Vodafones dreiste Werbebriefe "Zum dritten Mal in vier Wochen im Briefkasten"

Vodafone hat es diesen Monat geschafft, mit gleich zwei Werbebrief-Wellen für Empörung zu sorgen. Der Konzern bittet dafür nun wenig überzeugend um Entschuldigung, Verbraucherschützer prüfen eine Abmahnung.
Werbebrief von Vodafone Kabel Deutschland

Werbebrief von Vodafone Kabel Deutschland

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es kommt nicht oft vor, dass das Netzwelt-Postfach bei SPIEGEL ONLINE tagelang nur von einem Thema beherrscht wird. In der vergangenen Woche jedoch ging es in der Mailbox um kaum etwas anderes als die Werbepraktiken von Vodafone Kabel Deutschland, die SPIEGEL ONLINE vorvergangenen Freitag kritisiert hatte.

Vodafone wollte offenbar die Unsicherheit rund um die Ende März anstehenden Änderungen beim digitalen Antennenfernsehen DVB-T ausnutzen, um neue Kunden zu gewinnen: in Form persönlicher Anschreiben mit der Optik von Behördenschreiben, samt Fake-Stempel "Wiederholter Zustellversuch", ausgedachten "Vorgangsdaten" und dem fettgedruckten Hinweis, der Empfänger solle sich "bis spätestens 28.02.2017" telefonisch melden.

Im Artikel nur im Nebensatz erwähnt wurde ein zweites, ähnlich dreistes Schreiben, bei dem es nicht um DVB-T geht, sondern um eine angebliche "wichtige Neuerung der Telefon- und Internet-Technologie". Auch hier wird um einen Anruf bis zu einem bestimmten Datum gebeten. Zahlreiche Leserreaktionen zeigten, dass diese Werbung in Form einer Postkarte wohl ähnlich weit verbreitet ist:

Postkarte von Vodafone

Postkarte von Vodafone

"Wir haben nun schon zum dritten Mal innerhalb von vier Wochen dieses Papier im Briefkasten gefunden", klagte ein Leser. Und eine Leserin schrieb, sie habe im Januar gleich zwei Postkarten bekommen: "Vodafone hat sich sogar die Mühe gemacht, das Datum des angeblichen vorigen Zustellversuches zu aktualisieren."

Drei Stempel-Varianten

Tatsächlich liegen SPIEGEL ONLINE Fotos von "Wichtige Information"-Postkarten mit mindestens drei Fake-Stempel-Daten vor: 5. Januar, 16. Januar, 19. Januar. Zudem berichteten Leser, dass noch vergangenen Dienstag bei ihnen Vodafone-Werbung in Behörden-Optik angekommen sei.

Weitere Einsendungen zeigen, dass Vodafone nicht zum ersten Mal auf optisch und inhaltlich streitbare Werbeformen setzt: Diese Werbekarte, deren Deadline im März 2016 auslief, etwa enthielt den Text "Wir konnten Sie bisher nicht erreichen und warten auf Ihren Rückruf. Dieses Telefonat ist wichtig."

Ältere Vodafone-Karte: "Wir konnten Sie bisher nicht erreichen und warten auf Ihren Rückruf"

Ältere Vodafone-Karte: "Wir konnten Sie bisher nicht erreichen und warten auf Ihren Rückruf"

Dass Vodafone in den letzten Wochen Karten mit gleich drei Fake-Stempel-Varianten verschickt hat, ist bemerkenswert. Einerseits, weil die Verbraucherzentrale Sachsen die Karten bereits am 13. Januar kritisierte . Anderseits, weil Vodafone auf Nachfrage den Eindruck erweckte, das Unternehmen halte die Werbung in Behördenschreiben-Optik selbst für problematisch und habe daher nach den ersten Rückmeldungen sofort gehandelt. Zum DVB-T-Schreiben jedenfalls sagte eine Sprecherin vorvergangenen Freitag, "die Auslieferung dieses Werbemittels" sei "direkt nach dem Start der Kampagne" wieder gestoppt worden.

Als SPIEGEL ONLINE eine Woche später noch einmal bei Vodafone nach beiden Werbeschreiben nachfragte, hieß es - man beachte das "längst eingestellte" -: "Wir werden das Stilmittel einer behördlich gestalteten Werbung künftig in keinem Werbemittel mehr einsetzen. Empfänger, die sich über die längst eingestellte Werbe-Postkarte (Anbieterwechsel Internet/Festnetz) oder den ebenfalls gestoppten Werbe-Brief (Abschaltung DVB-T) geärgert haben, bitten wir um Entschuldigung."

Aufgedruckter Pseudostempel

Aufgedruckter Pseudostempel

Foto: SPIEGEL ONLINE

Verbraucherschützer prüfen Abmahnung

Bei der Verbraucherzentrale Sachsen will man die Angelegenheit trotz solcher Statements noch nicht als geklärt ansehen. Man prüfe eine Abmahnung gegen Vodafone wegen der zwei Schreiben, sagte am Freitag der Referatsleiter Recht, Michael Hummel. Die Prüfung dauere noch, es gebe aber eine "hohe Wahrscheinlichkeit", dass es dazu komme.

Klären wolle man nun vor allem, ob der Brief - wie auch Leser-Mails an SPIEGEL ONLINE suggerieren - Leute erreicht habe, die er nicht hätte erreichen dürfen. "Man darf als Unternehmen niemanden mit Werbung direkt anschreiben, der dem nicht zugestimmt hat oder der nicht Kunde des Unternehmens ist", so Hummel.

Vodafones vorgetragene Reue nimmt Hummel dem Unternehmen nicht ab. "Meine Vermutung ist, dass Vodafone selbst wusste, dass die Werbung wohl gegen das Verbraucherrecht verstößt", sagt er. "Man das hat aber in Kauf genommen, in der Hoffnung, viele neue Kunden zu gewinnen."

Ein Problem für Verbraucher sei: "Auch wenn jemanden eine rechtswidrige Werbung dazu bringt, eine Hotline anzurufen und dort einen Vertrag abzuschließen, ist der Vertrag per se rechtsgültig. Im Zweifel kriegen die Unternehmen also ihre Masche untersagt und müssen ein paar Tausend Euro zahlen, dafür haben sie aber viele neue Verträge."

Hinweis beim Anruf der Hotline - nur bei der Karte

Wie aber könnte Vodafone nun zeigen, dass man einsieht, zu weit gegangen zu sein? "Wenn Vodafone die Werbung leid tut, können sie die beworbene Telefonhotline abschalten", meint Hummel. "Das würde verhindern, dass irregeführte Verbraucher Verträge abschließen."

Tatsächlich ist in dieser Hinsicht seitens Vodafone mittlerweile etwas passiert. Ruft man derzeit die auf den "Wichtige Information"-Karten stehenden Nummern an - getestet haben wir die Varianten 0800-7242541 und 0800-5887776 -, kommt zunächst ein kurzer Hinweis vom Band: "Wir setzen verschiedene Werbemittel in unterschiedlichen Gestaltungsformen ein", heißt es darin unter anderem. Und: "Bitte entschuldigen Sie die eventuell aufgetretenen Missverständnisse."

Diesen Hinweis, der Anrufern, die das Schreiben nicht sofort als Werbung erkannt haben, zumindest noch einen Wink in diese Richtung gibt, hatte es vor gut einer Woche noch nicht gegeben.

So interessant wie ernüchternd ist aber auch: Bei der Nummer aus dem DVB-T-Schreiben, 0800-6649111, gab es einen solchen Hinweis Stand Samstagvormittag nicht, obwohl auch hier die Anruffrist noch gut einen Monat läuft. Bei zwei Testanrufen wurde man nach einem kurzem Warteschleifenaufenthalt direkt zum nächsten freien Mitarbeiter durchgestellt.


Update: Die Bundesnetzagentur hat Vodafone inzwischen aufgefordert, die fragwürdigen Werbeschreiben einzustellen. Die Aufsichtsbehörde bezeichnete die Schreiben als "dubiose Werbemittel" und drohte dem Unternehmen Strafzahlungen von 20.000 Euro an, falls es weiter verschickt wird. Ein Unternehmenssprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP, der Versand sei "bereits am 19. Januar umgehend gestoppt" worden. Die verantwortliche Abteilung habe die Anweisung erhalten, "diese Schreiben nie wieder zu versenden".


Zusammengefasst: In den letzten Wochen haben sich viele Menschen über Werbeschreiben von Vodafone geärgert, die als Brief und Postkarte in Behörden-Optik daherkamen und zu einem Anruf animierten. Die Verbraucherzentrale Sachsen kritisiert diese Gestaltung und will prüfen, bei wem die Schreiben alles ankamen.

Vodafone bittet derweil um Entschuldigung für die Wahl der Werbemittel und teilt mit, die Kampagnen seien gestoppt worden. Die Hotlines sind aber weiter geschaltet, teils mit einem kurzen Hinweis auf die Kritik. Wenn Sie eins der Schreiben bekommen haben und nicht an Vodafone-Angeboten interessiert sind, können Sie es einfach ignorieren, trotz der aufgedruckten Frist.

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