Vorstoß Gruner + Jahr plant Online-Kiosk

Schneller ist ein Trend selten über den Atlantik geschwappt: Der deutsche Verlag Gruner + Jahr ("Stern") folgt dem Beispiel von US-Verlagen und plant eine firmenübergreifende Vermarktungsplattform. Der Gedanke dahinter: Will man Bezahlinhalte durchsetzen, geht das nur in Kooperation.

Bernd Buchholz, Vorstandsvorsitzender Gruner+Jahr: Kooperationen fürs Bezahl-Web?
dpa

Bernd Buchholz, Vorstandsvorsitzender Gruner+Jahr: Kooperationen fürs Bezahl-Web?


Hamburg - Zusammen mit Wettbewerbern auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt will der Hamburger Verlag Gruner + Jahr einen Online-Kiosk zur Vermarktung von Medieninhalten übers Internet aufbauen. "Wir brauchen eine Lösung, bei der die Angebote vieler Verlage einfach aufrufbar sind und die Nutzer diese auch einfach zahlen können", sagte Vorstandschef Bernd Buchholz der Zeitung "Rheinische Post".

Dazu wäre es schlau, wenn sich die Verleger für die erforderlichen technischen Strukturen in einem großen Rahmen austauschten. Er spreche mit dem einen oder anderen über das Thema, erklärte Buchholz: "Da gibt es verlagsübergreifende gemeinsame Interessen, die ausgelotet werden müssen."

Die Diskussion ist nicht neu: Schon ab Mitte der Neunziger gab es in Deutschland Debatten darüber, ob man auf kooperativem Wege eine Art kostenpflichtiges Quality-Web schaffen könne. Die Chance wurde nicht wahrgenommen, die Verlage fanden zu keinen Kooperationen. Nur wenige setzten auf Abo-Modelle, doch Experimente mit Bezahlmodellen scheiterten in Deutschland nicht weniger gründlich als in den USA.

Notwehr: Die Krise frisst Medien

Zudem schien in den Jahren nach dem Dotcom-Crash, der die letzte massive Branchenkrise eingeleitet hatte, ein Ende des Wachstums des Online-Werbemarktes nicht absehbar. Noch 2007 galt die Doktrin, mit Werbung lasse sich Online-Publishing besser refinanzieren als mit Zahlungen. Dem exponentiell wachsenden Lesererfolg im Online-Publishing stand und steht aber eine werbliche Refinanzierung gegenüber, die in den meisten Fällen die Kosten nicht deckt: Nur sehr wenige Verlage arbeiten Online profitabel.

Seit dem Banken-Crash, der die noch immer anhaltende Wirtschaftskrise einleitete, ist immer weniger absehbar, ob und wann Online aus dem Defizit herauskommen könnte. Zwar erleidet der Online-Werbemarkt nicht so krasse Einbrüche wie der Print-Werbemarkt, hat inzwischen aber ebenfalls ins Minus gedreht. Zuerst in den USA, ist inzwischen auch in Europa die Diskussion um Bezahlinhalte wieder aufgelebt.

Das Problem dabei: Alleingänge funktionieren nicht. Der Medienunternehmer Rupert Murdoch hat im Spätsommer trotzdem einen angekündigt und verbindet damit die Hoffnung, andere Medienhäuser mitzuziehen. Jetzt scheint es, als könnte diese Hoffnung aufgehen: Am 24. November verkündeten die vier US-Großverlage Condé Nast ("Wired", "Vanity Fair"), Time ("Sports Illustrated"), Hearst ("Cosmopolitan", "Esquire") und Meredith ("Better Homes", "Fitness"), gemeinsam eine Bezahl-Plattform im Internet organisieren zu wollen. Jetzt zog Gruner + Jahr nach - wenn auch erst mit einer Absichtserklärung.

Gemeinsam oder gar nicht?

Bereits am Wochenende folgte in Großbritannien ein erster Großverlag Murdochs Beispiel, der vor kurzem angekündigt hatte, dass seine britischen Zeitungen ab dem Frühjahr 2010 im Web kostenpflichtig werden sollen. Das will nun auch der Verlag Johnston Press versuchen, Großbritanniens größter Regionalpresseverlag: Zunächst sechs der Zeitungen des Verlages sollen testweise hinter einer "Bezahlwand" verschwinden. Johnston veröffentlicht rund 300 regionale und lokale Zeitungen.

Generell ist die Skepsis unter Medienmachern noch groß, ob Bezahlmodelle funktionieren können. Im Gespräch mit der BBC kommentierte Emily Bell, die beim "Guardian" das digitale Geschäft leitet: "Wenn man damit beginnt, den Zugang zu einer Website zu beschränken, deren Inhalte in ähnlicher Form auch woanders zu haben sind, dann schränkt man wirklich die Zahl der Leute ein, die die Website besuchen."

Genau das ist der Gedanke hinter den Plänen von Murdoch, Condé Nast und Gruner + Jahr: Durchzusetzen ist das Bezahl-Web nur, wenn es alle mittragen - also branchenweit, ganz oder gar nicht.

pat/AP



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Seite 1
A.M.HB, 30.11.2009
1. Zum Gelde drängt doch alles...
Zitat von sysopSchneller ist ein Trend selten über den Atlantik geschwappt: Der deutsche Verlag Gruner Jahr ("Stern") folgt dem Beispiel von US-Verlagen und plant eine firmenübergreifende Vermarktungsplattform. Der Gedanke dahinter: Will man Bezahlinhalte durchsetzen, geht das nur in Kooperation. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,664216,00.html
Ja, konnte man lesen: Gruner+Jahr plant zusammen mit Mitbewerbern von usern zu bezahlende Internet-Angebote. Will der "Spiegel" jetzt per Forum ausloten, wie dessen Leser dazu stehen und sich gegebenenfalls an dieser Plattform beteiligen? Die meisten Angebote im Internet sind kostenlos und erfreuen sich gerade deswegen großer Nachfrage. Das wird sich zumindest durch private Nutzer ändern, wenn bezahlt werden soll. Und zwar zusätzlich zu den Werbekosten, die der Verbraucher ja auch finanziert.
bepekiel 30.11.2009
2. Mal wieder wurde in Deutschland geschlafen!
Haben vor ca. 4-5 Jahren ein solches Konzept schon gehabt. Zeitungen, Zeitschriften etc. unterschiedlicher Verlage in einem Kiosk anzubieten. Die Software von Adobe gekauft, domain angemeldet, den shop voll programmiert, mit allen möglichen Sicherheitseinstellungen, Bezahlmöglichkeit, eigener Bereich eines jeden Benutzers etc.. Haben ca. 6 Monate für die Realisierung gebraucht: Was war das Resultat bei Nachfragen in deutschen Zeitungsverlagen: kein Interesse, oder haben unsere Ausgaben auf der eigenen Seiten zur Verfügung gestellt, oder die Ausgaben stehen nur dem Printabonnenten zur Verfügung, etc. etc.. Wir hatten nur Kopfschütteln übrig und mussten dann unser Projekt einstellen. Für mich hängt was technologische Anwendungen immer zurück, da hier immer sehr konservative Denkungsarten angesagt sind.
olivetti 30.11.2009
3. Appsolutely!
Das WWW wird seinen freien Charakter behalten und weiter verstärken. Von Insellösungen würde ich jedem Verlag nur abraten - nicht zuletzt das Scheitern von AOL (= Premium Services und Inhalte für Premium User) sollte dafür Beispiel und Warnung genug sein. Ich würde eine schlüssige Channelstrategie empfehlen: Kostenlos, realtime und interaktiv im WWW - kostenpflichtig, zeitversetzt und hintergründig in geschlossenen Kiosksystemen: Zeitschriftenkiosk (Print), Itunes und Amazon Kindle etc. (Digital). Damit bleiben die Anbieter auf allen Kanälen präsent, können Synergien und Quersubventionierungen realisieren und der Leser weiß zu differenzieren, wofür er ggf. wo etwas bezahlen soll oder auch nicht. Strategien wie Murdochs News nur noch in Bing oder Springers iPhone Diskriminierung (iPhone User bezahlen für freie www Inhalte auf dem iPhone) dagegen sind zum Scheitern verurteilt, da a.) für den Leser nicht schlüssig und b.) kein Mehrwert dahintersteckt. Vielversprechender scheint dagegen die angekündigte Spiegel App für das iPhone: Printausgabe auf dem iPhone - kostenpflichtig, zeitversetzt und hintergründig. Sicherlich zunächst etwas zu klein auf dem iPhone, aber wenn erstmal das Mac Tablet erscheint, dann genau richtig - Kompliment Spiegel!
Kabe 30.11.2009
4. Wenn das Apple macht...
...wird's ein Erfolg. Vermutlich versuchen sie es den Verlagen gerade zu verkaufen, und diese glauben, das können sie doch besser alleine...
frubi 30.11.2009
5. .
Zitat von sysopSchneller ist ein Trend selten über den Atlantik geschwappt: Der deutsche Verlag Gruner Jahr ("Stern") folgt dem Beispiel von US-Verlagen und plant eine firmenübergreifende Vermarktungsplattform. Der Gedanke dahinter: Will man Bezahlinhalte durchsetzen, geht das nur in Kooperation. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,664216,00.html
Man sieht doch am Pay-TV wie sehr die Deutschen die Schnauze voll haben für jede Sache Geld auf den Tisch zu legen. Ich persönliche gehe gar nicht davon aus, das SPON mir das selbe bietet wie die Printausgabe. Muss auch nicht. SPON ist für mich eine kurzfriste Sache. Ich lese mir bei SPON auch keine langen Berichte durch sondern schau eher auf aktuellere Artikel. Mit der Printausgabe bin ich allerdings fast die ganze Woche über beschäftigt und les mir diese zu 90% durch. Dafür zahle ich auch gerne. Aber alles andere geht mir eindeutig zu weit. Sollen die ruhig machen. Danach aber bitte keine Klagelieder wie die Jungs und Mädels von SKY. Der böse deutsche Konsument. Gibt kein Geld mehr aus welches er nicht hat.
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