Virtuell weiterleben Wie digitale Klone uns unsterblich machen sollen

Wenn Sie tot sind, ist alles aus? Nicht unbedingt. Firmen arbeiten daran, virtuelle Abbilder von Menschen zu erschaffen, die weiterleben. Doch das digitale Vermächtnis hat seinen Preis.
Virtueller Klon (Symbolbild)

Virtueller Klon (Symbolbild)

Foto: Forever Identity

"Was wäre, wenn Tote anfangen würden, zu twittern?", schrieb vor einiger Zeit der Meister des Horrors, Stephen King, auf Twitter. "Denk mal drüber nach. Alleine. Wenn es dunkel ist."

Einer, der Tag und Nacht darüber nachdenkt, ist Hossein Rahnama. Der Forscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Experte für künstliche Intelligenz will die Toten zurückholen - als perfekte digitale Kopien.

Witwer und Witwen könnten so wieder mit ihren verstorbenen Geliebten zusammensein, Urenkel könnten ihre Urgroßeltern kennenlernen. David Bowie und Prince würden wieder singen, Götz George weiter Filme drehen und Helmut Schmidt weiter virtuelle Mentholzigaretten schmöken. Und, ja, auch twittern würde der eine oder andere virtuelle Klon und Stephen King schlaflose Nächte bereiten.

Unsterblichkeit durch Augmented Eternity

Rahnama findet daran gar nichts unheimlich: "Ich will die Kluft zwischen Leben und Tod überwinden, indem ich von einer Person eine ewige digitale Präsenz schaffe." Augmented Eternity nennt er das.

Und so funktionierts: Wir sterben, schließlich hat die medizinische Forschung gegen den biologischen Tod noch kein Rezept. Und unser Bewusstsein stirbt mit unserem Gehirn. Aber eine digitale Kopie von uns existiert in der digitalen Sphäre weiter. Sie ist unser Vermächtnis, das ultimative Selfie sozusagen.

Aber viel besser: Es kann reden und sich mit unseren Hinterbliebenen unterhalten. Dafür muss unser virtueller Klon also nicht nur den Turing-Test mit Bravour bestehen, sondern auch den Verwandten-Test.

Virtuelle Klone als Hologramme und Stimmen aus der Box

Wie unser virtueller Doppelgänger genau aussehen soll, das weiß Rahnama selbst noch nicht, "über die beste Erscheinungsform machen wir uns gerade Gedanken", sagt er. Es könnte eine Art sprechende Box sein, ungefähr so wie die Social Bots "Echo" von Amazon oder "Jibo" von der Robotik-Pionierin Cynthia Breazeal.

Diese Social Bots stehen in der Küche oder im Wohnzimmer und plaudern mit der ganzen Familie. "Vielleicht ist es auch nur eine Stimme", ungefähr so wie Scarlett Johannsons verführerisches Siri-Äquivalent in dem Science-Fiction-Film "Her". Das Smartphone wäre dann so etwas wie der Sarg. "Aber vielleicht kehrt der Verstorbene auch als Hologramm in einer virtuellen Realität zurück."

So ähnlich wie Michael Jackson, der 2014, fünf Jahre nach seinem tragischen Tod, als extrem realistisches Hologramm bei den Billboard Music Awards sang und tanzte er, als wäre nie etwas geschehen. Das Hologramm wirkte so überzeugend, dass es den lebenden Stars die Show stahl.

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Digitale Mumifizierung

Um unser verstorbenes Ich virtuell zu rekonstruieren, braucht Rahnama unsere Daten aus Facebook, Google+ und Instagram, unsere E-Mails, Google-Suchen, Kommentare, Blog-Postings, Tweets, Likes, Airbnb-Buchungen, Spotify-Streams und Wearables-Rekorde. Aus diesem ganzen Haufen Big Boring Data will er unser Wesen rekonstruieren: "Die Algorithmen sind so gut, dass sie mit all diesen Daten das Verhalten eines Menschen zuverlässig vorhersagen können."

Das digitale Ökosystem ist vorhanden. Rahnama glaubt, es ist an der Zeit, die Augmented Eternity auf den Markt zu bringen. "Künstliche Intelligenz ist gut und nutzerfreundlich genug. Und wir erzeugen innerhalb weniger Jahre mittlerweile so viele Daten wie die Menschheit seit Anbeginn der Zivilisation."

Geschäftsmodelle für ein Leben nach dem Tod

Das Geschäftsmodell der digitalen Unsterblichkeit haben auch andere Firmen wie Forever Identity , Eterni.me  und Project Elysium erkannt. Eterni.me verfolgt einen ganz ähnlichen Big-Data-Ansatz wie Hossein Rahnama. "Der User meldet sich selbst zu seinen Lebzeiten an und entscheidet, welche Informationen er seinen Hinterbliebenen überlassen möchte", sagt Eterni.me-Gründer Marius Usache im Interview mit "Impulse" 2014. 

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"Damit erteilt er uns aktiv die Erlaubnis, die Daten seinen Angehörigen zu zeigen. Er entscheidet dann auch selbst, wem er die Zugangsdaten zu seinem Account überlässt." Zusätzlich sind die Nutzer angehalten, ihr virtuelles Abbild noch zu Lebzeiten zu trainieren, indem sie mit ihm plaudern, also gewissermaßen Selbstgespräche führen.

Bei Forever Identity läuft es anders: Der Kunde muss sich ein paar Tage Zeit nehmen, sich mit einem Biografen, einem Ghostwriter und einem Psychologen zusammensetzen, die sein Innenleben "emotional vermessen". Dann wird noch sein Außenleben gescannt: Gesichtsmuskeln, Körperbewegungen, die Stimme. Fertig ist das Hologramm.

Unsterblichkeit gibt es nicht für lau

Was die digitale Mumifizierung kostet, ist noch nicht raus. Marius Ursache will sich nicht festlegen. Hossein Rahnama sieht das Ganze wie eine Art Lebensversicherung: "Je früher man damit beginnt, desto günstiger wird es." Zehn Dollar pro Monat peilt der Forscher an.

Der weitaus höhere Preis dürfte für viele jedoch die Preisgabe ihrer Daten sein. Hossein Rahnama verspricht, dass sie verschlüsselt und sicher auf seiner Plattform liegen. Doch nur solange seine Firma existiert. Wer garantiert, dass die unsterblich ist? Schon 2010 versprach ein Unternehmen unsterbliche digitale Klone. Aber "Intellitar" starb schon kurze Zeit später einen frühen Tod.

Hossein Rahnama ist dennoch zuversichtlich, seine Vision zu verwirklichen: "Jeder möchte ein Vermächtnis hinterlassen, egal, ob er ein König ist oder ein normaler Bürger. Die Digitalisierung ist vielleicht das Beste, was wir jemals erfunden haben. Warum nutzen wir sie nicht dafür, dass jeder sich selbst als Vermächtnis hinterlassen kann?"

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