Wahlkampf im Netz Wie Obama mit kleinen Spenden reich wurde

In den Wahlkampfzentralen, den Internet-Agenturen und Blogger-Büros des US-Wahlkampfes hat sich Tobias Moorstedt umgesehen. In seinem Buch "Jeffersons Erben - wie die digitalen Medien die Politik verändern" berichtet er über seine Streifzüge. Heute: Wie Obama zum reichen Kandidaten wurde.


Wandel? Hoffnung? Gemeinschaft? "Die Geschichte von Obamas Erfolg handelt auch von Geld", schrieb das Magazin The Atlantic im Juni 2008, "seine Erfolge im Spendensammeln haben es ihm erst ermöglicht, mit der mächtigsten Familie der Demokratischen Partei auf Augenhöhe zu kämpfen – und sie dann zu überholen, eine Familie, die sich der Macht des Geldes in der Politik bewusst ist und ein Netzwerk von reichen Spendern kontrolliert, das die Demokraten in den letzten Jahren finanziert hat."

Spenden-Button auf Obama-Seite: Geld vom kleinen Mann

Spenden-Button auf Obama-Seite: Geld vom kleinen Mann

Das Internet hat in nur wenigen Jahren die Art und Weise revolutioniert, mit der in den USA Spenden gesammelt werden. Laut dem McCain-Feingold Act, der seit 2004 die Kampagnen-Finanzierung regelt, darf ein Bürger maximal 2 300 Dollar für einen Politiker spenden. Die Kandidaten versuchten lange Zeit, möglichst viele maximal hohe Spenden zu sammeln, indem sie beispielsweise eines der legendären Fundraising-Dinner veranstalteten, bei denen ein mittelklassiges Menü genau 2 300 Dollar kostet, wobei man nicht nur für Maishähnchen und Rotwein bezahlt, sondern auch für die Präsenz des Kandidaten. Routinierte Fundraiser wie Bill Clinton oder George W. Bush erledigen mehrere solche Termine an einem Tag und unterhalten ein Netzwerk von reichen Freunden, Geschäftsleuten und Lobbyisten, das sie in jedem Wahlkampf erneut aktivieren.

Der politisch-industrielle Spendenkomplex wurde von sogenannten "Bundlers" dominiert, einflussreichen Politakteuren mit guten Verbindungen, die mit dicken Rolodex und Adressbüchern eine große Zahl von reichen Spendern "bündeln" können – George W. Bush gab den semiprofessionellen Spendensammlern 2004 je nach Ertrag Titel wie "Pioneer" oder "Ranger". Bis 2004, so steht es im Buch The Buying of the President, hat das eine Prozent der reichsten Amerikaner für mehr als 80 Prozent der politischen Spenden gesorgt. Die Arbeiterklasse und die Mittelschicht wurden von Parteien und Politikern jedoch weitgehend ignoriert.

Als Barack Obama im Herbst 2006 seine Kandidatur vorbereitete, hatte er keinen Zugang zu den entscheidenden Netzwerken in Hollywood oder unter New Yorker Investmentbankern, jenen Milieus also, die traditionell die Demokraten unterstützen. Obama fand seine Fans und Sponsoren im Silicon Valley und in der Bay Area bei San Francisco, dem Technologie-Mekka im reichsten Teil des reichsten Bundesstaates der USA. Vielleicht erinnerte der junge Senator die Internet-Unternehmer und Venture Capitalists ja an ein Startup-Projekt, er hatte ein gutes Image, ein richtungsweisendes Konzept, aber keine Infrastruktur. So hatten auch die Gründer von Google, YouTube und Facebook angefangen. Wichtiger als das Geld, das aus dem Silicon Valley in die Obama-Kampagne floss, waren jedoch die Technologie und das Ethos der digitalen Welt.

Mybarackobama.com ist ein effektives Fundraising-Werkzeug, "eine beeindruckende Gelddruckmaschine" nannte The Atlantic die Seite. Mit einem Klick auf den Button "Donate", der gleich fünf Mal auf der Seite zu finden ist, gelangt man auf ein Webformular, in das man nur noch einen Betrag und die entsprechenden Kreditkartendaten eingeben muss. Click and pay – die Menschen haben sich in den letzten zehn Jahren auf Amazon und iTunes an Online-Shopping und -Bezahlsysteme gewöhnt. 2008 nahm Obama so jeden Monat über 20 Millionen Dollar ein, den Rekord stellte er im Februar auf, als sein Hauptquartier ein Spendenaufkommen von 55 Millionen Dollar meldete – 45 davon kamen über das Internet. Seit sie erst einmal richtig in Fahrt gekommen ist, läuft die Gelddruckmaschine, und der Kandidat musste dafür kein Fundraising-Dinner besuchen. Der Vorteil des Reichtums ist nun, dass er sich auf andere Dinge konzentrieren kann. Rospars und seine Kollegen aus dem New Media Department entwickelten immer wieder innovative Spendenmodelle, etwa die Abospende, bei der jeden Monat ein fester Betrag von der Kreditkarte abgebucht wird.

Das soziale Netzwerk macht jeden, der es will, zu einem potentiellen bundler. Viele Mitglieder von mybarackobama.com haben sich verpflichtet, eine bestimmte Summe aufzutreiben, sie aktivieren ihre Freunde und Verbindungen – ein Thermometer auf ihrer persönlichen Unterseite misst den Erfolg.

Hillary Clinton und John McCain begannen erst im Frühjahr, ihre Anhänger am Ende jeder ihrer Reden zu bitten, doch auf die Webseite zu gehen und eine Spende zu tätigen. Im Mai lancierte die Clinton-Kampagne eine Seite, auf der potentielle Spender bestimmen konnten, für welchen Zweck ihr Geld ausgegeben werden soll (für Online-, TV- oder Radiowerbung etc.). Eine innovative Idee, die allerdings zu spät kam. Hillary Clinton hatte sich zu sehr auf das Netzwerk ihrer reichen Anhänger verlassen, die im Verlauf des langen und extrem teuren Vorwahlkampfs allerdings bald alle die maximale Summe von 2 300 Dollar gespendet hatten – die Geldquelle trocknete allmählich aus. Obama hingegen konnte bis Juli 2008 mehr als 1,5 Millionen einzelne Spender gewinnen und mit E-Mails, SMS und Anrufen ("Will you please donate 25 Dollar") immer wieder neue Einnahmen generieren. Laut der Berichte, die Obamas Team jeden Monat bei der FEC abliefert,5 waren 94 der Spenden kleiner als 200 Dollar – der entsprechende Wert Hillary Clintons lag bei 26, der von John McCain nur bei 13 Prozent.

Obama hat im Zeitraum zwischen März 2007 und Juli 2008 etwa 280 Millionen Dollar eingenommen und damit mehr als George W. Bush im gesamten Wahlkampf 2004. Das Konzept der vernetzten Kleinspender ist der altmodischen, elitefixierten Variante eindeutig überlegen. Das soziale Netzwerk verschaffte dem Außenseiter eine Infrastruktur, mit der er Zuneigung und Interesse in Geld und Arbeit umwandeln konnte – etwas, das anderen insurgent candidates wie Gary Hart oder auch John McCain im Jahr 2000 gefehlt hatte – nicht umsonst heißt es auf mybarackobama.com, seine Kandidatur sei die erste in der Geschichte des Landes, die wirklich vom Volk finanziert werde.



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