicken des angeblichen Hacks klar zu sehen

Das, dachten daraufhin zahlreiche Blogger und Journalisten, sei ja ganz toll - und verbreiteten die Mär vom angeblichen Hack im Web. Doch das Ganze ist genau das, was es zeigt: eine Ente.

Allein der IT-Tech-Newsdienst Heise mutmaßte schon am Sonntag, dass sich hinter der Aktion der angeblichen Hackergruppe Cyberduckz wohl eine Werbeaktion verbergen muss.

So ist das wohl. Zwar sind sogenannte Defacements - die optische Veränderung einer Webseite - auch von Medienseiten nichts seltenes, normalerweise aber eine ruppige Sache. Dabei fegen Cybervandalen gemeinhin eine ganze Seite aus dem Web und ersetzen sie durch etwas anderes. Defacements sind der Lieblingssport der sogenannten Script Kiddies, meist pubertierenden Gruppen oder Banden, die basierend auf allgemein zugänglichen Tools Webseiten attackieren und "Abschüsse" als Punkt für sich verbuchen. Es gibt regelrechte Wettkämpfe und Charts der erfolgreichsten Defacer.

Cyberduckz, die hier angeblich tätige Gruppe, ist dagegen sehr höflich: Sie spielt ihr Defacement ganz regulär über den Werbe-Server von Falk auf, so wie alle anderen Anzeigen bei "Bild" auch. Bei Falk hat man offenbar keinerlei Eile, die vermeintlich ins Angebot gehackte Grafik zu entfernen. Wozu auch, sie ist weit davon entfernt, als Defacement gelten zu dürfen.

Serviert wird die Ente als Flash-Datei in Form einer sogenannten Overlay-Anzeige, die der Nutzer auch nur wenige Sekunden zu sehen bekommt und nur einmal: Dann zieht sich der vermeintliche Hack höflich zurück. Wer so lang nicht warten will, kann die Grafik - wie bei Overlay-Anzeigen üblich - durch einen Mausklick auf das bekannte "Close X" am rechten Rand der Anzeige vorher beenden (siehe Grafik).

Das entspricht dem Standard-Aufbau einer Overlay-Anzeige, wie Springer sie auch bei "Bild" unter der Bezeichnung LayerAd anbietet. Die Media-Informationsseite von "Bild" demonstriert das Prinzip mit einem entsprechenden Popup. Ein Springer-Sprecher will die Werbe-Ente weder bestätigen noch dementieren. Da müsse man warten, bis der Kollege, "dessen Projekt das ist", verfügbar sei. Ob sich "Projekt" hier auf "Bild.de" oder die dort zu sehende Ente bezieht, bleibt offen.

Relaunch: Countdown läuft

Von ungewöhnlichem Wahrheitsgehalt dürfte dagegen das werbliche Versprechen der Anzeige sein: "In wenigen Tagen schalten wir diese Webseite ab!"

Denn Springer plant, nachdem es die Beteiligung der Telekom am lange gemeinsam betriebenen "Bild"-Portal zurückgekauft hat, für Mitte Dezember einen Relaunch. Dann soll als Logo über der Seite nicht länger "Bild - T-Online" prangen, sondern allein die Marke aus dem Hause Springer. Ob sich die Seite darüber hinaus dann weniger schreiend bunt präsentiert, bleibt abzuwarten.

Schlecht gefahren ist Springer mit dem Boulevard-Wirrwarr und seinen vielschichtigen Klickstrecken bisher nämlich nicht: "Bild" liegt unter den publizistischen Online-Angeboten mit rund 52 Millionen Besuchen ("visits") auf Platz Zwei hinter SPIEGEL ONLINE (78 Millionen visits), kann damit aber rund 558 Millionen Seitenaufrufe generieren. Damit und mit einer Ratio von mehr als zehn Klicks pro Webseiten-Besuch ist "Bild" führend. Die Seite soll eine der umsatzstärksten Webseiten in Deutschland sein, macht aber wohl bisher keine Profite.

pat



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