Pionierinnen der digitalen Welt Diese Frauen schrieben Computergeschichte

Jahrzehntelang prägten Frauen die IT-Welt, erst in den Achtzigern wurde die Branche zur Männerdomäne. Steve Jobs' Biograf Walter Isaacson porträtiert in "The Innovators" Pioniere des digitalen Zeitalters - auch die weiblichen.
Ada Lovelace: "Musik jeder beliebigen Komplexität"

Ada Lovelace: "Musik jeder beliebigen Komplexität"

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

Wer in Harvard eine Naturwissenschaft studiert, stößt unweigerlich auf Mark I. Viele Tonnen schwer und angetrieben von einem mechanischen Motor steht dieses Überbleibsel aus den Anfängen des Computerzeitalters im Foyer des Science Centers der Universität. Zahnräder schnurrten und Relais ratterten, als das Ungetüm einst die Flugbahnen von Geschossen berechnete und die Implosion der ersten Plutoniumbombe simulierte. Mark I war der einzige voll programmierbare Computer der Alliierten im Zweiten Weltkrieg.

Wer die Tafeln studiert, die zur Erläuterung vor der Maschine aufgestellt sind, stößt auf ein erstaunliches Detail: Es war eine Frau, die diesen Dinosaurier des digitalen Zeitalters bändigte: Marine-Leutnant Grace Hopper war beauftragt, die Programme auf diesem Rechner zum Laufen zu bringen (auch wenn diese damals noch nicht Programme hießen). Eine Frau stand mithin am Anfang der Informatik.

Auch sonst schrieb Grace Hopper Computergeschichte: Sie verfasste das erste aller Rechnerhandbücher, sie erfand den ersten Compiler, und die erste Programmiersprache (COBOL) trägt ebenfalls ihre Handschrift. Zudem ist es ihr zu verdanken, dass der Begriff Bug (für Fehler) Eingang in den Jargon der Informatiker fand: Auf der Suche nach einem Schaltfehler entdeckte sie eine tote Motte, die ein Relais blockierte. Sie klebte das Insekt ins Laborprotokoll und notierte: "Der erste echte Bug".

Eine überwiegend männliche Welt

Diese Verdienste haben Grace Hopper einen Platz unter den "Hackern, Genies und Geeks" beschert, die Walter Isaacson in seinem neuen Buch porträtiert. Der Autor der viel beachteten Steve-Jobs-Biografie hat jetzt ein Nachfolgewerk auf den Markt gebracht. In "The Innovators" schildert er die digitale Revolution in Form einer Sammelbiografie ihrer wichtigsten Pioniere.

Zwar sind in Isaacsons Auswahl Frauen nur vereinzelt vertreten. Denn zweifellos sind die Garagen der Nerds und die Programmierstuben der Hacker eine überwiegend männliche Welt. Der Transistor, der Mikrochip, der PC und das Internet - sie alle wurden von Männern erfunden.

Dennoch prägten auch Frauen Computergeschichte, besonders in deren Frühzeit. Und "The Innovators" lässt sich durchaus als Würdigung ihres oftmals vergessenen Anteils an der digitalen Revolution verstehen. So stellt Isaacson gleich zu Beginn seiner Digitalhistorie dem Leser eine ihrer erstaunlichsten Figuren vor: die exzentrische britische Mathematikerin Ada Lovelace. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts sah sie verblüffend visionär eine Revolution voraus, die erst hundert Jahre später die Welt verändern sollte.

Eine Art Manifest des digitalen Zeitalters

Hervorgegangen aus der unglückseligen Ehe ihrer mathematisch begabten Mutter mit dem schwärmerischen Dichter Lord Byron verbanden sich in Lady Lovelace romantische und rationale Veranlagung zu der Sehnsucht nach einer "poetischen Wissenschaft". Und sie wusste auch, wie sich ihr Traum würde verwirklichen lassen: mit Hilfe eines Rechenautomaten. Inspiriert war sie von dem Gelehrten, Mathematiker und Erfinder Charles Babbage, der eine erste komplexe Rechenmaschine konzipiert hatte. Überschwänglich begeisterte sich Lovelace für die Schönheit dieses Apparates und verfasste darüber 1843 veröffentlichte "Notizen". So weitsichtig sind ihre Betrachtungen, dass ihr Text inzwischen als eine Art Manifest des digitalen Zeitalters gilt.

Lovelace entwarf darin nicht nur die Vision eines universell programmierbaren Automaten, sondern formulierte auch den ersten expliziten mathematischen Algorithmus. Ja, sie begriff sogar, dass ein mechanischer Rechner nicht nur Zahlen, sondern jedwede Art von Symbolen würde handhaben können. Eine solche Maschine, so schrieb Lovelace, könne zum Beispiel "Musik jeder beliebigen Komplexität komponieren".

Es sollte fast ein Jahrhundert vergehen, ehe sich Lovelaces geistige Nachfahren daran machten, ihre Ideen in die Tat umzusetzen - und wieder spielten Frauen eine Rolle dabei. Isaacson schildert, wie um 1940 an mindestens fünf Orten der Welt - in einem Berliner Wohnzimmer, auf dem Landsitz Bletchley Park nördlich von London, in einem Keller in Iowa, in einem Labor der University of Pennsylvania und in der IBM-Fabrik im US-Bundesstaat New York - fast gleichzeitig Bastler mechanische Relais oder Vakuumröhren zu rechnenden Maschinen zusammensetzten. Und allesamt waren sie Männer.

Software war Frauensache

Doch während die Hardware von Beginn an eine männliche Domäne war, blieb die Software zunächst dem weiblichen Geschlecht vorbehalten. Nicht nur der IBM-Rechner Mark I wurde von einer Frau programmiert. Auch beim Konkurrenzprojekt Eniac, dem voll elektronischen Rechner der University of Pennsylvania, bestand das Team der Softwareentwickler aus sechs Frauen.

Zwar dauerte es nach dem Krieg nicht lange, bis auch Männer Interesse an der Software zeigten. Doch räumten die Frauen keineswegs umgehend das Feld. Im Gegenteil: An den frisch gegründeten Fakultäten für Computerwissenschaften stieg die Zahl der weiblichen Studenten vielerorts rascher als die der männlichen.

Erst Mitte der Achtzigerjahre - der Frauenanteil unter den Informatik-Absolventen der US-Universitäten war mittlerweile auf 37 Prozent gestiegen - verzeichnet die Kurve plötzlich einen Knick. Während die Zahl der Physik- oder Medizinstudentinnen weiter kletterte, begann diejenige ihrer Kommilitoninnen im Fachbereich Informatik zu schwinden. Bis zum Jahr 2013 hatte sich ihr Anteil auf nur noch knapp 20 Prozent halbiert.

Die PC-Industrie setzt fast nur auf Jungen

Was war mit all den Programmiererinnen passiert? Was hatte sie aus den Universitäten vertrieben? Eine Antwort gibt Isaacsons Werk nicht. Und doch könnte gerade eine der großen Innovationen, denen er sein Buch gewidmet hat, den Ausschlag gegeben haben: Die jungen Frauen in den Informatik-Fachbereichen blieben nämlich genau zu dem Zeitpunkt aus, als der PC Einzug in die Wohn- und vor allem die Spielzimmer hielt. Eindrucksvoll schildert Isaacson, wie der PC aus dem spezifischen kulturellen Amalgam von Protest- und Hippiebewegung in Kalifornien hervorging. Während die politische Linke die Großrechner der Industrie und der Regierung lange als Orwellsche Herrschaftsinstrumente angeprangert hatte, begrüßte sie begeistert die Vision eines Computers für Jedermann. Der PC wurde als Symbol der Selbstverwirklichung und der Freiheit begriffen.

Paradoxerweise aber dürfte gerade diese Neuerung die Enkelinnen von Lovelace von der weiteren Entwicklung ausgeschlossen haben. Denn die aufblühende PC-Industrie nahm als Zielgruppe fast ausschließlich Jungen ins Visier.

Bald gehörte der PC im Zimmer jedes technikvernarrten Jungen ganz selbstverständlich zum Inventar. Mädchen dagegen kamen kaum mit Computern in Berührung. Kein Wunder also, dass sie der Informatik fern blieben - zumal ein Mädchen, wenn es doch einmal auf die Idee kam, Programmiererin werden zu wollen, an den Universitäten auf männliche Konkurrenz stieß, die ihr viele Jahre Computererfahrung voraus hatte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.