Virtuelles Gebet Dubliner Jesuiten mit Website erfolgreich

Religion ist wieder im Aufwind. Nicht nur in der realen Welt, auch im Cyberspace tummeln sich Prediger, Priester und ihre Schäfchen. Immer mehr Sekten und religiöse Vereinigungen gehen online, die etablierten Kirchen sind seit Jahren im Netz vertreten und rekrutieren darüber Personal und Gefolgschaft - die katholische Kirche, oft als hinterwäldlerisch und technikfeindlich verschrien, allen voran.

Von Jeannette Villachica


Bischöfe werben in Real-Player-Videos für die lebenslange Tätigkeit im Dienste Gottes und Dubliner Jesuiten unterhalten eine Website, deren Besucherzahlen die Betreiber anderer Sites vor Neid erblassen lassen. Die Kirche ist kaum wieder zu erkennen.

Beten vor dem Computer: Die Website der Jesuiten ist nicht nur etwas für Geistliche oder Iren

Beten vor dem Computer: Die Website der Jesuiten ist nicht nur etwas für Geistliche oder Iren

Die Republik Irland ist bekanntlich eines der katholischsten Länder Europas. Auf der kleinen Insel im Atlantik ticken die Uhren langsamer, Veränderungen stellen sich später ein. Dies ist das Bild, das dem Irland-Touristen vermittelt werden soll. Aber selbst die Welt der Iren ist nicht mehr, was sie einmal war. Zumindest in Dublin, beliebter Standort für europäische Niederlassungen amerikanischer Computerfirmen, hat der Fortschritt längst Einzug erhalten. Und die Kirche ist nicht mehr Lebensmittelpunkt. Nach der Öffnung Irlands Mitte der achtziger Jahre und einer Welle von aufgedeckten Kindesmissbrauchs-Fällen, die in den letzten Jahren über das Land schwappte, kämpft die katholische Kirche auch hier um jeden Kirchgänger.

Der Dubliner Jesuit Peter Scally und einige seiner Priester-Kollegen können sich dagegen nicht über mangelnde Resonanz beklagen. Seit einem Jahr betreiben sie ihre Website, mit der sie bisher 400.000 Besucher anlockten. Tag für Tag klicken sich rund 3000 Gläubige auf der Suche nach etwas Spiritualität im Alltag durch das täglich wechselnde Sechs-Stufen-Gebet bis zum Amen vor.

Alan McGuckian, Leiter des Jesuit Communication Centre, hatte anfangs auch seine Zweifel, ob Menschen wirklich vor ihrem Computer beten: "Vor dem offiziellen Launch baten wir einige Versuchspersonen auf unsere Website zu gehen. Ein 20-jähriger Engländer meinte, er habe anfänglich große Hemmungen gehabt, seinen Computer für so private Zwecke wie das Beten zu nutzen. Aber es habe funktioniert. Unsere Website besuchen Menschen, die neue Anregungen suchen, die nicht immer wieder dieselben Gebete herunterrattern wollen, die ihnen in der Kindheit eingetrichtert wurden."

Das Team von Sacred Space: Alan McGuckian, Peter Scally and Rósín Pye vor einem der 100 Dubliner und Belfaster Busse, die im Februar zwei Wochen lang für die Website warben

Das Team von Sacred Space: Alan McGuckian, Peter Scally and Rósín Pye vor einem der 100 Dubliner und Belfaster Busse, die im Februar zwei Wochen lang für die Website warben

Die Seite zieht vor allem Katholiken aus Irland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten an, dient also auch als Forum für irische Auswanderer. In dem Bereich "Feedback" finden sich jedoch (anonyme) Kommentare von Katholiken aus der ganzen Welt. So schreibt jemand aus Toronto/Kanada: "Ihre Website ist für mich zu einem wichtigen Mittel im Zwiegespräch mit Gott geworden." Oder jemand von den Philippinen: "Vielen, vielen Dank für diese Website! Sie ist der Beweis dafür, dass Gott überall ist, sogar in unserer modernen zynischen Zeit."

Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland sehen den Vorteil des Internet vor allem in der Anonymität des Mediums, die bei der Seelsorge und Beichte von Bedeutung ist. Wolfgang Severin vom katholischen Jugendamt Erftkreis in Nordrhein-Westfalen: "Seitens unserer Einrichtung betreiben wir seit zwei Jahren Online-Seelsorge für junge Menschen, die zunehmend genutzt wird. Dabei können sie nahezu vollkommen anonym Beziehungsprobleme, Schulprobleme und andere jugendspezifische Themen besprechen. Hier gehen Kirche und neue Medien eine hervorragende Symbiose ein."



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