Wahlkampfsatire Oh Obama, küss mein Baby!

Eigentlich wollte sich der US-Student Kareem Shaya nur einen Scherz erlauben - jetzt erregt seine Seite weltweit Aufsehen. Mit "Send Barack your Baby!" karikiert er eines der wichtigsten Rituale im US-Wahlkampf: Kinder küssende Politiker.

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Ein Kandidat auf dem Weg zum höchsten Staatsamt hat normalerweise wenig Gelegenheit, seine Menschlichkeit unter Beweis zu stellen. Erwartet werden von Wahlkämpfern absolute Präsenz und ein Ohr für die Nöte der Menschen vom Sozialhilfeempfänger bis zum Unternehmer, ohne sich dabei mit dem Wahlvolk allzu gemeinzumachen. Küssen und Knuddeln - das geht da natürlich gar nicht.

Es sei denn, der Politiker entdeckt irgendwo im Publikum einen Bürger unter sechs Kilogramm, vorzugsweise von Mama in die Höhe gestemmt: Schnell stürzen sich da geistesgegenwärtige Kandidaten wie Amtsinhaber auf das brabbelnde Bündel. Weil sie ja wissen, dass Babys küssen Glück bringen soll, die Kinder sich in der Regel nicht wehren, und man so nebenbei auch herrlich menschlich erscheint (die Politiker, nicht die Babys).

Das Ritual, den eigenen Nachwuchs von Politikern, Häuptlingen, Clanchefs, Priestern, Päpsten, Königen und sonstigen Oberchargen küssen zu lassen, ist in vielen Kulturen so fest verankert, dass man kaum über seinen Sinn und Zweck, aber auch seine Risiken und Nebenwirkungen nachdenkt. Dafür sind schon Querdenker nötig, die den Vorgang des Baby-Herzens gegen den Strich bürsten.

Lemmy Kilmister, im weitesten Sinne Sänger von Motörhead, tat dies 2003 gekonnt in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" - und lieferte die ultimative Analyse in nur vier Sätzen: "Politiker küssen Babys, um an der Macht zu bleiben! Können Sie sich das vorstellen? Anderer Leute Babys küssen? Ich küsse nicht mal meine eigenen Babys!"

Das glauben wir auch, und zwar beides. Und weil das so ist, verstehen wir auch, warum der Student Kareem Shaya glaubte, die Sache einmal auf den Arm nehmen zu müssen - genauer gesagt Barack Obama, im aktuellen US-Wahlkampf der klar führende Baby-Stemmer.

Denn eigentlich, sagt Shaya, habe er vorgehabt, auch dem republikanischen Kandidaten John McCain eine "John, küss mein Baby"-Seite zu gönnen. Das sei ihm nach einigem Überlegen aber als "weniger passend" erschienen. Stimmt, McCain küsst keine Babys, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht bietet sie ihm ja auch keiner an. Oder er sieht sie nicht in der Menge.

Aber Obama sieht sie. Und weil der, so Shaya, so viel unterwegs sei, könne er natürlich nicht alle Kinder küssen, die von ihm geküsst werden sollten. Doch kein Problem, wozu gibt es die Post? Shayas Vorschlag: Eltern sollten ihm ihr Baby doch einfach schicken. Ab in den Karton, Küsschen abholen und schon bald sei der kleine Fratz wieder da. Der Kandidat, verspricht Shayas Obama-Seite, werde das geherzte Kind "binnen 14 Werktagen" zurückschicken.

Dass aus dem "albernen Scherz", den er sich mit der Seite habe erlauben wollen, ein inzwischen weltweit als gekonnte Wahlkampfsatire wahrgenommenes Web-Angebot werden würde, habe er weder geplant noch geahnt, sagt Shaya.

Und dass er hoffe, dass nicht wirklich jemand sein Baby verschicke.

Mit Informationen von AFP

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