Wahlkampf im Netz Washington D.C. digital

In den Wahlkampfzentralen, den Internet-Agenturen und Blogger-Büros des US-Wahlkampfes hat sich Tobias Moorstedt umgesehen. In seinem Buch "Jeffersons Erben - wie die digitalen Medien die Politik verändern" berichtet er über seine Streifzüge. Heute: Zwei Emporkömmlinge lehren das Polit-Establishment das Fürchten.


Es war eine lange Reise, aber nun sind Thomas Gensemer und Macon Phillips endlich angekommen im Zentrum der Macht. Die Adresse ihres Büros und die Wegbeschreibung, die sie dem Besucher liefern, sind schon Beweis genug. 734 15th Street, Washington, D.C., Bezirk Capitol Hill. "Einfach die Pennsylvania Avenue entlang, am Weißen Haus vorbei und dann rechts abbiegen."

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Es herrscht Hauptstadtatmosphäre: Selbstbewusste Männer in dunklen Anzügen sitzen in der National Mall auf den Holzbänken und reden mit präzisen Gesten, Handkantenschlägen und Zeigefingern, aufeinander ein. 20 Meter entfernt haben ein paar Anti-Kriegsdemonstranten eine Zeltstadt aufgebaut, sie tragen Dick-Cheney-Masken aus rosa Gummi, scheuchen überraschte Touristen über den Rasen und rufen: "Buuuh, ich bin der böse Dick." Polizisten und die Nationalgarde bewachen Straßensperren und Zugangswege.

Schulklassen laufen aufgeregt zwischen Monumenten und Ministerien hindurch, über der Postkarten-Szenerie flattern rot-weißblaue Fahnen im frischen Frühlingswind.

Gensemer und Phillips gehörten zu einer Gruppe von jungen Programmierern und Studenten, die 2004 versuchten, Howard Dean, den Gouverneur von Vermont, mit Hilfe von Weblogs und Internet- Aktivismus zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu machen. Durch den Hype sammelte Dean in den Vorwahlen viele Millionen Dollar und noch mehr mediale Aufmerksamkeit, am Ende unterlagen er und seine jungen Helfer aber doch dem Establishement aus "D. C.".

"Deaniacs" und "Deaniebabys" wurden die Web-Wunderkinder von der Presse genannt, verrückte Teenager und Erstwähler, die auf ihren Laptops einen magischen Sommer lang einen politischen Sturm programmierten. Was die Politik- und Mediennomenklatura in Washington aber nicht verstanden hatte, war: Die Deaniebabys waren keine naiven Politgroupies, die die Wahlen ähnlich flüchtig-intensiv betrachteten, wie ein neues Turnschuhmodell oder die aktuelle Platte von N.E.R.D, sondern eine Alters- und Wissenskohorte, ausgestattet mit digitaler Kompetenz sowie dem Gefühl, "dass der demokratische Prozess in einer Krise steckt", wie Gensemer sagt.

Die Blogger, Programmierer, Organisatoren und Webmaster gingen nach der Wahl also nicht mit hängenden Köpfen zurück in die Hörsäle, sie blieben in Washington, entschlossen, wie sich Gensemer erinnert, "etwas Neues auszuprobieren".



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